Cafe Hawelka, Wien

Ich war schon lange nicht mehr im Hawelka. Das Kaffeehaus steht in jedem Reiseführer. Es hat eine lange Geschichte und früher einmal trafen sich hier die Revoluzzer und Literaten um Revolutionen zu planen oder darüber zu schreiben. Vor ein paar Jahren noch war die Luft hier zum Schneiden und dicke Tabaksqualmwolken waberten durch den Raum, über die abgeschabten Polstermöbel hinweg, an den mit Plakaten beklebten Säulen vorbei, zwischen den befrackten Kellnern hindurch…. und nichts entging den Augen der betagten Seniorchefin, die auch mit fast neunzig Jahren noch das Regiment führte und hereinkommende Gäste zu freien Tischen dirigierte.
Jetzt ist sie nicht mehr da. Dahin gegangen, wo man mit über neunzig Jahren gehen darf. Aber immer noch gibt es jeden Abend um zehn Uhr frische Buchteln.
Mein Bier kommt auf einem kleinen Silbertablett.
Keine zwei Minuten, nachdem ich Platz genommen habe, schlurft ein Typ an meinen Tisch: Anfang Zwanzig, fettiges Haar, speckiger Anorak.
Er sei Straßendichter, sagt er, und will mir ein Gedicht verkaufen, in Form eines handgeschriebenen, fotokopierten Blattes.
Zwanzig Cent soll es kosten, oder gerne auch mehr, wenn ich ihn bei seiner geplanten Karriere unterstützen möchte. Ich gebe ihm einen Euro, und erst als er schon weg ist fällt mir ein, dass ich mir ja eigentlich das Blatt von ihm hätte signieren lassen sollen, denn wer weiß, vielleicht wird er ja wirklich noch einmal berühmt.

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