Schlaflos in Siena

Es ist ein wunderschöner, milder Sommerabend. Gut gekleidete Menschen flanieren durch die Stadt. Ich habe mir ein frisches Hemd angezogen und flaniere mit. Trotzdem bin ich an meinem Rucksack unschwer als Tourist zu erkennen, was aber nicht schlimm ist, da es hier von Touristen wimmelt.
Nicht alle Touristen tragen Shorts und nicht alle laufen in abgerissenen Klamotten herum. Die Lokale rund um Piazza del Campo sind gut besetzt.
Es handelt sich fast ausnahmslos um Restaurants. Die gibt’s hier an jeder Ecke. Gemütliche kleine Restaurants, Pizzerien, edle Läden und einfache Lokale, nur Schnellimbissbuden gibt’s kaum, die Fleischklops- und Frittenbräterketten hat man aus der Altstadt verbannt. Ich habe keinen Hunger. Ich will nichts essen, außerdem ist es langweilig, sich allein in ein Restaurant zu setzen. Es macht auch keiner. wirklich keiner. Nirgendwo sehe ich jemanden alleine an einem Tisch sitzen.
Also gut, ich will irgendwo ein Bier oder einen Kaffee trinken. Gar nicht so einfach.
Die meisten Cafés sind schon geschlossen. Hier und kriegt man noch einen Espresso im Stehen. Rein theoretisch könnte man sich auch an einen der zwei oder drei kleinen Tischchen davor setzen. Ist aber unüblich und man hat das Gefühl, dass der Inhaber jede Minute darauf wartet, den Laden zu schließen. In einem der Restaurants „nur auf ein Getränk“ einzukehren ist ebensowenig üblich. Bleibt die Frage: Wohin gehen die Leute, wenn nicht ins Restaurant?
Die Antwort ist wohl: sie flanieren durch die Straßen.
Zwischendurch kann man ein Eis essen und sich auf die Mauern setzen, etwa rings um die Piazza del Doumo.
Und was macht man, wenn man alleine ist?
Man kann auch alleine flanieren. Ich sehe Leute alleine flanieren.
Korrigiere: ich sehe einzelne Leute zu Fuß unterwegs. Manchmal gut gekleidet. Auf dem Weg zu einem Date, zu einem Abendessen mit Freunden oder Familie?
Nur einmal, ein einziges Mal sehe ich tatsächlich einen jungen Touristen alleine an einem Tisch in einer Pizzeria. Und einmal eine junge Frau, sie sieht einheimisch aus. Vermutlich warten sie auf ihre Partner, die gerade auf Toilette sind oder später kommen.
Einzelgänger erkennt man normalerweise daran, dass sie irgendwas dabei haben, ein Buch, eine Zeitung ein Ipad oder einen E-Book-Reader. Rein theoretisch auch ein Laptop, aber das ist sehr selten.

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