Von Bologna über die Alpen zurück: der Heimweg

Morgens ist der Himmel blau und es ist wieder südländisch-sommerlich warm.
Ich gehe noch einmal durch die Stadt, trinke einen Espresso unter den Kolonaden an der Via dell‘ Indipendenza, dann langsam bis zur Piazza Maggiore, zu den zwei Türmen und zur Piazza Santo Stefano, mache Photos im herrlichen Morgenlicht.
Dann zum Hotel zurück, auschecken und mit Gepäck zum Bahnhof.
Die Bahnhofsuhr ist um zehn Uhr fünfundzwanzig stehen geblieben: die Minute des Attentates von 1980. Damals starben 85 Menschen, als im Wartesaal eine in einem Gepäckstück versteckte Zeitbombe explodierte. Der Wartesaal ist längst wieder in Betrieb, am Explosionsort ist eine Gedenktafel angebracht und in der Wand klafft immer noch der damals entstandene Riss – jetzt architektonisch als Fenster gestaltet.
Der Eurocity nach München wird bereitgestellt und ist brechend voll. In Deutschland ist Sauwetter, sagt der Schaffner, in den Bergen ist es empfindlich kalt und ganz oben soll es sogar geschneit haben.
Hier unten aber strahlt die Sonne, auch noch in Verona und Trient; erst in Bozen kommen Wolken auf.
Am Brenner haben wir eine Viertelstunde Aufenthalt: Zeit, um auszusteigen und in der Bahnhofsgaststätte einen Espresso zu trinken. Der Mann neben mir trinkt Bier und flirtet auf tirolerisch mit der jungen Frau hinter dem Tresen.
Hinter Innsbruck regnet es, über Kufstein strahlt ein Regenbogen und bei Rosenheim wird es dunkel.
Umsteigen in München…. nochmal umsteigen…. ankommen.
Wieder zu Hause.

über den Brenner nach Trient

Ein kühler Morgen dämmert herauf.
Es ist nicht mehr Sommer und noch nicht Herbst. Sonntagmorgen: in den Straßen ist es feierlich-still, nur am Bahnhof ein bisschen Leben. Immerhin, die Bäckerei ist geöffnet und es gibt Kaffee und Brezeln.
Der Regionalzug steht bereit und zockelt pünktlich los.
Nebelfetzen über den Wiesen.
In München steigen wir in den Eurocity, der uns auf die andere Seite der Alpen bringen wird. Der Zug ist brechend voll. Reisende granteln einander an, schieben voluminöse Koffer durch die Gänge und streiten darüber, wer wem aus dem Weg zu gehen hat. Es geht los. Draußen Nieselregen. Pfützen auf den Wiesen. Dramatisch dunkle Wolken und Nebelfetzen, die durch die Täler wabern. An der Grenze steigt die Schulklasse aus, von hier an wird es allmählich leerer. Der Zug schraubt sich die Berge hinauf.
Am Brenner haben wir eine knappe Viertelstunde Aufenthalt. Am Bahnsteig stehen Polizisten. Ich steige aus, um mir die Füße zu vertreten. Rein theoretisch hätte ich sogar Zeit für einen Espresso.
Dann geht es weiter, ab Bozen ist der Himmel hin und wieder blau, aber beim Aussteigen in Trient nieselregnet es wieder.
Immerhin: ein freundlicher, warmer Sommernieselregen…

Von Innsbruck nach Triest

Ich setze mich in den Speisewagen. Eine Gruppe von drei Männern – nicht jung, nicht alt – sitzt hinter mir, sie trinken Bier und fachsimpeln über Eisenbahnthemen. Mindestens einer von ihnen hat beruflich mit der Bahn zu tun.
Ich ordere einen Kaffee… obwohl… eigentlich brauche ich jetzt ein Bier! Kann ich die Bestellung noch ändern? Ja, das passt, Kaffee geht eh gerade nicht, weil wir keinen Strom haben. Der Zug steht im Bahnhof, Reisende stehen draußen herum, außerdem verdächtig viele Leute mit gelben Warnwesten… ist irgendwas Schlimmers passiert? Zehn Minuten Verspätung, sagt die Anzeigetafel, dann ist es eine Viertelstunde, und dann…. die Lämpchen an den Speisewagentischchen fangen wieder an zu leuchten, wir haben offenbar Strom und dann geht’s auch los, durch die Stadt, durch den Tunnel, durch das Tal, hinauf in die verschneite Winterlandschaft, durch die ich heute schon zweimal gefahren bin.
Am Brenner ordere ich etwas zu essen.
„Dauert ein paar Minuten, wir haben gerade keinen Strom!“
Habe ich den Spruch nicht schonmal gehört?
Die Eisenbahnexperten steigen aus. Der Zug bleibt stehen und die Tischlämpchen verlöschen.
Ein Anzugträger faucht den Kellner an.
„Warum dauert das denn so lange? Wir haben doch schon mindestens eine Viertelstunde Verspätung!“
„Weil wir eine neue Lokomotive bekommen!“
„Muss das sein? Kann die deutsche Lokomotive nicht bis Venedig weiterfahren?“
„Nein, wir bekommen eine italienische Lokomotive!“
„Aber früher….“
„….auch früher war das schon so!“
Leute, freut Euch, dass Ihr sonst keine Sorgen habt!
Ich trinke entspannt mein Bier aus, und ein paar Minuten später geht es auch weiter, kann kriege ich meine Nudeln und der Zug fährt durch die Winterwunderlandschaft bergab hinunter ins Tal. Bei Franzensfeste ist der Schnee weitgehend verschwunden und vor Bozen bestelle ich mir ein zweites Bier.
Der Zug fährt das breite Etschtal entlang, der Himmel ist bewölkt und die Gipfel der Berge im Nebel versteckt. Irgendwo bei Trient gibt es Weinberge. Winterlich kahl natürlich, aber ohne Schnee. Die ältere Dame erzählt, dass sie in Verona umsteigen wird um an den Gardasee zu fahren, wo ihr Sohn und die Schwiegertochter wohnen und einen Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln betreiben. Die andere Dame reist geschäftliche nach Verona, zu einer Messe. Sie ist auch schon seit gestern unterwegs und hätte, wie ich, eigentlich den Nachtzug über Udine nehmen wollen.
Dann werden die Berge immer flacher, verschwinden ganz, und bei Verona wird es dämmerig. Flüsse sind über die Ufer getreten, es regnet leicht und auf der parallell zur Bahnstrecke verlaufenden Landstraße staut sich der Verkehr kilometerweit.
Ich bezahle meine Rechnung im Speisewagen, ziehe mich in einen normalen Sitzwagen zurück und döse bis Venezia-Mestre. Es ist viertel nach acht am Abend und wir haben gut zwanzig Minuten Verspätung. Ich steige aus.
Ein dunkler, schmieriger Bahnsteig mit Regenpfützen und fröstelnd wartenden Reisenden. Lautsprecheransagen auf italienisch.
Ich gehe durch die Unterführung in die zugige Bahnhofshalle, da gibt es Anzeigetafeln, nicht alle funktionieren und nirgendwo steht etwas von einem Zug nach Triest. Fahrpläne aus Papier gibt es auch, und da sehe ich, dass vor genau einer Minute ein Zug in meine Richtung ohne mich abgefahren ist, und der Nächste geht in einer knappen Dreiviertelstunde.
Draußen ist eine regennasse Straße mit Autos und Taxis und Hotels und Restaurants.
Oh, ein Cafe gibt’s auch! Ich rolle meinen Koffer über die Straße und ordere einen Espresso im Stehen.
Austrinken, dann der Versuch einer Ortsbesichtigung, ich habe ja schließlich Zeit. Nieselregen. Fünfzig Meter die Straße lang, dann gehe ich wieder zurück. Jetzt itrennt mich nur noch eine Viertelstunde von der Abfahrtszeit meines Zuges.
Die Viertelstunde geht vorbei, ein langer Regionalzug tuckert heran, Leute steigen ein und der Zug tuckert mit mir los durch die Nacht.
Vorortsiedlungen im Dunkeln, hier und da irgendwelche Stationen, deren Namen irgendwie alle gleich klingen.
Der Schaffner kommt und will meine Fahrkarte nicht akzeptieren: eine legal in Österreich erworbene Fahrkarte von Wien West nach Trieste Centrale, vierzehn Stunden lang quer durch Mitteleuropa…. aber nein, angeblich gelte sie nicht in diesem Regionalzug, und wenn, dann hätte ich sie vorher abstempeln müssen, was mir alles nicht unbedingt schlüssig vorkommt, da das Ticket auf dem Weg hierher ja schon mehrfach abgeknipst worden ist.
Aber wie will ich das jetzt auf italienisch erklären? Gerne würde ich ihm erzählen, was ich heute schon alles erlebt habe, aber ob ihn das interessieren würde?
Manchmal ist es besser, nichts zu verstehen! Und so gibt der gute Mann schließlich auf und zeigt sich gnädig, aber beim nächsten Mal, Signore, nur mit der richtigen Fahrkarte und nicht ohne Abstempeln!
Ich nicke artig, hole ein dünnes Taschenbuch heraus und lese ein wenig über die Stadt, die zu besuchen ich im Begriff bin. Hinter Monfalcone fängt rechts von mir das Meer an. Oder so ähnlich, aber draußen ist nur Dunkelheit. Der Zug fährt schneller. Und dann sind vorn irgendwo Lichter.
Ist das schon Triest? Ich bin gespannt auf diese Stadt! Ich packe meine Sachen und schaue aus dem Fenster. Rechts von mir ist das Meer, jetzt kann man es trotz Dunkelheit erkennen, mit Lichtern, die sich darin spiegeln.