Ohne einen Pfennig in der Tasche am Brenner

Staunend schaue ich auf die schneebedeckten Berge.
Zwei Polizisten auf Streife und ein paar Einheimische gehen an mir lächelnd vorbei. Eine Kirchturmuhr schlägt. Jetzt habe ich noch zwölf Minuten. Ich gehe ich zum Bahnsteig zurück, der Zug kommt pünktlich, ich finde meinen reservierten Platz, wuchte den Koffer in die Gepäckablage, hänge den Mantel auf, suche Fahrkarte und Geldbörse…. Geldbörse?
Geldbörse?
Im Rucksack?
Im Mantel?
Im Koffer vielleicht?
Wirklich nicht im Rucksack?
Wirklich nicht?
Wirklich nicht!
Noch eine halbe Stunde, dann bin ich ohne einen Pfennig Geld in Italien!
Der Zug schraubt sich ganz langsam und gemächlich durch eine wunderschöne Berglandschaft.
Ich erwische den Schaffner. Der schaut mich mitleidig an, aber immerhin versucht er zu tun, was man tun kann: Sofern sein Handy Netzempfang hat, telefoniert er kreuz und quer durchs Land. Den Schaffner von dem vorherigen Zug erwischt er leider nicht mehr, der hat schon Feierabend. Im offiziellen Fundbüro wurde noch nichts abgegeben. Was man sonst noch tun kann?
„Wenn Sie Glück haben, schmeißt es irgendjemand in ein paar Tagen in irgendeinen Mülleimer und da wird es dann gefunden und an das Fundbüro Ihres Wohnortes geschickt….“
Soll ich einfach weiterfahren? Immerhin: Hotels und Rückfahrkarte sind bereits bezahlt… ich könnte morgens beim Frühstücksbuffet zulangen und dann den Rest des Tages fasten und von Leitungswasser leben…. eine ganze Woche lang? Ohne Ausweis, ohne irgendwelche Papiere?
„Machen Sie keinen Quatsch! Steigen Sie am Brenner aus und fahren Sie nach zurück!“
Und wie kann ich die Fahrkarte bezahlen?
„Wenn der Kollege ganz penibel ist, dann kann er Ihnen eine Zahlungsaufforderung ausschreiben… aber vielleicht ist er ja nett und nicht unbedingt scharf auf überflüssigen Schreibkram!“
Am Brenner steht der Gegenzug schon bereit. Rasch steige ich um und schaukele durch dieselbe, immer noch wunderschön-pittoresk verschneite Berglandschaft zurück nach Innsbruck.
Der Schaffner weiß schon Bescheid und hat kein Interesse an vermeidbarem Schreibkram. Noch einmal schaue ich alles durch: Rucksack, Koffer, Mantel…. nichts!
Ich wage gar nicht daran, zu denken, was ich jetzt tun soll, wenn sich das Portmonee wirklich nicht mehr findet, wovon man ja fast ausgehen kann… Wie soll ich nach Hause kommen, ohne einen Pfennig Geld?
Schwarz fahren und auf gnädige Schaffer hoffen? Und dann zu Hause… Bankkarten sperren lassen, neue Karten beantragen, dazu Ausweis und Führerschein….. es gibt spannendere Möglichkeiten, seinen Urlaub zu verbringen!
Die Landschaft ist immer noch wunderschön, der Schnee wird weniger, verschwindet ganz, wir unterqueren die berühmte Europabrücke und hinter einem Tunnel fangen dann die Häuser von Innsbruck an.
Ich steige aus.
Informationsschalter: „Gehen’s zum Fundbüro, um die Ecke!“
Das ist aber geschlossen.
„Müssen’s halt bis dreizehn Uhr dreißig warten!“
Bis vierzehn Uhr, um genau zu sein, das stand zumindest an der entsprechenden Tür…. oder?
„Sehen Sie den jungen Mann da draußen? Das ist der Kollege vom Fundbüro, schnell, rennen Sie ihm hinterher, dann erwischen Sie ihn noch!“
Ich renne ihm hinterher und erwische ihn. Er bespricht sich mit einem Kollegen, der eine wichtige gelbe „Security“-Weste trägt. Der führt mich in eine geheime Raucherecke hinter der Fahrdienstleiterbürobaracke auf Bahnsteig Eins und fängt an zu telefonieren…. der Zug steht irgendwo auf einem Abstellgleis und wird gerade gereinigt. Hat schon jemand etwas gefunden? In Wagon 32? Oder im Speisewagen? Ja, irgendwo ist jemand auf dem Weg zum Fundbüro mit einer Fundsache… nee, Fehlalarm, das war eine große schwarze Tasche… in Wagon zweiunddreißig war nichts… das Handy des Security-Mannes klingelt. Jawohl, sie haben es gefunden. Im Speisewagen.
Der Security-Mann macht sich auf den Weg zum Abstellbahnhof. Ein Kollege muss ihn begleiten, wegen Vier-Augen-Prinzip, damit niemand sagen kann, er hätte sich etwas in die Tasche gesteckt.
In einer Viertelstunde geht ein Zug nach Venedig. Erwische ich den noch?
Na gut, zwei Stunden später geht auch noch einer….
Die beiden Security-Leute kommen freudestrahlend zurück. Hat alles geklappt. Sogar das Bargeld ist noch drin!
Ich drücke ihnen ein paar Scheine Finderlohn in die Hand und mache mich im Laufschritt auf den Weg zum Bahnsteig, wo der Eurocity nach Venedig gerade einfährt.

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