Wien Westbahnhof: Es geht kein Zug nach Nirgendwo

Lichter der Stadt. Autoscheinwerfer und Rücklichter, die sich in Regenpfützen spiegeln. Leuchtreklamen, Straßenlaternen, das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt, das Rumpeln von Straßenbahnen und auf den Laufbandanzeigen an den Haltestellen steht: „Achtung Glatteis!“. In den Parks liegen noch Schneereste. Ich ziehe meinen Rollkoffer über Bürgersteiger, Bordstein rauf, Bordstein runter, Klappe den Mantelkragen hoch beim Warten im Nieselregen und esse ein Stück Spinatpizza mit viel Knoblauchsoße, das Ding vorsichtig auf dem Pappteller so balancierend, dass mir die Soße nicht über die Kleidung tropft. Ich habe Zeit. Ich habe viel Zeit. Ich habe noch Zeit für einen Kaffee in meinem Lieblingscafehaus, das liegt direkt an der U-Bahn-Haltestelle, und die Bahn braucht genau neun Minuten. Fünf Minuten bis ich unten am Bahnsteig bin. Fünf Minuten warten. Neun Minuten Fahrt. Fünf Minuten von der U-Bahn zum Zug. Zeit, um in Ruhe auszutrinken und mich dann auf den Weg zu machen
Natürlich bin ich ein bisschen nervös. Natürlich habe ich ein bisschen Herzklopfen, wenn es auf die große Reise geht… eine Reise in einem Nachtzug, Schlafwagen, Einzelabteil. Ich freue mich auf das sanfte Schaukeln, das Rattern der Räder über die Schienen, das gelegentliche Quietschen von Bremsen und die geheimnisvolle Stille, wenn der Zug irgendwo stehenbleibt, vor einem Signal oder in einem Bahnhof – vielleicht noch mit quäkender Lautsprecheransage, dann das Geräusch von Zuschlagenden Türen, eine Trillerpfeife und das Rattern, welches dann wieder anhebt…. und am nächsten Morgen ist man dann, etwas verknittert vielleicht, in einer fremden Stadt, in der man sich erst einmal orientieren muss und es ist wie ein Geschenk, welches man ganz geruhsam auspacken muss.
Ja. Darauf freue ich mich also. Ich trinke meinen Kaffee aus, winke der Bedienung, bezahle, greife Mantel und Koffer und gehe hinaus in den abendlichen Nieselregen…. überquere die Straße zur U-Bahnstation, fahre mit dem Aufzug hinunter in den Untergrund, warte vier Minuten, fahre neun Minuten, steige aus und schwebe auf Rolltreppen allmählich nach oben.
Der Westbahnhof wurde vor wenigen Jahren umgebaut zu einer Art großartigem Einkaufszentrum mit Bahnanschluss und alles wirkt noch neu und sauber und wuselig voller Menschen. Menschen, die in den von brusthohen Marmorwänden abgetrennten Sitzgruppen die in den verschiedenen Fastfood-Outlets gekauften Mahlzeiten verzehren, Menschen die auf Züge warten, Menschen, die gerade angekommen sind…
Ich habe immer noch Zeit.
In dem kleinen Lebensmittelladen reicht die Schlange vor der Kasse bis zurück zum Ausgang, aber es geht erstaunlich schnell. Zwei kleine Fläschchen Bier für einsneununddreißig.
Alles wegstecken, den Geldbeutel auch und dann ohne Hektik zum Bahnsteig: Nachtzug nach Venedig, über Salzburg, Villach und Tarvisio Boscoverde.
Bin ich hier richtig?
Menschen stehen in Grüppchen und diskutieren.
Was gibt’s?
„Nach Venedig fahren wir heute nicht!“ sagt ein Typ, der zwar keine Uniform trägt, aber trotzdem so etwas wie eine offizielle Funktion zu haben scheint.
„Und wie komme ich dahin?“ fragt eine Dame.
Der Typ zuckt mit den Schultern.
„Nach Salzburg können’s fahren. Oder auch bis nach Villach. Da ist aber Feierabend. Morgens um halb fünf. Das macht kaum einer!“
„Wie kommt man von dort aus weiter?“
„Gar nicht. In Italien steht alles unter Wasser. Heut geht gar nichts. Morgen auch nicht. Übermorgen wissen wir nicht!“
Meine sorgfältig geplante Italienreisepläne haben sich soeben in ein Nichts zerschreddert.