Aids in Afrika: Endzeitstimmung macht sich breit…

Nach Malamulo Mission soll es gehen? Das anfängliche Mißtrauen ist sofort aus dem Gesicht des Grenzbeamten verschwunden. Er nimmt meinen Paß, knallt seinen Stempel hinein und reicht ihn mir zurück. „Welcome to Malawi“, sagt er.
Malamulo Mission ist im ganzen Land ein Begriff. Schon seit der Jahrhundertwende predigen die Sieben-Tage-Adventisten hier, umgeben von Teeplantagen und Eukalyptushainen, westliche Lebensweise und puritanische Moral. Neben Kirche, Schule und einer Druckerei steht hier auch eines der besten Krankenhäuser des Landes.
Der schwedische Chefarzt gibt bereitwillig Auskunft. Das Hauptproblem sind Infektionskrankheiten: Vor allem Malaria, Tuberkulose und natürlich Aids.
Plötzlich bekommt seine Stimme einen anderer Klang. Fast Drei Viertel aller erwachsenen Patienten in seinem Krankenhaus haben das tödliche Virus im Blut, sagt er. Und während in Europa ein Aidskranker nach der Diagnosestellung noch gut fünf oder sechs Jahre überleben kann, sind es hier meist nur wenige Monate.
Er, Chefarzt und Missionar aus dem fernen Europa, hat seine eigene Methode, um das Problem anzugehen. Als überzeugter Kirchenmann ruft er von der Kanzel herab seine Schäfchen zu sexueller Mäßigung auf. Sex außerhalb der Ehe sei Sünde, sagt er, und weil die meisten Aids-Kranken sich das Virus nun mal durch sündiges Verhalten eingehandelt haben, müssen sie ihr Los halt ertragen.
Die Eltern jenes sechsundzwanzigjährigen Lastwagenfahrers haben andere Sorgen. Lange Jahre ist ihr Sohn mit seinem Truck zwischen Malawi, Mozambique und Zimbabwe umhergefahren und jetzt fühlt er sich immer schwächer, klagt über Fieber, Gewichtsverlust und über Husten, den er seit Wochen nicht mehr los wird.
Wenige Tage später ist er kaum mehr bei Bewußtsein, phantasiert im Fieber und kann schließlich nicht mal mehr seine Tabletten zu schlucken. Er stirbt, noch bevor das Ergebnis des HIV-Testes aus dem Labor zurückkommt.
Fast jeden Tag hört man in diesem Krankenhaus irgendwo die durchdringenden Wehklagen einer Mutter, die ein Kind verloren hat; sieht man Väter mit unbewegten Gesichtern in stummer Trauer.
Hundertfünfzig Kilometer weiter nördlich liegt Zomba, eine der wenigen größeren Städte von Malawi. Es ist Samstagabend. In den ungepflasterten Straßen des Viertels der indischen Händler beim Busbahnhof ist der Bär los. Die zahlreichen Spelunken haben geöffnet und durch die Türen dringen Musik und Lichtschein einladend in die tropische Sommernacht hinaus.
„Bottle Store and Ladie’s Bar“ steht in bunten Buchstaben, umrahmt von Glühbirnen über einer Tür.
Drinnen herrscht Hochbetrieb. Die Stimmung ist gut. Männer sitzen in kleinen Grüppchen auf niedrigen Schemeln und trinken Bier. Die Tanzfläche ist brechend voll. Paare wiegen sich zu den heißen Rhythmen des Kwasa-Kwasa. Frauen kommen und gehen. Immer wieder verlassen einzelne Paare unauffällig das Lokal.
Ein gutsituierter Endzwanziger hat mir inzwischen das dritte Bier spendiert und deutet mir augenzwinkernd an, daß er mir auch bei der Vermittlung anderer Dienste behilflich sein könne. 2 Kwacha kostet ein Bier, 20 Kwacha eine Frau. Ich frage ihn, ob er denn dabei nicht Angst hat und plötzlich wird er ernst. „Jetzt werben sie überall im Radio für Kondome!“, sagt er, „aber jetzt ist es zu spät!“.
Endzeitstimmung macht sich breit in Afrika. In den schwärzesten Prognosen ist von Geisterstädten die Rede und davon, daß ganze Landstriche in 20 Jahren entvölkert sein sollen. Die Aids-Katastrophe hat in Afrika Ausmasse angenommen, die unser Vorstellungsvermögen weit überschreiten.
Doch wer allein die sprichwörtlich lockere Sexualmoral der Afrikaner dafür verantwortlich macht, der wird dem Problem nicht gerecht, vereinfacht es vielmehr auf eine unzulässige Weise und neigt dazu alte Vorurteile wieder auszugraben.
Richtig ist vielmehr, daß die hygienischen Bedingungen in den armen Ländern Zentralafrikas viel primitiver sind als bei uns, und wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben, können sich ansteckende Hautkrankheiten und Geschlechtskrankheiten viel schneller ausbreiten. Hat sich jemand zum Beispiel im Genitalbereich schon ein Syphilis-Geschwür zugezogen, dann kann das Aids-Virus dort viel leichter eindringen als durch gesunde Haut.
Wie viele es wirklich sind, die das tödliche Virus im Blut tragen, weiß keiner genau. Zahlen gibt es kaum. 1991 zeigte eine Untersuchung an Schwangeren, die in einem bestimmten Krankenhaus in Malawi zur Vorsorgeuntersuchung kamen, daß fast 20 Prozent dieser Frauen HIV-Positiv waren. Andere Untersuchungen fanden heraus, daß sich die Anzahl der Aidskranken etwa alle zwei Jahre verdoppelt und zwar in den Städten schneller als auf dem Land. Aber sonst bleibt es bei Gerüchten und Vermutungen.
An einem Spätnachmittag gehe ich ein wenig spazieren. Es hat geregnet, aber jetzt ist die Luft wieder klar. Es ist lauwarm, die Erde dampft und aus den Eukalyptushainen duftet es würzig. Ich blicke über das leicht hügelige Hochland mit den winzigen Parzellen, auf denen Mais oder Cassava angebaut wird, die braunrote Erde ist frisch gepflügt und eingesäät. In der Ferne, im Südosten kann man das bis zu 3000 Meter hohe Massiv des Mulanje Mountain sehen.
Das Land ist dicht besiedelt, überall sieht man winzige Dörfchen aus strohgedeckten Lehmhütten. Wie mag dieses wunderschöne Land wohl in 10 Jahren aussehen, frage ich mich, und wer von den vielen Kindern, die mich bald umringt haben, mag dann noch leben? Und wer von denen, die dann noch leben, wird dann noch Eltern haben?
(Burkhard Sonntag, 8.9.93)

Die Brücke steht nicht mehr: Armenische Kultur im türkisch sowjetischen Grenzgebiet

„Nach Kars wollt Ihr?“ unser Gegenüber schüttelt verständnislos den Kopf.
Nein, da gibt es doch wirklich schönere Städte in der Türkei! Natürlich ist der Name ihm ein Begriff, aber noch einmal freiwillig dorthin zurück kehren, das würde ihm nicht im Traum einfallen.
Kars: laut Ortsschild 70000 Einwohner und 1700 Höhenmeter. Viele Türken kennen es am ehesten aus ihrer Militärdienstzeit. Wie oft in seiner Geschichte, so spielt das knapp 50 Kilometer vor der sowjetischen Grenze gelegene Kars wohl auch heute noch eine strategische Rolle.
Es ist die Zeit der Abenddämmerung, wenn wir nach dreistündiger Busfahrt die weite Hochebene erreichen. Die Straße führt durch kleine Dörfer mit Häusern aus rohen Natursteinen mit grasbewachsenen Dächern. Die Außenviertel der Stadt sind sehen noch genauso aus. Schafs- Kuh- und Gänseherden werden quer über die Straße heimgetrieben. Es wimmelt von Soldaten.
Erster christlicher Staat der Welt
Am nächsten Morgen besuchen wir die armenischen Ruinen von Ani. Schon von weitem sieht man die mächtigen rotschwarzen Stadtmauern aus der kargen Ebene aufragen.
Wenn wir die Stadt durch das mit dem Relief eines Löwen geschmückte Tor betreten, fällt es uns schwer, zu glauben, daß hier einmal mehr als 100000 Menschen gelebt haben.
Die Armenier, ein indogermanisches Volk, wurden schon im 3. Jahrhundert christianisiert und waren damit noch vor Rom der erste christliche Staat der Welt. Im 9. Jahrhundert wurde Armenien unter König Aschod Bagratuni zu einem echten Großreich. Damals war Ani wohl eine der bedeutendsten Städte der ganzen Christenheit.
Heute nisten in dem Gemäuer der Kathedrale die Schwalben. Die zentrale Kuppel, erbaut von demselben Architekten, der auch die berühmte Hagia Sofia in Istanbul schuf, ist eingestürzt. Dennoch ist das Gebäude mit seinen Gewölbebögen aus rotschwarzen Stein, ohne überflüssigen Zierrat, irgendwie eindrucksvoll.
Noch schöner ist die kleine Gregorkirche mit ihren gut erhaltenen Fresken im Innenraum und den Reliefs an den Außenwänden.
Direkt dahinter geht es steil bergab und unten in der Tiefe der engen Schlucht fließt ein wilder Gebirgsbach. Der Arpa Çayi markiert die Grenze zur unruhegeplagten Sovietrepublik Armenien.
Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten rund 1,5 Millionen Armenier in der östlichen Türkei. Aber sie waren längst zur Minderheit geworden und der Sultan Abdul Hamid hetzte ganz bewußt die islamischen Bewohner des Gebietes gegen die Armenier auf. Hunderttausende wurden bei blutigen Unruhen ermordet.
Der erste Weltkrieg verschärfte die Situation noch mehr: Im Jahr 1915 wurden unter dem Vorwand einer Umsiedlungsaktion Millionen Armenier in die syrische Wüste gebracht, wo die meisten elend verhungern. Zuvor waren die armenischen Intellektuellen in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet und umgebracht worden.
Unten am Fluß sieht man die Überreste einer Brücke. Die Pfeiler stehen noch: einer in der Türkei und einer in der Sowjetunion. Die Straße aber, die hier einmal den Arpa Çayi überquert hat, gibt es schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Die lange gemeinsame Geschichte ist endgültig vorbei. Von armenischer Kultur sind in der Türkei nur noch Ruinen übriggeblieben. Wir verlassen Ani mit gemischten Gefühlen.
Am Nachmittag sind wir wieder in Kars. Von der auf einem Hügel thronenden Burg aus haben wir einen weiten Blick über die Stadt mit ihren schachbrettartig angelegten Straßen. Die Verwaltungsgebäude im klassizistischen Stil der Jahrhundertwende, die baumgesäumten Alleen und die nostalgisch wirkenden Gaslaternen lassen die Stadt europäisch wirken. Zwei kaum zwanzig Jahre alte Soldaten patrouillieren gelangweilt mit Maschinengewehren.
Am Fuße der Burg liegt die Apostelkirche: Erbaut im christlichen Mittelalter, wurde sie ein Jahrhundert später in eine Moschee umgewandelt. Dennoch steht in ihrem Inneren ein Altar und in der Kuppel sieht man eine kyrillische Inschrift.
Russische Besetzung
Im Laufe seiner Geschichte war Kars mehrmals russisch gewesen. Ab 1877 konnten sich die Truppen des Zaren sogar vier Jahrzehnte lang hier halten.
Seitdem Kars 1921 endgültig an die Türkei abgetreten wurde, steht die Kirche wieder leer. Auf dem Altar sitzen Jugendliche und rauchen. Es stinkt penetrant nach Urin. Wir gehen hinaus.
Auf der von kleinen Hotels und Läden gesäumten Hauptverkehrsstraße ist auch am Abend noch ziemlich viel Betrieb. Die Auslagen in den Gemüseläden sind so bunt wie überall in der Türkei und in dunklen und verrauchten Teehäusern spielen Männer mit bewundernswerter Ausdauer Backgammon.
Wir sitzen einem Teegarten direkt am Fluß unterhalb der Burg. Es ist angenehm kühl.
Aus dem Radio ertönt Discomusik, dazwischen von irgendwo her türkische Klänge. Plötzlich stoppt die Musik und von allen Moscheen der Stadt rufen die Muezzins zum Gebet. Nach und nach stimmt einer nach dem Anderen ein, bis sie sich zu einem vielstimmigen Chor vereinen, wie in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht. Fast könnte einem die Stadt gefallen.
(Burkhard Sonntag, 7. 12.1990)