Von Bari nach Bologna: noch ein bisschen Sommer

Im Bahnhofscafé von Bari noch ein Espresso im Stehen, dann los zum Gleis.
Der Zug ist pünktlich, bequem und klimatisiert. Stunde um Stunde geht es am Meer entlang: blauer Himmel, blaues Meer, Palmen, Strand und Hotelanlagen…
Der füllige Herr im Sitz gegenüber hat die Augen geschlossen und imposante Kopfhörer auf den Ohren. Manchmal schnarcht er, dann wieder scheint er aufmerksam seiner Musik zu lauschen und spielt mit den Händen Klavier. Der schmale junge Mann neben ihm – Marken T-Shirt, auffällige Sonnenbrille und gegeltes, schwarzes Haar – spielt auf seinem Handy. Hinter Pesaro wird es dämmerig, die Autos haben Licht an und am Himmel sind Wolken aufgezogen. Dann ist das Meer plötzlich weg. In Rimini steigt eine junge Mutter mit Kinderwagen aus, da ist es schon richtig Dunkel.
In Bologna findet sich zum Glück noch eine offene Pizzeria in Bahnhofsnähe. Essen und Bier sind nicht schlecht, aber zu teuer.
Draußen ist es kühl geworden.

Peschici: Wie der Strand funktioniert

Heute gibt’s Wellen. Die sind zwar ganz zahm, kein Surfer würde sich die die Mühe machen, sein Gerät auszupacken und in anderen Gefilden täte man das Ganze als leichtes Gekräusel ab – hier und jetzt aber ist die Situation so ernst, dass an den Hochsitzen der Strandwächter die rote Flagge gehisst wird.
Die Badegäste halten sich dran. Fast alle. Wer doch reinhupft, der hat heute das ganze Meer für sich allein.
Der Rest bleibt brav auf den Liegen unter gelb-roten oder blau-weißen Sonnenschirmchen oder auf anarchisch ausgebreiteten Strandlaken in der umparzellierten Zone. Da haben sich auch die die afrikanischen Händler niedergelassen: Frisch vom Badetuch gibt es Handtaschen, Turnschuhe, Uhren und frischgepresstes extra-jungfräuliches Olivenöl zu kaufen. Für Letzteres werden nur Bestellungen entgegengenommen, geliefert wird dann direkt zum Hotel.
In Badehose vorbei an schwer arbeitenden Gemüsearbeitern durch den verbotenen Gemüsegarten zu laufen erschien mir doch ein wenig unpassend – stattdessen durchquere ich das parzellierte Areal exakt an der Grenze zwischen der blauweißen und rotgelben Zone, bereit, jederzeit ins Ausland überzuwechseln, falls ich angesprochen werden sollte, aber es interessiert sich zum Glück niemand für meine Grenzverletzungen.
Die vordersten fünf Meter – direkt am Wasser – sind übrigens so eine Art internationale Zone. Da darf man unbehelligt entlangflanieren – oder den Einwohnern aller Zonen vom handgezogenen Wagen herab bunte Tücher und anderen Schnickschnack verkaufen.
Zum Schwimmen zieht man sich dann besser doch wieder an den Hotelpool zurück.

Peschici: Wo ist das Meer?

Aufwachen, frühstücken, und dann ab in den Pool.
Das Wasser ist kühl, der Himmel blau – und das Meer nur einen Steinwurf entfernt. Raus aus dem Pool, das Hotelgelände durch den Hintereingang verlassen und keine hundert Meter weiter, am Ende des asphaltierten Weges beginnt der Strand. Also, schwupps, und… wenn das mal so einfach wäre!
Strände sind in diesem Land streng parzelliert. Links von mir stehen lauter gelbrotgestreifte Sonnenschirmchen akkurat in Reih und Glied vor roten und gelben Sonnenliegen. Den Eingang zum gelbroten Reich ziert ein fröhlicher Torbogen. Eine Reihe von Pfosten markiert die Grenze. Unmittelbar dahinter regieren die blauweißen Schirmchen, ebenso akkurat platziert und das weißblaue Tor wird von einem Zerberus bewacht, begleitet von einem Schild, welches eindeutig klarstellt, dass Personen, die nicht zum weißblauen oder zum rotgelben Kundenkreis gehören hier nichts verloren haben.
Etwa hundert Meter weiter ist ein Streifen sonnenschirmlosen Strandes. Aber wie hinkommen, ohne das weißblaue oder rotgelbe Territorium zu durchqueren? Zwischen dem sonnenschirmfreiem Strand und dem Rest der Welt ist eine Mauer. Darin ist ein Tor. Das steht offen. Hinter dem Tor ist ein Gemüsegarten, der sich bis zur Straße erstreckt. Da ist noch ein Tor. Daran ein Schild, welches sagt, dass es sich hier um Privatgelände handelt und der Durchgang strengstens verboten ist.
Was eine mit Strandutensilien bepackte Familie nicht daran hindert, erhobenen Kopfes hindurchzuschreiten. Dicht gefolgt von einem jungen Pärchen, einem älteren Paar, einer weiteren Familie und einem Herrn mit Hund.
Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich diese Regeln verstanden habe.

Ein Abend in Rimini

Der Zug, der uns aus den Bergen hinausführt, hat Verspätung.
Beim Umsteigen in Bologna ist natürlich der Anschluss weg. Auf dem wuseligen Bahnhof ist es südländisch-sommerlich heiß. Eine Dreiviertelstunde bis zum nächsten Zug und eine weitere Dreiviertelstunde im klimatisierten Schnellzug.
Rimini ist ganz anders als das, was man sich darunter vorstellt. Ehrlich gesagt, habe ich mir gar nichts vorgestellt. Oder vielleicht doch? Die Urlauber, die vor fünfzig Jahren schon hier waren, kommen immer noch her, mit Rollator, Rollstuhl und Elektro-Scooter. In der Innenstadt gibt es einen zweitausend Jahre alten Torbogen, eine ebenso alte Brücke, über die heute noch Autos donnern und noch weitere Baudenkmäler aus dieser Zeit. Dazwischen Kirchen und Paläste – es ist eine sehr alte Stadt, was schon Wikipedia weiß, aber das Stadtbild ist ein bisschen uneinheitlich, unaufgeräumt und durcheinander. Auf der großen Piazza flanieren überwiegend Einheimische.
Am Flüsschen entlang gelangt man zum Meer.
Als die Sonne untergeht, ist es immer noch warm.