Ein Stadtheuriger in Wien

Ein Stadtheuriger, irgendwo im ersten Bezirk, einen Steinwurf vom Stefansdom entfernt. Kopfsteinpflastergassen, Gewölbedecken, rustikales Interieur mit groben Holztischen und die Biedienungen tragen Schürzchen und Hütchen mit karierten, betont bäuerlichen Mustern. Es gibt… alles, was es in Heurigenlokalen halt so gibt, also Wein – nicht nur heurigen Wein – in allen Geschmacksrichtungen und Preisklassen, als Glas, Flasche oder Karaffe, und natürlich gibt’s auch Bier und vorne eine Theke, an der man sich das Essen bestellen kann, also deftig-bäuerliche Kost wie Speck und Knödel und Käse und Würste jeder Art. Die Tische sind groß und der Gräuschpegel ist erheblich, so dass man einander fast anschreien muss, will man mit seinem Gegenüber kommunizieren. Weiter gesteigert wird der Lärmpegel dann durch die Musiker, die in Heurigenlokalen leider oft unvermeidlich sind, hier vorhanden in Form eines Geigers, eines Gitarrenzupfers und eines Akordeonspielers. Es wird also gefiedelt, gezupft und gequetscht, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Endlich ein Aufatmen, als sich das Musikantentrio um die Ecke verzogen hat und die Gäste im Nebenraum belästigt… äh beglückt, der Lärmpegel sinkt ein wenig und dann…. plötzlich ist es still.
Der Fiedler fiedelt weiter, aber ganz leise und unaufdringlich. Gitarrenzupfer und Quetschkomodenquetscher halten still. Und diese Stimme?
Was ist das für eine Stimme?
Da singt jemand! Aber wie!
Eine Opernarie vom Feinsten!
Ich bin nun wirklich kein Musikexperte und Gesang war noch nie meine Sache und Opernarien schon gar nicht…. aber diese Stimme… einfach genial… himmlisch….. köstlich!
Leute stehen von ihren Tischen auf und drängen sich vor den Torbogen, der den Durchgang zum Nebenraum freigibt. Auch ich stehe auf.
Und dann sehe ich sie: eine bildhübsche junge Frau mit langen, dunklen Haaren und zarten, fast, aber nicht ganz asiatisch wirkenden Gesichtszügen, sitzt da ganz locker an einem Tisch, vor sich ein Glas Bier, ihr gegenüber zwei Männer… und sie singt.
Sie beendet das Lied und als alle Gäste applaudieren, wird sie ein wenig rot. Sie schaut nicht ins Publikum, spricht nur kurz mit den Musikern, die gleich noch ein Stück anspielen, und sie singt weiter…. und noch ein Stück….
Ein Grüppchen von Engländern lässt sich mit ihr fotografieren. Mit einem Ohr kriege ich mit, dass sie aus Südafrika kommt, seit ein paar Monaten in Wien lebt und tatsächlich an der Oper singt.
Später dann ist sie weg. Die Musiker fiedeln weiter und einer der Engländer – ungefähr so um die Sechzig und nicht mehr ganz nüchtern – steigt auf eine Bank und imitiert den Can-Can…

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