Auf der Giudecca

Vom Bahnhof will ich bis zum hinteren Ufer des Dorsoduro um auf die Giudecca überzusetzen. Aber ich verlaufe mich in den Gässchen und Kanälen. Hier ist alles nur romantisch, wunderschön. Das Wetter ist kühl, der Himmel bedeckt und man könnte sich auch vorstellen, in Holland oder Belgien zu sein.
Ich gelange zur Piazza Santa Margarita. Ein wunderschöner großer Platz. In jedem anderen Ort wäre so etwas der größte und wichtigste Platz, hier ist es halt einer von vielen Plätzen. Ich esse ein Stück Pizza auf einer der Bänke in der Mitte des Platzes. Jetzt noch einen Kaffee? Nein, ich will weiter, zur nächsten Piazza und gelange in eine sehr ruhige Wohngegend. Der Charakter der Gegend ändert sich: Wohnblocks mit gepflasterten Höfen, hier und dort auch kleine Grünflächen…. und irgendwo hinten am Ende der Straße stehen sogar Autos.
Seit fünf, sechs Stunden laufe ich durch diese Stadt und bin immer noch dabei, hinter jeder Ecke etwas neues zu Entdecken: das ist das Verrückte an dieser Stadt, hinter jeder Ecke IST auch etwas Neues. Okay, kann man sagen, irgendwann ist es halt doch irgendwie das gleiche: romantische Gässchen, Kanäle, Boote und alte Fassaden. Außerdem je nachdem, wo man sich gerade befindet ein Haufen Touristen mit Kameras – so wie ich – und bunte Touristenläden und Lokale mit Speisekarte auf Englisch, oder, die Steigerung davon, Fotos von den wichtigsten Gerichten im Fenster.
Auf den Vaporettos stinkt es penetrant nach Dieselqualm – jedenfalls wenn man sich für die Aussichts-Plätze draußen auf der hinteren Plattform entscheidet. Drinnen stinkt es nicht nach Diesel, aber da sieht man auch nicht so viel durch die beschlagenen Scheiben… Ach ja, und dann geht man eine Straße lang, biegt um eine Ecke und steht plötzlich vor einem Kanal, wo es rechts und links nicht mehr weitergeht, sagt einem ja keiner…
Ja, und dann geht man zurück, um eine weitere Ecke und dann ist da wieder so ein herrlicher Platz mit schönen alten Häusern, der einen oder anderen Kirche, dem einen oder anderen berühmten Gebäude, vielleicht auch ein Denkmal oder so….
Ach, ist das anstrengend!
Ich bin in der Nähe der Piazzale Roma, nehme das nächste Boot in östliche Richtung, nach Zattere, steige um und setze auf die Giudecca über. Da ist eine lange, durchgehende Uferstraße, eine Seitenstraße mit Wohnhäusern, niedrige Gebäude, wieder ganz anderer Charakter, auch Neubauten dazwischen… man gelangt bis auf das Gegenufer, dann finde ich dieses Cafe, ordere einen Cappuccino und ein Croissant.
Ich schaue mich um: Ich bin tatsächlich der einzige Tourist. Außer mir sind da nur Familien mit Kindern und ein Hund, der ständig nach draußen will und entwischt, sobald jemand die Türe öffnet. Vorhin hat ein alter Mann Klavier gespielt. Aber jetzt ist er wieder gegangen und aus der kleinen Anlage in der Ecke dudelt in gemäßigter Lautsträrke Achtzigerjahremusik… diesmal die richtige Achtzigerjahremusik!