Peschici: die weiße Stadt am Meer

Ein Haufen weißer Häuserwürfel auf einem Felsenkamm, der die Bucht überragt.
Nicht so makellos weißgetüncht wie anderswo, keine markanten Bauwerke, die aus dem Würfelhaufen herausragen würden.
Mit dem Auto fährt man eine Serpentinenstraße hinauf. Zu Fuß kann man die Treppen nehmen.
Oben angekommen erreicht man ein Gewusel von engen Gässchen. Nichts Besonderes auf den ersten Blick.

Peschici: Wie der Strand funktioniert

Heute gibt’s Wellen. Die sind zwar ganz zahm, kein Surfer würde sich die die Mühe machen, sein Gerät auszupacken und in anderen Gefilden täte man das Ganze als leichtes Gekräusel ab – hier und jetzt aber ist die Situation so ernst, dass an den Hochsitzen der Strandwächter die rote Flagge gehisst wird.
Die Badegäste halten sich dran. Fast alle. Wer doch reinhupft, der hat heute das ganze Meer für sich allein.
Der Rest bleibt brav auf den Liegen unter gelb-roten oder blau-weißen Sonnenschirmchen oder auf anarchisch ausgebreiteten Strandlaken in der umparzellierten Zone. Da haben sich auch die die afrikanischen Händler niedergelassen: Frisch vom Badetuch gibt es Handtaschen, Turnschuhe, Uhren und frischgepresstes extra-jungfräuliches Olivenöl zu kaufen. Für Letzteres werden nur Bestellungen entgegengenommen, geliefert wird dann direkt zum Hotel.
In Badehose vorbei an schwer arbeitenden Gemüsearbeitern durch den verbotenen Gemüsegarten zu laufen erschien mir doch ein wenig unpassend – stattdessen durchquere ich das parzellierte Areal exakt an der Grenze zwischen der blauweißen und rotgelben Zone, bereit, jederzeit ins Ausland überzuwechseln, falls ich angesprochen werden sollte, aber es interessiert sich zum Glück niemand für meine Grenzverletzungen.
Die vordersten fünf Meter – direkt am Wasser – sind übrigens so eine Art internationale Zone. Da darf man unbehelligt entlangflanieren – oder den Einwohnern aller Zonen vom handgezogenen Wagen herab bunte Tücher und anderen Schnickschnack verkaufen.
Zum Schwimmen zieht man sich dann besser doch wieder an den Hotelpool zurück.

Peschici: Wo ist das Meer?

Aufwachen, frühstücken, und dann ab in den Pool.
Das Wasser ist kühl, der Himmel blau – und das Meer nur einen Steinwurf entfernt. Raus aus dem Pool, das Hotelgelände durch den Hintereingang verlassen und keine hundert Meter weiter, am Ende des asphaltierten Weges beginnt der Strand. Also, schwupps, und… wenn das mal so einfach wäre!
Strände sind in diesem Land streng parzelliert. Links von mir stehen lauter gelbrotgestreifte Sonnenschirmchen akkurat in Reih und Glied vor roten und gelben Sonnenliegen. Den Eingang zum gelbroten Reich ziert ein fröhlicher Torbogen. Eine Reihe von Pfosten markiert die Grenze. Unmittelbar dahinter regieren die blauweißen Schirmchen, ebenso akkurat platziert und das weißblaue Tor wird von einem Zerberus bewacht, begleitet von einem Schild, welches eindeutig klarstellt, dass Personen, die nicht zum weißblauen oder zum rotgelben Kundenkreis gehören hier nichts verloren haben.
Etwa hundert Meter weiter ist ein Streifen sonnenschirmlosen Strandes. Aber wie hinkommen, ohne das weißblaue oder rotgelbe Territorium zu durchqueren? Zwischen dem sonnenschirmfreiem Strand und dem Rest der Welt ist eine Mauer. Darin ist ein Tor. Das steht offen. Hinter dem Tor ist ein Gemüsegarten, der sich bis zur Straße erstreckt. Da ist noch ein Tor. Daran ein Schild, welches sagt, dass es sich hier um Privatgelände handelt und der Durchgang strengstens verboten ist.
Was eine mit Strandutensilien bepackte Familie nicht daran hindert, erhobenen Kopfes hindurchzuschreiten. Dicht gefolgt von einem jungen Pärchen, einem älteren Paar, einer weiteren Familie und einem Herrn mit Hund.
Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich diese Regeln verstanden habe.

Ein Abend in Rimini

Der Zug, der uns aus den Bergen hinausführt, hat Verspätung.
Beim Umsteigen in Bologna ist natürlich der Anschluss weg. Auf dem wuseligen Bahnhof ist es südländisch-sommerlich heiß. Eine Dreiviertelstunde bis zum nächsten Zug und eine weitere Dreiviertelstunde im klimatisierten Schnellzug.
Rimini ist ganz anders als das, was man sich darunter vorstellt. Ehrlich gesagt, habe ich mir gar nichts vorgestellt. Oder vielleicht doch? Die Urlauber, die vor fünfzig Jahren schon hier waren, kommen immer noch her, mit Rollator, Rollstuhl und Elektro-Scooter. In der Innenstadt gibt es einen zweitausend Jahre alten Torbogen, eine ebenso alte Brücke, über die heute noch Autos donnern und noch weitere Baudenkmäler aus dieser Zeit. Dazwischen Kirchen und Paläste – es ist eine sehr alte Stadt, was schon Wikipedia weiß, aber das Stadtbild ist ein bisschen uneinheitlich, unaufgeräumt und durcheinander. Auf der großen Piazza flanieren überwiegend Einheimische.
Am Flüsschen entlang gelangt man zum Meer.
Als die Sonne untergeht, ist es immer noch warm.

Aufbruchsmorgen in Trient

Die Sonne strahlt vom wolkenlos blauen Himmel und die Berge strahlen zurück.
Es ist gar nicht so leicht, ein passendes Café zum Frühstücken zu finden: Lokale gibt’s genug. Auch in den Restaurants und den Bier- und Weinbars bekommt man morgens seinen Kaffee. Die Auswahl fällt schwer. Die Kunst besteht darin, es so zu machen wie die Einheimischen: ein Cappuccino und eines jener pappsüß überzuckerten mit Vanille- oder Schokoladensoße gefüllten Croissants am Tresen im Stehen zu sich zu nehmen – und dabei nicht zu krümeln.
Die Straßen sind belebt. Auf dem Markt wird verkauft, Arbeiter arbeiten, Geschäftsleute telefonieren und Touristen pilgern zur Burg, die wir auf dem Weg zum Bahnhof fast zufällig entdecken.

Der zweite Abend in Trient: Die Kunst des Aperitivo

Mildes, goldenes Abendlicht in der Stadt. Die Piazza sieht von jeder Seite aus anders aus. Die Straßen sind voller fröhlicher junger, junggebliebener und nicht ganz so junger Leute, es geht ums Sehen und gesehen werden.
Im Café am Dom ist Happy Hour. Ich ordere einen Aperol Spritz. Dazu gibt es pikant gewürzte Kartoffelecken. Anderswo gibt es zum Drink kleine Canapés, oder Oliven, Chips und Knabberzeug. Es macht Spaß, Leute zu beobachten.

Von Trient ins Nonstal

In einer Viertelstunde geht der Zug. Aber von wo? In den Fahrplänen am Bahnhof ist er nicht zu entdecken, im Internet genausowenig, und es dauert eine Weile bis wir herausfinden, dass sich am nördlichen Ende des Bahnhofes noch ein kleiner Extra-Bahnhof befindet, mit eigener Bahnhofshalle, zwei blitzsauberen Bahnsteigen und modernen Elektrotriebwagenzügen, in denen es sogar Wlan gibt. Nur Ticketautomaten sind nirgens zu sehen, man muss ganz altmodisch an den Schalter.
Das Bähnchen zockelt los, zunächst durch Vororte, dann weitläufige Obstplantagen, schließlich biegt es in das enge Seitental ein, durch eine Schlucht und dann spektakulär am Hang entlang hinauf in das Hochtal, am Stausee vorbei, durch weitere Obstplantagen, Wald und Berglandschaften zur Endstation Malé.
Wo sind wir hier?
Das Bergdorf ist in der Mittagszeit wie ausgestorben. Die Läden sind geschlossen. Es gibt zwei Kirchen und zwei Cafés und drumherum eine Menge Wald, Fels und schneebedeckte Gipfel.
Wir fahren mit dem nächsten Zug ein paar Stationen zurück nach Clés. Der Ort wirkt viel städtischer. Auf dem Markt gibt es billige Kleidung aus China und alles, was man sonst noch zum Leben braucht. Eine Seitenstraße führt aus dem Städtchen hinaus in die Obsthaine und weiter zu der Burg, die den oberen Teil des Tales bewacht.

ein Abend in Trient

Erster Spaziergang in die Stadt. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Die Straßen sind blitzsauber, es gibt Durchgänge mit Innenhöfen und schließlich landet man auf einer Prachtstraße, die auf den Dom zuführt.
Davor eine Piazza mit einem Brunnen, an der Seite mehrere Cafés. Also Zeit für einen Espresso – natürlich im Stehen an der Bar. Und jetzt noch ein Mineralwasser dazu. Wie ordert man das korrekt auf italienisch? Kann man sich einfach so in der Kühlvitrine bedienen?
Draußen regnet es wieder ganz leicht und die Flaneure packen Regenschirme aus.
Zeit fürs Abendessen. Restaurants gibt es genug: schicke und teure Restaurants, Restaurants ohne Speisekarte und einfache Pizzerien. Die italienische Kunst des Aperitif-Nehmens muss man noch lernen. Und zum Nachtisch ein Eis – da kann man nichts falsch machen in diesem Land. Den Blick über die Piazza und den Neptun-Brunnen, über die bunten Gebäude hinweg auf die Berge gibt es gratis dazu.

über den Brenner nach Trient

Ein kühler Morgen dämmert herauf.
Es ist nicht mehr Sommer und noch nicht Herbst. Sonntagmorgen: in den Straßen ist es feierlich-still, nur am Bahnhof ein bisschen Leben. Immerhin, die Bäckerei ist geöffnet und es gibt Kaffee und Brezeln.
Der Regionalzug steht bereit und zockelt pünktlich los.
Nebelfetzen über den Wiesen.
In München steigen wir in den Eurocity, der uns auf die andere Seite der Alpen bringen wird. Der Zug ist brechend voll. Reisende granteln einander an, schieben voluminöse Koffer durch die Gänge und streiten darüber, wer wem aus dem Weg zu gehen hat. Es geht los. Draußen Nieselregen. Pfützen auf den Wiesen. Dramatisch dunkle Wolken und Nebelfetzen, die durch die Täler wabern. An der Grenze steigt die Schulklasse aus, von hier an wird es allmählich leerer. Der Zug schraubt sich die Berge hinauf.
Am Brenner haben wir eine knappe Viertelstunde Aufenthalt. Am Bahnsteig stehen Polizisten. Ich steige aus, um mir die Füße zu vertreten. Rein theoretisch hätte ich sogar Zeit für einen Espresso.
Dann geht es weiter, ab Bozen ist der Himmel hin und wieder blau, aber beim Aussteigen in Trient nieselregnet es wieder.
Immerhin: ein freundlicher, warmer Sommernieselregen…

London für Einsteiger: Unterkommen

Früher, vor vielen, vielen Jahren, bin ich nach London gefahren ohne mich vorher um ein Dach über dem Kopf zu kümmern. Das ist – damals – meistens irgendwie gut gegangen. Heute würde ich das nicht mehr tun.
Unterkunft in London ist teuer. Schweineteuer. Die Kosten für ein Hotel- oder Hostelbett dürften vor allem für Budgetreisende den größten Teil der Kosten ausmachen. Wichtig auch hier: kümmert Euch vorher darum, bucht möglichst lange im Voraus! Ich kann nur allgemeine Tipps geben, googeln muss jeder schon selbst.

  • Für ein akzeptables Einzelzimmer (entsprechend dem in Deutschland gewohnten „3-Sterne“-Standard) mit Bad in zentraler Lage („Travelcard Zone 1‟) muss man derzeit – Oktober 2017 – mindestens ca. GBP 80, für ein Doppelzimmer ca. 100 GBP pro Nacht rechnen. Gar nicht so selten werden auch Zimmer ohne Bad angeboten, die sind dann ca. 20 bis 30 GBP billiger. Hostel-Betten in Mehrbettzimmern gibt’s mit viel Glück schon ab 15 GBP – man sollte aber eher mit dem Doppelten rechnen…
    Es geht auch günstiger – wenn man Kompromisse eingeht…
  • Wer auf sein Budget achten muss, der hat bei der Hotel- bzw. Hostel-Wahl die Wahn zwischen zwei verschiedenen Strategien:
    • Möglichst nah dran – und ggf. Abstriche machen bei der Qualität. Wobei „Abstriche bei der Qualität‟ im schlimmsten Fall heißen kann: Dreck, Bettwanzen und andere Mitbewohner.
    • Halbwegs anständige Qualität, dafür ggf. ein bisschen weiter draußen. Wobei: „Ein bisschen weiter draußen‟ kann schonmal eine zweistündige Anreise bedeuten. Entscheidend ist die Nähe (Laufdistanz) zur nächsten Bahnstation.
  • Ansammlungen von kleinen und oft relativ günstigen und manchmal durchaus akzeptablen Hotels, B&B’s und Hostels gibt es in der Nähe der großen Bahnhöfe: Victoria, Paddington und Kings Cross / St. Pancras. Alle diese Gegenden sind mit U-Bahn und Bussen sehr gut angebunden.
    Eine weitere Gegend mit verhältnismäßig günstigen Unterkünften ist Earls Court, das liegt jedoch etwas weiter außerhalb.
  • Die großen Hotelketten wie z.B. Travelodge, PremierInn und Ibis haben oft Sonderangebote – die günstigen Zimmer liegen aber oft weit außerhalb. Manchmal bekommt man gute Angebote von Business/Tagungshotels.
  • Wer es mit Couchsurfing probieren will, sei darauf hingewiesen, dass Hosts, die das Glück einer Wohung in zentraler Lage haben, wohl sehr, sehr viele Anfragen bekommen dürften, außerdem sind die Wohnungen oft sehr klein. Der gleiche Hinweis gilt auch für kommerzielle Vermietungen von Privatwohnungen (z.B. AirBnB): Londoner Wohnungen – vor allem zentral gelegene – haben oft nicht denselben Standard, den man von Deutschland gewohnt ist. Vor allem sind sie oft sehr, sehr klein. Das gilt natürlich sinngemäß auch für Hotelzimmer….
  • Alternativen: in Städten übernachten, die eine gute Bus- und Bahnanbindung haben, z.B. Ashford, Canterbury, Cambridge, Reading, Oxford, Rochester, Chatham, Maidstone, Guildford… aus dem Zentrum dieser Städte ist man u.U. auch innerhalb von 1 bis 2 Stunden in London und kommt auch spät abends wieder zurück (die letzten Züge fahren meist gegen 23 Uhr) – allerdings sind die Züge unter Umständen auch recht teuer…
  • Kommerzielle Vermittlung von Privatunterkünften über entsprechende Agenturen gibt’s natürlich auch und sind unter Umständen billiger als Hotels, hierzu habe ich aber ein gespaltenes Verhältnis. Mag jeder sehen, wie er will, ich unterstütze und verlinke es nicht. Dann schon eher die wirklich ehrenamtlichen Netzwerke wie Couchsurfing oder Servas. Ersteres gibt’s seit 2004, Servas hingegen besteht schon seit Jahrzehnten. Beide haben Eines gemeinsam: Hier geht’s um echte Gastfreundschaft!

Szimpla Kert, Budapest

Das Szimpla Kert ist die vielleicht Bekannteste, älteste und etablierteste der sogenannten Abbruchkneipen mitten in Budapest.
Also: ein großes Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, mit mehreren Innenhöfen, die überdacht sind. Der Eingang zu diesem Laden ist betont uneinladend ein richtig fieser Durchgang zum Hinterhof.Das Ding erstreckt sich über zwei Etagen und besteht aus zahlreichen Räumen, von denen jeder anders eingerichtet ist. Die Wände voller Graffiti. Barhocker, Sperrmüll-Mobiliar, Schrott kreativ zusammengeschraubt, Pflanzen, schummeriges Licht.
Ich setzt mich auf das, was früher mal eine Fensterbank war. Rechts von mir ist ein ehemaliges Zimmer einer ehemaligen Wohnung, links eine Art umlaufender Balkon um den ehemaligen Innenhof. Ich befinde mich im ersten Stock. Darüber ist der Innenhof provisorisch überdacht.
Im Innenhof schwebt eine aus Schrott zusammengeschweißte Figur und bunte Glühbirnen.
Leute gehen mit Drinks in der Hand durch die Räume und bestaunen die Einrichtung.
Zwei Pärchen verewigen sich mit Graffiti an der Wand. Eine junge Frau tippt auf ihrem Handy.
Der Laden ist spannend. Wahnsinnig spannend.

Holzklasse im Eurostar

Draußen ist noch Landschaft. Braune, manchmal grüne Wiesen, kahle Bäume, eintönig-weiss-langweiliger Himmel. Auf den Sitzen vor mir eine Vierergruppe von jungen männlichen flämischen Belgiern, die pausenlos auf flämisch reden und lachen, neben mir ein misantropischer älterer männlicher flämischer Belgier, der in einem flämischen Buch liest und mit mir um die Armlehne kämpft. Irgendwo ist ein Zweiersitz frei, aber man traut sich nicht, dort zu sitzen. Könnte ja belegt sein. Stattdessen also eingezwängt zwischen Rucksack und Ellbogen des Nachbarn. Ich versuche, die Füße irgendwo unterzubringen. Zwischen Brüssel und Lille kann ich ein wenig lesen, döse dann an Lille vorbei und werde wach: wo sind wir? Ist das schon England? Flache Landschaft, Felder, sogar Wäldchen und welliges Land…. die Häuser? Grob klotzig. Nein, das muss noch Frankreich sein. Ist es auch, irgendwann kommt die Bahnhofs- und Autoverladeanlage von Calais und dann der Tunnel, ich mache die Augen wieder zu, gibt ja eh nix zu sehen draußen.
Als ich wieder wach werde, bin ich in England. Früher haben sie da immer Ansagen gemacht: Hallo, liebe Leute, jetzt kommt der Tunnel! Und dann: Hallo, liebe Leute, der Tunnel ist vorbei. Als ob man das nicht sehen könnte. Deshalb kommen jetzt auch keine Ansagen mehr, erst kurz vor Ankuft in St. Pancras wird viersprachig verkündet, dass wir jetzt gleich da sind. Leute stehen auf, als ob man so früher rauskäme, dabei steht man nachher vor den Rolltreppen eh in der Schlange

Café Gerbeaud, Budapest

Genau hier fängt die Geschichte von Ben Whitcombe an. Wie ist es, wenn man in die Rolle des Protagonisten seines eigenen Romans schlüpft?
Das Lokal ist noch weihnachtlich dekoriert: Weihnachtsbaum, Tannengrün und das Übliche.
Es ist etwas über sechs Jahre her, seitdem ich zuletzt hier war – weil die Geschichte einfach genau hier anfangen musste und ich zuvor noch nie in Budapest gewesen war. Ganz andächtig habe ich damals jede Einzelheit notiert.
Und jetzt? Vor ein paar Minuten noch war das Lokal fast leer, vermutlich hat es erst um zehn Uhr geöffnet. Jetzt füllt es sich. Mit jeder Minute. Rechts ist der Salon mit den roten Tapeten, ein roter Samtvorhang mit Glitzer-Lichterketten davor, dann zwischen den beiden Räumen der grüne Vorhang. Hier der mittlere Raum mit den grün gemusterten Tapeten, Kristalluster, Stuckdecken dunkle Holzvertäfelung… runde Marmortischchen mit goldenem Fuß, Stühle mit rotbezogener Sitzfläche und dem Logo des Cafes in die dunkle Holzlehne eingearbeit. Im Hintergrund schluchzende Balladen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.
Sonnenstrahlen von draußen, draußen auf dem Platz stehen Touristen mit Wollmützen.
Die Platanen an der kleinen Grünanlage um das Denkmal herum haben keine Blätter.
Aber der Himmel ist blau, das Sonnenlicht intensiv und strahlt durch das Fenster.
Ich sitze hinten, vor der Wand, Blick über das Cafe und über den Platz. Alle paar Minuten zittert der Boden leicht, wenn eine U-Bahn von der Endhaltestelle draußen vor dem Eingang losrumpelt.
Links von mir sitzt eine dreiköpfige Touristengruppe – sie reden wohl italienisch, sie haben einen großen Stadtplan auseinandergefaltet auf einem unbesetzten Stuhl liegen. Vor mir ein junges Paar, sie schreiben Postkarten. Weiter vorne links auf der Bank sitzt eine Vierergruppe. Zwei Pärchen haben es sich in den Nischen an den Fenster bequem gemacht. Mir gegenüber sitzt ein einzelner Japaner, dem Blick vom Fenster weg gerichtet, er hat einen Ipad vor sich aufgebaut und liest.
Der junge Kellner trägt dunklen Anzug mit Weste, einer von den drei Italienern bittet ihn, ein Photo von der Gruppe zu machen, dann stehen sie auf und verabschieden sich.

Tarifa, Sehnsuchtsort am südlichsten Punkt Europas

Tarifa, das ist endlos weiter, weißer Sandstrand, blaues Meer und Wind, viel Wind trotz hochsommerlich-heißer Temperaturen. Nur Schatten gibt’s nicht, den muss man sich selbst mitbringen.
Ein Damm führt zu der kleinen vorgelagerten Insel, die aber Off Limits ist.
Links vom Damm ist das Mittelmeer und rechts der Atlantik. Und im Süden, zum Greifen nah liegt Afrika. Zwei Französinnen fotografieren einander hier am südlichsten Punkt des europäischen Festlands.
Gerade kommt eine Fähre aus Marokko im Hafen an, Autos fahren von Bord, freikirchlich-christliche Aktivisten verteilen Bibeln an muslimisch aussehende Reisende. Auf einer Mauer steht in Riesenbuchstaben, dass man bitte nicht auf den Strand scheißen soll.
Es gibt eine Altstadt mit Cafés und Restaurants, die Läden sind geschlossen wegen Mittags-Siesta. In einer Imbissbude ordere ich eine eineinhalb-Liter-Flasche Mineralwasser und dann noch eine Flasche Orangensaft und schütte Beides in mich hinein. Dann schlendere ich weiter durch die weißen Gässchen, entdecke einen wunderschönen stillen Platz mit einem verwunschenen kleinen Park und gehe dann zum Strand zurück springe ins Wasser und lasse mich vom Wind trocknen.

Briefmarken und Bier in Gibraltar

In einer Seitenstraße kaufe ich ein paar Postkarten. Die Inhaberin des Ladens spricht ein richtig britisches Englisch mit dem Nordenglischen Akzent, den ich von Armeeangehörigen her kenne.
Ich frage, ob man mit „normalen“ englischen Pfund bezahlen kann. Sie schaut mich mit großen Augen an: Natürlich, wir nehmen alles, wo die Queen drauf ist, my dear!
Ich lasse mir das Wechselgeld absichtlich Gibraltar-Münzen rausgeben, nachdem sie mir zuvor absichtlich britische Münzen gegeben hat, „damit ich zu Hause keine Probleme bekomme‟. Das Portrait der Queen auf den Briefmarken wirkt altmodisch – es ist das Bild, welches in Großbritannien selbst in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrhunderts verwendet wurde. In einem Pub an der Hauptstraße feiern sturzbesoffene Jungs in Frauenkleidern einen Junggesellenabschied. Ich trinke ein halbes Pint Langer-Shandy („Alsterwasser‟ bzw. „Radler‟) und dann – bei mediterraner Sommerhitze schon leicht angetüdelt – in einem anderen Pub um die Ecke noch ein zweites Glas. Die Kneipe riecht ur-englisch muffig nach abgestandenem Bier und im Radio läuft BFBS, britische Armee-Sender mit Wetterbericht von den Falklands bis Afghanistan.

Gibraltar: Affen füttern verboten

Die ersten Affen entdecke ich an einer Straßenecke auf dem Weg zum Upper Rock. Sie sitzen auf einem Gartenzaun und knabbern an einem Stück Baguette. Wo sie das wohl her haben? Es ist streng verboten, sie zu füttern, habe ich gerade gelesen. Zwei Französinnen fotografieren begeistert. Kurz dahinter beginnt das Naturschutzgebiet. Ich muss Eintritt zahlen und klettere in der glühenden Nachmittagshitze die vierhundert Höhenmeter hinauf bis zum Gipfel. Affen treffe ich nicht. Erst oben an der Bergstation der Seilbahn finde ich wieder welche. Die Viecher sind ja nicht blöd, die wissen genau, wo sie etwas abstauben können!
Auf dem Rückweg besuche ich dann die „Affenhöhle‟. Keine Höhle, sondern eher ein offenes Freigehege mit Wasserstelle und allem, was man so braucht als Affe auf diesem Felsen.

Gibraltar: Flieger von links

Du bist in Spanien, und zwar ganz unten. Die Sonne knallt gnadenlos vom strahlendblauen Himmel.
Dann kommst Du zu einem Grenzhäuschen, zeigst Deinen Pass, gehst durch und das Erste, was Du siehst ist eine rote, englische Telefonzelle.
Dann musst Du die Flughafen-Rollbahn überqueren. Nein, kein Witz: die einzige Straße von der Grenze in die Stadt führt quer über die Flughafen-Rollbahn. Mit Ampel. Wenn rot, dann Flieger von rechts. Oder von links. Zu Fuß muss man schon ziemlich schnell sein, wenn die Ampel umspringt und man schnell noch rüber möchte!

Lanjaron, Andalusien

Über eine kurvige Bergstraße erreiche ich Lanjaron. Der langgezogene Ort klebt am Berghang und ist berühmt für seinen Wasserreichtum und seine Quellen, wie ich ergoogele, nachdem ich das frickelige Wlan ans Laufen gebracht habe. Außerdem gibt’s hier eine Burg, um die sich seinerzeit Mauren und Christen geprügelt haben.
Über die Dorfstraße ist der Länge nach ein Sonnensegel gespannt.
Vor dem Rathaus ist ein Springbrunnen mit – für diese Gegend – oppulenten Wasserspielen, und überall sind Kübel mit Grünpflanzen und Blumen.
Eine Promenade führt – wie ein Balkon am Hang entlang aus dem Dorf hinaus und dann in einen schattigen Park, voller duftender Pinien…

Montsegur: von Katharrern und dem Heiligen Gral

Montsegur. Ein schweißtreibender Fußmarsch in der August-Mittagshitze, steil bergan mehrere hundert Meter hoch und auf halber Höhe steht ein Kassenhäuschen. Die meisten Besucher, die den engen Pfad hinaufkraxeln sind Franzosen, dazwischen ein paar Spanier und hier und dort ein Deutscher oder Amerikaner.
Die Burg – oder wie auch immer man das nennen will – liegt ganz oben auf dem Gipfel. Übriggeblieben sind nur die mächtigen Außenmauern, drinnen ist ein leerer Hof. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen es hier oben einmal ausgehalten haben müssen, dann wirkt es plötzlich eng und bedrückend. Vor allem, wenn man weiß, dass kaum jemand die letzte Belagerung überlebt hat.
Am Nordhang außerhalb der Burgmauern sind noch ein paar weitere Mauerreste. Man kann sich Terrassen vorstellen. Hier war die Siedlung der Katharrer, eine richtige Stadt, und Felder und Gärten gab es wohl auch. Und wilde Verschwörungstheorien, die sich um den Heiligen Gral, Maria Magdalena, die Templer und alles Mögliche drehen… Stoff blutrünstiger Mittelaltergeschichten und Romane, Gerüst einer esoterischen Sagenwelt, an die man glauben kann oder nicht.