Bahnreisen in Italien: ein paar allgemeine Tipps

  • Anreise aus Deutschland: Einige (aber nicht alle) Verbindungen zwischen Deutschland und Italien lassen sich auf www.bahn.de online buchen. Je früher man bucht, desto größer die Chance auf einen günstigen Sparpreis. Die wichtigste Verbindung ist der Eurocity von München über den Brenner nach Bozen, Verona, Bologna und Venedig. Diese Züge können voll werden, wer kein Risiko eingehen will, sollte einen Platz reservieren. Es besteht allerdings keine Reservierungspflicht! Außerdem gibt es von München aus Nachtzüge nach Mailand, Florenz, Rom, und Venedig. Am Fahrkartenschalter können auch Tickets zu anderen Orten gebucht werden. Achtung: auch wenn keine ausdrückliche Zugbindung angegeben wurde, kann es in Italien Probleme geben, wenn man einen anderen als den gebuchten Zug nimmt.
  • In Italien: Inner-Italienische Fernverkehrsverbindungen können auf der Seite von Trenitalia als Onlineticket gebucht werden – die Seite gibt’s auch auf deutsch. Sie funktioniert aber nicht immer. Probleme gibt es dann, wenn bei einer Umsteigeverbindungen unterschiedliche Zugkategorien genutzt werden.
  • In Italien bekommt man Tickets am Schalter oder am Fahrkartenautomaten. Die Menüführung an den Automaten geht auch auf deutsch und englisch. Automaten nehmen nicht immer Bargeld. Aus dem Automaten gekaufte Tickets müssen vor Fahrtantritt an den gelben Stempelautomaten entwertet werden. Online-Tickets brauchen nicht entwertet zu werden, wenn darauf der genaue Reisetag und die Reisezeit angegeben sind.
  • Trenitalia hat Konkurrenz bekommen, z.B. die private Gesellschaft .Italo, die ebenfalls Fernverkehrszüge betreibt (mit eigenen Automaten und eigenen Fahrkartenschaltern)
  • Trenitalia betreibt verschiedene Zugkategorien. Die schnellsten Züge sind „Le Frecce“ (Singular: „Freccia“), „Die Pfeile“, vergleichbar mit den deutschen ICE’s. Sie sind schnell, zuverlässig – und nicht billig, wenn man keine Sonderangebote nutzt. Je früher man bucht, desto größer die Chance… Es wird unterschieden zwischen „roten“, „silbernen“ und „weißen“ „Pfeilen“, wobei die „roten“ die Schnellsten sind. An nächster Stelle stehen die „Intercitys“, ganz ähnlich wie deutsche IC’s, gefolgt von den langsamen Regionalzügen. Für „Frecce“ und IC’s besteht Reservierungspflicht. Die Besonderheit besteht darin, dass Tickets zwischen den Zugkategorien nicht austauschbar sind: also ein „Freccia“-Ticket gilt nicht im IC und auch nicht im Regionalzug (und logischerweise auch nicht umgekehrt). Für Regionalzüge gibt es keine Sparpreise, Tickets sind in der Regel nicht teurer, wenn man sie erst kurz vor Abfahrt kauft. Generell sind Regionalzüge deutlich günstiger als IC’s und diese wieder deutlich günstiger als „Frecce“, allerdings ist es möglich, dass ein „Freccia“-Sparpreis günstiger ist als ein Regionalzug-Normalpreisticket.
  • Zahlreiche Regionalverbindungen werden von privaten regionalen Gesellschaften (z.B. die Nonstalbahn oder die Ferrovie del Gargano) betrieben. Deren Fahrpläne findet man, wenn überhaupt, nur auf deren eigenen Webseiten. Tickets gibt es manchmal an eigenen Automaten oder Fahrkartenschaltern, manchmal auch nur am Kiosk, im Tabakladen oder im Café
  • Hier noch ein paar interessante Links:

Von Bologna über die Alpen zurück: der Heimweg

Morgens ist der Himmel blau und es ist wieder südländisch-sommerlich warm.
Ich gehe noch einmal durch die Stadt, trinke einen Espresso unter den Kolonaden an der Via dell‘ Indipendenza, dann langsam bis zur Piazza Maggiore, zu den zwei Türmen und zur Piazza Santo Stefano, mache Photos im herrlichen Morgenlicht.
Dann zum Hotel zurück, auschecken und mit Gepäck zum Bahnhof.
Die Bahnhofsuhr ist um zehn Uhr fünfundzwanzig stehen geblieben: die Minute des Attentates von 1980. Damals starben 85 Menschen, als im Wartesaal eine in einem Gepäckstück versteckte Zeitbombe explodierte. Der Wartesaal ist längst wieder in Betrieb, am Explosionsort ist eine Gedenktafel angebracht und in der Wand klafft immer noch der damals entstandene Riss – jetzt architektonisch als Fenster gestaltet.
Der Eurocity nach München wird bereitgestellt und ist brechend voll. In Deutschland ist Sauwetter, sagt der Schaffner, in den Bergen ist es empfindlich kalt und ganz oben soll es sogar geschneit haben.
Hier unten aber strahlt die Sonne, auch noch in Verona und Trient; erst in Bozen kommen Wolken auf.
Am Brenner haben wir eine Viertelstunde Aufenthalt: Zeit, um auszusteigen und in der Bahnhofsgaststätte einen Espresso zu trinken. Der Mann neben mir trinkt Bier und flirtet auf tirolerisch mit der jungen Frau hinter dem Tresen.
Hinter Innsbruck regnet es, über Kufstein strahlt ein Regenbogen und bei Rosenheim wird es dunkel.
Umsteigen in München…. nochmal umsteigen…. ankommen.
Wieder zu Hause.

Die lange, lange Fahrt von Stockholm nach Deutschland zurück

Gegen 5 Uhr klingelt das Handy mich in meinem Stockholmer Hotel aus dem kurzen Schlaf – da ist es schon seit mindestens zwei Stunden hell. Ich mache mich auf den kurzen Weg zum Bahnhof. Es ist mild, nicht warm, nicht kalt, aber der Himmel ist bedeckt. Am Bahnhof ist schon eine Menge los und der Zug nach Kopenhagen fährt pünktlich los. In der Ersten Klasse gibt es eine kleine Frühstücksbox mit zwei kleinen Scheiben Käse, Schinken, einem Joghurt und einem kleinen Becher Orangensaft und Einmalbesteck aus Holz. Dazu Kaffee und kleine, warme Brötchen. Ich bin müde aber trotzdem aufgedreht, lese und schaue aus dem Fenster: Wald, Felder, Seen, Orte, die Landschaft ist weitgehend flach bis wellig und kommt mir jetzt unspektakulär vor. Kaffee und Äpfel gibt es bis zum Abwinken. Ehe ich mich versehe, bin ich in Malmö: der unterirdische Bahnhof, dann die Öresundbrücke und kurz darauf Ankunft in Kopenhagen pünktlich auf die Minute.
Der Zug nach Hamburg steht direkt am Nebengleis und ist brechend voll: ein Diesel-ICE der dänischen Staatsbahn. Leute stehen mit Gepäck auf den Gängen, es gibt kein Durchkommen.
Fahrt durch Dänemark: hin und wieder ein Ort, Brücken über Meeresarme, Küstenlinie, ansonsten flaches, grünes Land.
Dann die Fähre. Ein deutlich größeres Schiff als bei der Hinfahrt, der Zug nimmt die gesamte Länge des Schiffes ein. Enge Stiegen nach oben. Draußen regnet es. Auf dem oberen Deck – dem einzigen Ort, wo man sitzen kann ohne etwas verzehren zu müssen – sind fast alle Tische und Stühle besetzt. Auf den anderen Decks gibt es ein All-you-can-eat-Buffet für 18 Euro oder Wurst in allen Variationen, Pommes, Kaffee und den üblichen Süßkram. Der Regen lässt nach, ich gehe nach draußen und schaue beim Anlegen zu, die vordere Klappe wird geöffnet und dann darf man auch wieder hinunter in den Zug.
Der Zug rollt langsam an Land, rollt in den Bahnhof Putgarden (der keine hundert Meter vom Anleger entfernt liegt) und ich bin wieder in Deutschland.

Von Kiruna nach Stockholm: Noch eine lange, lange Bahnfahrt

Pünktlich um vier fährt der Zug in Kiruna los, fährt durch endlose Kiefernwälder unter einem blauweißem Himmel mit freundlicher Polarsommersonne. Ist das jetzt Abend, Mittag oder Nachmittag? Irgendwann, irgendwo überquere ich wohl den Polarkreis wieder in umgekehrte Richtung, dann verziehe ich mich auf einen Kaffee in den gemütlich-plüschigen Speisewagen und schaue mir all die fünfhundert Bilder an, die ich in Norwegen gemacht habe.
Gegen halb acht sind wir in Boden, da musste ich bei der Hinfahrt umsteigen, jetzt wird rangiert. Ein paar Wagons nach Lulea werden abgekoppelt und neue Wagons nach Stuttgart werden angekoppelt. Draußen strahlende Sonne und ein paar Wölkchen… auch um zehn Uhr abends strahlt die Sonne noch, dabei sind wir doch schon deutlich südlich vom Polarkreis, wird es denn auch hier nicht dunkel?
Mit mir im Abteil sind ein Syrer – vielleicht mein Alter – der kein Wort englisch spricht und eine komplett schwarz gekleidete Bosnierin mit Kopftuch, die zwar fließend bosnisch, serbisch, türkisch, albanisch und arabisch spricht – ihr Vater war Syrer – aber ebenfalls so gut wie kein Wort deutsch oder englisch. Wir kommunizieren also mit Händen und Füßen.
In Umea hält der Zug fast einehalbe Stunde lang. Gelegenheit um auszusteigen und ein wenig auf dem Bahnsteig auf und ab zu gehen. Meine beiden Abteilgenossen rauchen eine Zigarette. Es ist ein bisschen abenddämmerig, aber immer noch nicht dunkel.
Kurz vor Mitternacht geht es weiter. Draußen wird es mit jeder Minute wieder heller, und die beiden unterhalten sich noch lange auf arabisch während ich versuche, zu schlafen.
In Uppsala stehe ich auf. Es ist inzwischen halb neun. Draußen blauer Himmel und strahlend schönstes Sommerwetter. Ab in den Speisewagen und einen Kaffee zum wach werden.

Von Stockholm nach Narvik: Eine lange, lange Eisenbahnfahrt…

In Umea werde ich wach. Es ist etwa viertel vor sieben. Habe wunderbar tief und fest geschlafen im Nachtzug, kein bisschen Hangover oder Übernächtigt. In Umea regnet es. Bleigrauer Himmel und Nieselregen. Ich reibe mir die Augen, stehe auf, trete auf den Bahnsteig hinaus: ein langer, befestigter und überdachter Bahnsteig. Ein Abfertigungsgebäude aus roten Ziegeln. Ein größerer Platz mit einer Art Denkmal drauf, halbrund, davor eine Straße. Ein Halbrund aus vielleicht drei- bis vierstöckigen Gebäuden um diesen Platz herum, in der Mitte unterbrochen durch eine Allee.
Der Zug hält ziemlich lange. Es ist kühl, die Einheimischen und die Reisenden haben Jacken an. Ich ziehe mich noch einmal in mein Schlafwagenbett zurück und schlafe eine Stunde bis zum nächsten Halt um 8 Uhr: Achthundertirgendwas Kilometer von Stockholm, einhundertsechzig Meter Seehöhe. Ich gehe durch den Zug, finde den Speisewagen, wo es nach Kaffee duftet.
Es duftet nach Kaffee. Es gibt abgepackte Sandwiches und Kaffee – ein abgepacktes Kanelbullar und ein Pappbecherkaffee kosten dreißig Kronen. Der Mann hinter dem Tresen kann auf meinen Fünfhundert-Kronen-Schein nicht herausgeben, auf meinen Zehn-Euro-Schein kriege ich dreißig Kronen raus. Auf dem Kassenzettel sehe ich, dass ein Euro wohl acht Kronen wert ist, Öre werden abgerundet.
Ich trinke meinen Kaffee zwischen übernächtigten Gesichtern.
Draußen ist die Wolkendecke längst aufgerissen, die Sonne steht hoch am blauen Himmel über endlosen Birken- und Nadelwäldern und Seen.
Nächster Halt um viertel vor neun: Bastuträsk, 965 KM von Stockholm, 264 Meter über dem Meer. Dahinter noch mehr Wälder, Seen, blauer Himmel und freundlich-weiße Wölkchen. Bin ich schon am Polarkreis?
Ich hole mir einen zweiten Kaffee, man kann sich den Becher nämlich einmal kostenlos wieder auffüllen lassen. Die Dusche im Zug ist blitzsauber und es gibt einen Stapel frischer Handtücher. Ich fühle mich fit und bin wirklich kein bisschen übernächtigt – okay, vielleicht ein ganz kleines bisschen, aber das Adrenalin hält mich wach.
Um elf Uhr muss ich umsteigen. Ich bin erstaunt: Boden ist ja eine richtige Stadt, mit Straßen, Brücken, und mehrstöckigen Wohnhäusern mit verglasten Balkonen.
Der Zug aus Stockholm muss rangieren, die Lokomotive wird umgesetzt.
Der Anschlusszug nach Narvik besteht aus nur drei Wagons. Im mittleren Wagon ist ein Bistro-Schalter. Der Zug ist gut besetzt: Familien mit Kindern, eine Frau mit Hund, ein Grüppchen von Leuten, die sich auf englisch unterhalten, teils mit amerikanischem, teils mit britischem Akzent, es können aber auch Kanadier oder Neuseeländer sein. Sie haben schwere Wanderrucksäcke dabei.
Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger hoch werden die Bäume, zwischendurch finden sich auch Gras- und Strauchflächen. Bei Galiväre sieht man zum ersten Mal großflächige Schneereste auf einem Bergrücken.
Dahinter wird die Landschaft flach bis wellig, zwischendurch sumpfig mit Seen und Schilf am Ufer. Ich schlafe ein, werde wach und hole mir einen weiteren Kaffee. In Kiruna regnet es. Der Zug rangiert zwischen Erzwagons und Abraumhalden. Dahinter kommen Berge, richtige zackige Berge mit Felsen und schneebedeckt. Hier gibt es auch keine dichten Wälder mehr, nur Tundra, Sumpf und lichtes Birkengestrüpp, dann ein langer, langer See.
Nächster Halt Abisko Östra, kaum zu glauben, dass hier irgendwo Menschen leben. Die junge Frau zieht ihre Outdoor-Jacke an, setzt den Rucksack auf und steigt aus. Dann überquert der Zug die Grenze nach Norwegen und dahinter…. einfach nur Wow!
Tief unten taucht das Wasser des Fjordes auf, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee und Wasserfälle stürzen die Felsen herab.
Der Zug schraubt sich langsam hinunter und dann gibt es auch wieder Wald und eine Stunde später bin ich in Narvik.
Angekommen.
Am nördlichsten Bahnhof Europas.

Im Sauseschritt durch Schweden

Ich bin in Schweden. Das Wetter draußen: heiter bis wolkig. Manchmal blendet die Sonne, mal lugt sie hinter dicken, schwarzen Wolken durch.
Der Zug ist bequem, in der ersten Klasse gibt es Kaffee und Tee kostenlos, außerdem Kekse und Äpfel, aber das sagt einem keiner, man muss schon selbst darauf kommen.
Mir gegenüber sitzt ein junger Schwede, möglicherweise Student, der mit drei Freunden zwei Wochen lang durch Italien und die Schweiz per Interrail unterwegs war und auch schon – wie ich – seit vierundzwanzig Stunden im Zug ist.
Draußen Landschaft: Viel Landschaft, Landschaftskino vom Feinsten. Über den Kopenhagener Vororten noch dunkle Wolken, dann kurzer Halt am Flughafen, anschließend geht es zunächst durch einen Tunnel und dann über die Öresund-Brücke. Blick über das Meer mit Schiffen drauf, links und rechts. Eine Etage über uns fahren offenbar die Autos. Kurz hinter der schwedischen Küste taucht der Zug wieder in einen Tunnel ab und hält ziemlich lange unterirdisch in Malmö. An die Tunnelwände links und rechts werden Filme projiziert, so dass es aussieht, als zögen Landschaften an Zugfenstern vorbei.
Weiter geht’s – zunächst duch eine unspektakuläre Landschaft, fast wie Norddeutschland, wenn auch nicht ganz so flach. Dann kommt Wald und der eine oder andere See und bald tauchen die ersten falunroten Hozhäuschen auf. Zwischendurch Seen mit felsigen Inseln, darauf ein paar Bäume, die Sonne bricht durch die Wolken und dann ist der Himmel blau. Nicht Postkartenblau, die Wolken sind immer noch da, kleine Wölkchen und dann eine lange, lange Dämmerung mit intensiv-goldenem Abendlicht.
Als ich kurz vor zehn Uhr abends in Stockholm ankomme, ist es immer noch nicht richtig dunkel.
Ich trete in die Bahnhofshalle, viele Leute sind unterwegs, aber alle Schalter sind geschlossen. Ich finde einen Geldautomaten, versorge mich mit schwedischem Bargeld und vertrete mir ein wenig die Füße.
Der Bahnhofsplatz ist erstaunlich klein, drumherum Hochhäuser.
Um halb elf halb elf kommt mein Nachtzug: schwarze Lokomotive, silbergraue Wagons, die meisten Reisenden im Outdoor-Outfit. Ich finde mein Schlafwagenabteil. Alles gut. Es gibt sogar Duschen. Ich trinke ein aus Deutschland mitgebrachtes Bier und mache mich bettfertig

Mit dem Zug auf die Fähre

Der winzigkurze Spielzeugzug dieselt los, von Hamburg über Lübeck und dann an der Ostseeküste entlang. Die Gegend ist aufgeräumt und unaufgeregt. Grau der Himmel, grün das Land. Dann der Fehmarnsund: Wasser links, Wasser rechts, Damm, Brücke, Straße nebenan, eine Küste nicht ganz so langweilig wie die Wattenmeer-Nordseeküste. Fehmarn wieder ist vor allem flach. Der Bahnhof Puttgarden eine große verlassene Gleisfläche mit Schienen, zwischen denen Gras und Sträucher wachsen. Nur zwei Bahnsteige sind noch in Betrieb, nach kurzem Halt geht es dann ganz langsam auf die Fähre.
An Bord steht der Zug zwischen Lastwagen und Bussen. Man steigt aus und geht nach oben. Die Fähre ist kleiner und gemütlicher als die England-Fähren, es gibt nur ein geschlossenes Deck mit Restaurants und dem obligatorischen Schnapsladen – fast normale deutsche Preise – und auf der Etage darüber einige offene Decks.
Es ist ungewöhnlich, Deutschland auf dem Seeweg zu verlassen.
Die Überfahrt dauert eine knappe Stunde.
Windrad-Parks im Meer. Reger Fährverkehr. Ankunft in Rodby, wieder in den Zug, der rollt ganz langsam an Land und aus dem Fährgelände in einen richtigen Bahnhof der auch einmal viel größer war, dann geht es weiter über flaches, grünes Land. Die Küstenlinie sieht anders aus als in Holland oder Belgien, vielleicht etwas, abwechslunsreicher, es gibt Wald und kein Wattenmeer.
Nyköping, der erste größere Ort könnte auch in Belgien sein.
Es geht auf die Hauptstrecke – die ist elektrifiziert – und um viertel nach zwölf bin ich in Kopenhagen.

Im Nachtzug von Venedig nach München

Das Single-De-Luxe-Schlafwagenabteil, unterscheidet sich vom Standardabteil durch ein eigenes Klo und eine eigene Dusche. Es gibt ein Bett (mit ziemlich kleinem Kissen) und kleinen Sitz am Fenster, aber keine Ablagefläche. Zum Glück eine Steckdose und verschiedene Leselampen. Das Rollo ist heruntergelassen, aber man kann es öffnen.
Ich richte mich ein und der Zug fährt los, über den Damm nach Mestre und dann lasse ich die nächtliche Landschaft wie einen Film an mir vorbeiziehen.
Ich probiere die Dusche aus – die wird nicht richtig warm, aber immerhin, nach so einem Tag in Venedig ist es angenehm erfrischend.
Ich schaue weiter aus dem Fenster und dann kommt auch schon Udine und dahinter irgendwo beginnt so etwas wie eine dunkle, wilde Berglandschaft.
Ich döse ein und wache auf, ein längerer Halt: Tarvisio Boscoverde, die Grenzstation, ein erstaunlich großer Bahnhof. Draußen liegt Schnee.
Ich döse wieder ein, der Zug fährt weiter, ziemlich langsam…. dann ein sehr, sehr langer Halt in Villach, draußen liegt Schnee. Die Polizei klopft an die Abteiltür und will meinen Ausweis sehen, ich döse weiter in einer Art Halbschlaf, bilde mir ein, die ganze Zeit über das Rattern zu hören und versuche, zu erahnen, wo wir gerade sind, ohne die Augen zu öffnen.
Es geht langsam und offenbar in Kurven bergan, dann werden die Fahrtgeräusche lauter, das muss der Tunnel zwischen Mallnitz und Böckstein sein, dann nach einer Weile wieder ein längerer Halt, es wird geruckelt und gekuppelt, eindeutig Salzburg. Um vier Uhr fünfundzwanzig soll es weiter gehen. Und wieder klopft es an der Tür, diesmal die deutsche Grenzkontrolle, aber ich bin eh wach.
Ich stehe auf, dusche und ziehe mich an, dann klopft es erneut, um kurz nach fünf, es ist die Schaffnerin mit dem Frühstück. Draußen stockdunkel. Es gibt eine Semmel, Kaffee, Apfelsaft und ein kleines Weißbrotzopfdingsda, dazu Butter, Marmelade und Leberwurstaufstrich. Ich richte mich mit meinem Kaffee auf dem Bett ein, dann klopft die Schaffnerin erneut, sammelt das Tablett ein, immerhin bietet sie mir ungefragt einen zweiten Kaffee an.
Ich höre Musik und schaue aus dem Fenster, hinter Rosenheim beginne ich, meine Sachen zusammen zu packen. Draußen die ersten Münchener Vororte. Halt in München Ostbahnhof. Keine Hektik! München Hauptbahnhof. Ich balanciere meine Sachen durch den Korridor und steige aus.

Von Innsbruck nach Triest

Ich setze mich in den Speisewagen. Eine Gruppe von drei Männern – nicht jung, nicht alt – sitzt hinter mir, sie trinken Bier und fachsimpeln über Eisenbahnthemen. Mindestens einer von ihnen hat beruflich mit der Bahn zu tun.
Ich ordere einen Kaffee… obwohl… eigentlich brauche ich jetzt ein Bier! Kann ich die Bestellung noch ändern? Ja, das passt, Kaffee geht eh gerade nicht, weil wir keinen Strom haben. Der Zug steht im Bahnhof, Reisende stehen draußen herum, außerdem verdächtig viele Leute mit gelben Warnwesten… ist irgendwas Schlimmers passiert? Zehn Minuten Verspätung, sagt die Anzeigetafel, dann ist es eine Viertelstunde, und dann…. die Lämpchen an den Speisewagentischchen fangen wieder an zu leuchten, wir haben offenbar Strom und dann geht’s auch los, durch die Stadt, durch den Tunnel, durch das Tal, hinauf in die verschneite Winterlandschaft, durch die ich heute schon zweimal gefahren bin.
Am Brenner ordere ich etwas zu essen.
„Dauert ein paar Minuten, wir haben gerade keinen Strom!“
Habe ich den Spruch nicht schonmal gehört?
Die Eisenbahnexperten steigen aus. Der Zug bleibt stehen und die Tischlämpchen verlöschen.
Ein Anzugträger faucht den Kellner an.
„Warum dauert das denn so lange? Wir haben doch schon mindestens eine Viertelstunde Verspätung!“
„Weil wir eine neue Lokomotive bekommen!“
„Muss das sein? Kann die deutsche Lokomotive nicht bis Venedig weiterfahren?“
„Nein, wir bekommen eine italienische Lokomotive!“
„Aber früher….“
„….auch früher war das schon so!“
Leute, freut Euch, dass Ihr sonst keine Sorgen habt!
Ich trinke entspannt mein Bier aus, und ein paar Minuten später geht es auch weiter, kann kriege ich meine Nudeln und der Zug fährt durch die Winterwunderlandschaft bergab hinunter ins Tal. Bei Franzensfeste ist der Schnee weitgehend verschwunden und vor Bozen bestelle ich mir ein zweites Bier.
Der Zug fährt das breite Etschtal entlang, der Himmel ist bewölkt und die Gipfel der Berge im Nebel versteckt. Irgendwo bei Trient gibt es Weinberge. Winterlich kahl natürlich, aber ohne Schnee. Die ältere Dame erzählt, dass sie in Verona umsteigen wird um an den Gardasee zu fahren, wo ihr Sohn und die Schwiegertochter wohnen und einen Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln betreiben. Die andere Dame reist geschäftliche nach Verona, zu einer Messe. Sie ist auch schon seit gestern unterwegs und hätte, wie ich, eigentlich den Nachtzug über Udine nehmen wollen.
Dann werden die Berge immer flacher, verschwinden ganz, und bei Verona wird es dämmerig. Flüsse sind über die Ufer getreten, es regnet leicht und auf der parallell zur Bahnstrecke verlaufenden Landstraße staut sich der Verkehr kilometerweit.
Ich bezahle meine Rechnung im Speisewagen, ziehe mich in einen normalen Sitzwagen zurück und döse bis Venezia-Mestre. Es ist viertel nach acht am Abend und wir haben gut zwanzig Minuten Verspätung. Ich steige aus.
Ein dunkler, schmieriger Bahnsteig mit Regenpfützen und fröstelnd wartenden Reisenden. Lautsprecheransagen auf italienisch.
Ich gehe durch die Unterführung in die zugige Bahnhofshalle, da gibt es Anzeigetafeln, nicht alle funktionieren und nirgendwo steht etwas von einem Zug nach Triest. Fahrpläne aus Papier gibt es auch, und da sehe ich, dass vor genau einer Minute ein Zug in meine Richtung ohne mich abgefahren ist, und der Nächste geht in einer knappen Dreiviertelstunde.
Draußen ist eine regennasse Straße mit Autos und Taxis und Hotels und Restaurants.
Oh, ein Cafe gibt’s auch! Ich rolle meinen Koffer über die Straße und ordere einen Espresso im Stehen.
Austrinken, dann der Versuch einer Ortsbesichtigung, ich habe ja schließlich Zeit. Nieselregen. Fünfzig Meter die Straße lang, dann gehe ich wieder zurück. Jetzt itrennt mich nur noch eine Viertelstunde von der Abfahrtszeit meines Zuges.
Die Viertelstunde geht vorbei, ein langer Regionalzug tuckert heran, Leute steigen ein und der Zug tuckert mit mir los durch die Nacht.
Vorortsiedlungen im Dunkeln, hier und da irgendwelche Stationen, deren Namen irgendwie alle gleich klingen.
Der Schaffner kommt und will meine Fahrkarte nicht akzeptieren: eine legal in Österreich erworbene Fahrkarte von Wien West nach Trieste Centrale, vierzehn Stunden lang quer durch Mitteleuropa…. aber nein, angeblich gelte sie nicht in diesem Regionalzug, und wenn, dann hätte ich sie vorher abstempeln müssen, was mir alles nicht unbedingt schlüssig vorkommt, da das Ticket auf dem Weg hierher ja schon mehrfach abgeknipst worden ist.
Aber wie will ich das jetzt auf italienisch erklären? Gerne würde ich ihm erzählen, was ich heute schon alles erlebt habe, aber ob ihn das interessieren würde?
Manchmal ist es besser, nichts zu verstehen! Und so gibt der gute Mann schließlich auf und zeigt sich gnädig, aber beim nächsten Mal, Signore, nur mit der richtigen Fahrkarte und nicht ohne Abstempeln!
Ich nicke artig, hole ein dünnes Taschenbuch heraus und lese ein wenig über die Stadt, die zu besuchen ich im Begriff bin. Hinter Monfalcone fängt rechts von mir das Meer an. Oder so ähnlich, aber draußen ist nur Dunkelheit. Der Zug fährt schneller. Und dann sind vorn irgendwo Lichter.
Ist das schon Triest? Ich bin gespannt auf diese Stadt! Ich packe meine Sachen und schaue aus dem Fenster. Rechts von mir ist das Meer, jetzt kann man es trotz Dunkelheit erkennen, mit Lichtern, die sich darin spiegeln.

Ohne einen Pfennig in der Tasche am Brenner

Staunend schaue ich auf die schneebedeckten Berge.
Zwei Polizisten auf Streife und ein paar Einheimische gehen an mir lächelnd vorbei. Eine Kirchturmuhr schlägt. Jetzt habe ich noch zwölf Minuten. Ich gehe ich zum Bahnsteig zurück, der Zug kommt pünktlich, ich finde meinen reservierten Platz, wuchte den Koffer in die Gepäckablage, hänge den Mantel auf, suche Fahrkarte und Geldbörse…. Geldbörse?
Geldbörse?
Im Rucksack?
Im Mantel?
Im Koffer vielleicht?
Wirklich nicht im Rucksack?
Wirklich nicht?
Wirklich nicht!
Noch eine halbe Stunde, dann bin ich ohne einen Pfennig Geld in Italien!
Der Zug schraubt sich ganz langsam und gemächlich durch eine wunderschöne Berglandschaft.
Ich erwische den Schaffner. Der schaut mich mitleidig an, aber immerhin versucht er zu tun, was man tun kann: Sofern sein Handy Netzempfang hat, telefoniert er kreuz und quer durchs Land. Den Schaffner von dem vorherigen Zug erwischt er leider nicht mehr, der hat schon Feierabend. Im offiziellen Fundbüro wurde noch nichts abgegeben. Was man sonst noch tun kann?
„Wenn Sie Glück haben, schmeißt es irgendjemand in ein paar Tagen in irgendeinen Mülleimer und da wird es dann gefunden und an das Fundbüro Ihres Wohnortes geschickt….“
Soll ich einfach weiterfahren? Immerhin: Hotels und Rückfahrkarte sind bereits bezahlt… ich könnte morgens beim Frühstücksbuffet zulangen und dann den Rest des Tages fasten und von Leitungswasser leben…. eine ganze Woche lang? Ohne Ausweis, ohne irgendwelche Papiere?
„Machen Sie keinen Quatsch! Steigen Sie am Brenner aus und fahren Sie nach zurück!“
Und wie kann ich die Fahrkarte bezahlen?
„Wenn der Kollege ganz penibel ist, dann kann er Ihnen eine Zahlungsaufforderung ausschreiben… aber vielleicht ist er ja nett und nicht unbedingt scharf auf überflüssigen Schreibkram!“
Am Brenner steht der Gegenzug schon bereit. Rasch steige ich um und schaukele durch dieselbe, immer noch wunderschön-pittoresk verschneite Berglandschaft zurück nach Innsbruck.
Der Schaffner weiß schon Bescheid und hat kein Interesse an vermeidbarem Schreibkram. Noch einmal schaue ich alles durch: Rucksack, Koffer, Mantel…. nichts!
Ich wage gar nicht daran, zu denken, was ich jetzt tun soll, wenn sich das Portmonee wirklich nicht mehr findet, wovon man ja fast ausgehen kann… Wie soll ich nach Hause kommen, ohne einen Pfennig Geld?
Schwarz fahren und auf gnädige Schaffer hoffen? Und dann zu Hause… Bankkarten sperren lassen, neue Karten beantragen, dazu Ausweis und Führerschein….. es gibt spannendere Möglichkeiten, seinen Urlaub zu verbringen!
Die Landschaft ist immer noch wunderschön, der Schnee wird weniger, verschwindet ganz, wir unterqueren die berühmte Europabrücke und hinter einem Tunnel fangen dann die Häuser von Innsbruck an.
Ich steige aus.
Informationsschalter: „Gehen’s zum Fundbüro, um die Ecke!“
Das ist aber geschlossen.
„Müssen’s halt bis dreizehn Uhr dreißig warten!“
Bis vierzehn Uhr, um genau zu sein, das stand zumindest an der entsprechenden Tür…. oder?
„Sehen Sie den jungen Mann da draußen? Das ist der Kollege vom Fundbüro, schnell, rennen Sie ihm hinterher, dann erwischen Sie ihn noch!“
Ich renne ihm hinterher und erwische ihn. Er bespricht sich mit einem Kollegen, der eine wichtige gelbe „Security“-Weste trägt. Der führt mich in eine geheime Raucherecke hinter der Fahrdienstleiterbürobaracke auf Bahnsteig Eins und fängt an zu telefonieren…. der Zug steht irgendwo auf einem Abstellgleis und wird gerade gereinigt. Hat schon jemand etwas gefunden? In Wagon 32? Oder im Speisewagen? Ja, irgendwo ist jemand auf dem Weg zum Fundbüro mit einer Fundsache… nee, Fehlalarm, das war eine große schwarze Tasche… in Wagon zweiunddreißig war nichts… das Handy des Security-Mannes klingelt. Jawohl, sie haben es gefunden. Im Speisewagen.
Der Security-Mann macht sich auf den Weg zum Abstellbahnhof. Ein Kollege muss ihn begleiten, wegen Vier-Augen-Prinzip, damit niemand sagen kann, er hätte sich etwas in die Tasche gesteckt.
In einer Viertelstunde geht ein Zug nach Venedig. Erwische ich den noch?
Na gut, zwei Stunden später geht auch noch einer….
Die beiden Security-Leute kommen freudestrahlend zurück. Hat alles geklappt. Sogar das Bargeld ist noch drin!
Ich drücke ihnen ein paar Scheine Finderlohn in die Hand und mache mich im Laufschritt auf den Weg zum Bahnsteig, wo der Eurocity nach Venedig gerade einfährt.

Von Österreich über Deutschland nach Italien

Wien, fünf Uhr in der Früh. Noch vor dem Wecker werde ich wach. Aufstehen, Duschen, Zusammenpacken, Auschecken…. Trolleykoffer über Bürgersteig und wie gestern verklemmen sich ständig kleine Streugutgranulatsteinchen zwischen den Kofferrollen.
Eine türkische Bäckerei hat schon geöffnet, da gibt’s Spinat-Blätterteiggebäck, Sesamkringel und Croissants. Wenige Minuten später bin ich am Bahnhof. Auch hier sind die Bäckereibuden schon geöffnet, ich hole noch mir einen Kaffee und noch ein Marzipancroissant, balanciere meine Provianttüten plus Kaffeebecher zum Bahnsteig, wo der Zug schon bereitsteht.
Menschen drängen in die Wagons, von vorne, von hinten… ich krame meine Fahrkarte heraus, habe zum Glück einen reservierten Platz, was ich normalerweise nie mache, für heute aber war es definitiv eine gute Entscheidung, denn der Zug ist brechend voll. Ich finde meinen Platz, schlürfe meinen Kaffee, schließe die Augen und lehne mich zurück. Der Zug ruckt an. Draußen stockfinstere Nacht, auch in St. Pölten noch und in Linz schaue ich im Dämmerlicht auf eine schmutzige Schneedecke. Nochma. Augen zu bis Salzburg. Da beschließe ich, wach zu werden.
Der Zug, überquert die Salzach – kurzer Blick auf das Altstadtpanorama mit der Festung im Hintergrund – und dann geht es über die Grenze um ein Stück Deutschland zu durchqueren ohne anzuhalten.
Nebel über dem Chiemgau. Die Berge sieht man nicht. Schmutzige Restschneedecke. In Prien liegt kein Schnee mehr. Der Schaffner zwickt meine Fahrkarte und diskutiert mit der jungen Frau schräg gegenüber, die hat nämlich ihr Ticket als SMS aufs Handy bekommen, aber es funktioniert nicht. Ich stehe auf und begebe mich in den Speisewagen. Einen Kaffee bitte. Was für einen Kaffee? Espresso, Verlängerter, Melange oder Cappuccino? Oh, in Österreich darfst Du niemals einfach nur einen Kaffee bestellen, auch wenn ich streng genommen, momentan gar nicht in Österreich bin!
Im Speisewagen sitzen nur noch zwei grauhaariger Herren und tippen auf ihren Handys herum. Es geht durch Waldlandschaft, Nebel, Schneereste, am Simssee entlang, normalerweise sieht man hier Berge, aber momentan sind grad keine da.
In Kufstein überquert der Zug wieder die österreichische Grenze. Ich trinke meinen Kaffee aus und gehe auf meinen Sitzplatz zurück. Pünklich kommen wir kurz vor elf in Innsbruck an. Endstation, meine Damen und Herren, alles aussteigen, bitte rasch aussteigen, damit der Zug jetzt gereinigt werden kann.
Ich habe eine knappe halbe Stunde. Zeit, um einen Kaffee zu trinken?
Ich trete hinaus auf den Bahnhofsplatz. Autos und Straßenbahnen, Laternenmasten, Reklametafeln und Bürohausfassaden wie an jedem beliebigen Bahnhofsvorplatz jeder beliebigen europäischen Großstadt…. aber hinter den Bürohausfassaden funkeln die Berge… Schneebedeckte Berge vor einem kristallklaren blauen Winterhimmel, zum Greifen nah knapp hinter den hässlichen Bürohausfassaden….

Eine ungeplante Nacht in Wien

Alles ist schon bezahlt: das Hotel in Triest morgen Abend, das Hotel in Venedig, die Rückfahrt im Schlafwagen Single-Deluxe-Abteil und vor allem die Hinfahrt mit ebenjenem Zug, der da jetzt vor mir steht und in zwölf Minuten losfahren wird, aber nicht nach Italien.
„Die Rückfahrt können’s sich erstatten lassen, aber nur bis neun Uhr, da müssen’s sich beeilen!“
Also doch mit diesem Zug bis Villach fahren und dann von dort mit dem Bus oder auf anderem Wege weiter?
„Keine Ahnung ob da irgendwas geht! Ich würd‘ nichts drum geben!“
So. Jetzt scharf nachdenken.
Es ist fast neun Uhr abends, es ist Winter, ich bin in Wien und komme hier definitiv nicht mehr weg. Glück im Unglück: hier am Bahnhof gibt es offenes und kostenloses Wlan. Nochmal Glück gehabt: Ich finde ein Hotelzimmer, neununddreißig Euro ohne Frühstück, irgendwo hier in Bahnhofsnähe.
Noch ist das Reisezentrum geöffnet. Vor den Fahrkartenverkaufsschaltern ist eine lange, lange, Schlange und vermutlich werden sie jetzt demnächst irgendwann die Türe abschließen.
Also, Rolltreppe runter, durch die Glastür ins Reisezentrum. Vor den Fahrkartenschaltern sind lange Schlangen. Es gibt einen „Informations“-Schalter, da ist die Schlange kürzer. Vor mir eine Gruppe von drei jungen Amerikanerinnen mit Rucksäcken, die diskutieren lange und der Typ auf der anderen Seite – Lockenmähne, Bart und Nickelbrille – lässt gerne mit sich diskutieren. Hinter mir wird die Schlange minütlich länger. Endlich sind die Amerikanerinnen weg, der Typ drückt mir ein Erstattungsformular in die Hand und sagt mir, dass auch morgen nichts mehr geht und wenn ich einen Riesenumweg fahren will, dann ist das meine Sache und eine Fahrkarte kann er mir sowieso nicht mehr verkaufen weil er erstens nur für Informationen zuständig ist und zweitens sowieso jetzt Feierabend hat. Die Leute in der Schlange hinter mir müssen sich in andere Schlangen einsortieren.
Ich auch. Also reihe ich mich in die nächste Schlange ein.
Vor mir steht ein junger Mann aus Serbien in Begleitung seiner Mama, die einer Dame aus Ungarn erzählt, dass Sohnemann morgen auf eine Hochzeit in die Schweiz soll, aber kein Wort Deutsch spricht.
Nach zwanzig Minuten bin ich kaum einen Meter weit voran gekommen. Jeder hier scheint irgendein kompliziertes Problem zu haben. Vermutlich bin ich nicht der einzige, der aus dem Venedig-Zug herausgeworfen wurde. Wenn es also in diesem Tempo weitergeht…. kurze Kalkulation: drei geöffnete Schalter, vor mir ein knappes Dutzend Leute, die meisten allerdings in zweier- oder Dreiergrüppchen… um einundzwanzig Uhr sechsunddreißig bin ich endlich an der Reihe. Mein Schlafwagenticket kann ich umtauschen. Und morgen früh um sechs Uhr dreißig kann ich über Salzburg, Innsbruck, Bozen und Verona nach Venedig und weiter nach Triest fahren, dann bin ich abends um halb sieben dort. Ich muss natürlich ein neues Ticket bezahlen und das ganze kommt mich dann teurer als…. egal, ich habe keine andere Wahl.
Um kurz nach zehn bin ich wieder draußen im Wiener Nieselregen. Im Glatteismatsch schlittere ich die Straße entlang. Immer wieder verfangen sich kleine Streugutgranulatsplitsteinchen in den Rollen meines Trolleykoffers. Rechts donnern die Autos vierspurig über den Neubaugürtel, links sind grelle Leuchtreklamen: schmierige Kebab- und Pizzabuden, zwielichtige Wettbüros, Cafes und schummerige Kneipen, ab und zu in den Seitenstraßen ein Hotelschild, hier und da auch der eine oder andere Rotlichtschuppen. Ein richtiges Bahnhofsviertel eben. In noch nicht allzu ferner Vergangenheit gingen hier auch die Bordsteinschwalben auf Kundenfang, aber seit einigen Jahren ist der Straßenstrich verschwunden. Ich weiß ungefähr, wo mein Hotel sein müsste, nämlich irgendwo links von mir in einer Seitenstraße…. aber ich finde es nicht. Und blöderweise habe ich mir auch keinen Stadtplan ausgedruckt bzw. abgespeichert.
In der nächsten Dönerbude frage ich nach dem Weg.
Papa Döner weiß es auch nicht, aber tippt in seinem Handy herum.
Sohnemann- Döner schüttelt den Kopf, macht zwei Döner fertig, packt sie in Alufolie und schüttelt erneut den Kopf.
„Kennen wir nicht! Frag doch einen Taxifahrer!“
Papa Döner blickt von seinem Handy auf.
„Eins komma eins Kilometer!“ sagt er stolz, „Hier gegenüber links rein und dann die erste oder zweite Seitenstraße!“
ich folge seinen Anweisungen, aber auch die dritte Seitenstraße hat einen anderen Namen. Immerhin gibt es da ein Hotel. Und da steht kein Name dran.
Von drinnen sieht der Laden erstaunlich ansprechend aus, sauber, modern und schick alles. Natürlich nicht der Laden, den ich gebucht habe.
Aber dasMädel an der Rezeption sucht geduldig auf Google Maps und zeigt mir den Weg auf dem Stadtplan. Ich bedanke mich… gehe um ein paar Ecken…. und der Laden ist erstaunlich ansprechend und sauber, und Wlan gibt’s auch!
Ich lasse mich aufs Bett fallen und gönne mir das Bier, das ich vorhin im Lebensmittelladen am Bahnhof gekauft habe.

Wien Westbahnhof: Es geht kein Zug nach Nirgendwo

Lichter der Stadt. Autoscheinwerfer und Rücklichter, die sich in Regenpfützen spiegeln. Leuchtreklamen, Straßenlaternen, das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt, das Rumpeln von Straßenbahnen und auf den Laufbandanzeigen an den Haltestellen steht: „Achtung Glatteis!“. In den Parks liegen noch Schneereste. Ich ziehe meinen Rollkoffer über Bürgersteiger, Bordstein rauf, Bordstein runter, Klappe den Mantelkragen hoch beim Warten im Nieselregen und esse ein Stück Spinatpizza mit viel Knoblauchsoße, das Ding vorsichtig auf dem Pappteller so balancierend, dass mir die Soße nicht über die Kleidung tropft. Ich habe Zeit. Ich habe viel Zeit. Ich habe noch Zeit für einen Kaffee in meinem Lieblingscafehaus, das liegt direkt an der U-Bahn-Haltestelle, und die Bahn braucht genau neun Minuten. Fünf Minuten bis ich unten am Bahnsteig bin. Fünf Minuten warten. Neun Minuten Fahrt. Fünf Minuten von der U-Bahn zum Zug. Zeit, um in Ruhe auszutrinken und mich dann auf den Weg zu machen
Natürlich bin ich ein bisschen nervös. Natürlich habe ich ein bisschen Herzklopfen, wenn es auf die große Reise geht… eine Reise in einem Nachtzug, Schlafwagen, Einzelabteil. Ich freue mich auf das sanfte Schaukeln, das Rattern der Räder über die Schienen, das gelegentliche Quietschen von Bremsen und die geheimnisvolle Stille, wenn der Zug irgendwo stehenbleibt, vor einem Signal oder in einem Bahnhof – vielleicht noch mit quäkender Lautsprecheransage, dann das Geräusch von Zuschlagenden Türen, eine Trillerpfeife und das Rattern, welches dann wieder anhebt…. und am nächsten Morgen ist man dann, etwas verknittert vielleicht, in einer fremden Stadt, in der man sich erst einmal orientieren muss und es ist wie ein Geschenk, welches man ganz geruhsam auspacken muss.
Ja. Darauf freue ich mich also. Ich trinke meinen Kaffee aus, winke der Bedienung, bezahle, greife Mantel und Koffer und gehe hinaus in den abendlichen Nieselregen…. überquere die Straße zur U-Bahnstation, fahre mit dem Aufzug hinunter in den Untergrund, warte vier Minuten, fahre neun Minuten, steige aus und schwebe auf Rolltreppen allmählich nach oben.
Der Westbahnhof wurde vor wenigen Jahren umgebaut zu einer Art großartigem Einkaufszentrum mit Bahnanschluss und alles wirkt noch neu und sauber und wuselig voller Menschen. Menschen, die in den von brusthohen Marmorwänden abgetrennten Sitzgruppen die in den verschiedenen Fastfood-Outlets gekauften Mahlzeiten verzehren, Menschen die auf Züge warten, Menschen, die gerade angekommen sind…
Ich habe immer noch Zeit.
In dem kleinen Lebensmittelladen reicht die Schlange vor der Kasse bis zurück zum Ausgang, aber es geht erstaunlich schnell. Zwei kleine Fläschchen Bier für einsneununddreißig.
Alles wegstecken, den Geldbeutel auch und dann ohne Hektik zum Bahnsteig: Nachtzug nach Venedig, über Salzburg, Villach und Tarvisio Boscoverde.
Bin ich hier richtig?
Menschen stehen in Grüppchen und diskutieren.
Was gibt’s?
„Nach Venedig fahren wir heute nicht!“ sagt ein Typ, der zwar keine Uniform trägt, aber trotzdem so etwas wie eine offizielle Funktion zu haben scheint.
„Und wie komme ich dahin?“ fragt eine Dame.
Der Typ zuckt mit den Schultern.
„Nach Salzburg können’s fahren. Oder auch bis nach Villach. Da ist aber Feierabend. Morgens um halb fünf. Das macht kaum einer!“
„Wie kommt man von dort aus weiter?“
„Gar nicht. In Italien steht alles unter Wasser. Heut geht gar nichts. Morgen auch nicht. Übermorgen wissen wir nicht!“
Meine sorgfältig geplante Italienreisepläne haben sich soeben in ein Nichts zerschreddert.