Café Gerbeaud, Budapest

Genau hier fängt die Geschichte von Ben Whitcombe an. Wie ist es, wenn man in die Rolle des Protagonisten seines eigenen Romans schlüpft?
Das Lokal ist noch weihnachtlich dekoriert: Weihnachtsbaum, Tannengrün und das Übliche.
Es ist etwas über sechs Jahre her, seitdem ich zuletzt hier war – weil die Geschichte einfach genau hier anfangen musste und ich zuvor noch nie in Budapest gewesen war. Ganz andächtig habe ich damals jede Einzelheit notiert.
Und jetzt? Vor ein paar Minuten noch war das Lokal fast leer, vermutlich hat es erst um zehn Uhr geöffnet. Jetzt füllt es sich. Mit jeder Minute. Rechts ist der Salon mit den roten Tapeten, ein roter Samtvorhang mit Glitzer-Lichterketten davor, dann zwischen den beiden Räumen der grüne Vorhang. Hier der mittlere Raum mit den grün gemusterten Tapeten, Kristalluster, Stuckdecken dunkle Holzvertäfelung… runde Marmortischchen mit goldenem Fuß, Stühle mit rotbezogener Sitzfläche und dem Logo des Cafes in die dunkle Holzlehne eingearbeit. Im Hintergrund schluchzende Balladen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.
Sonnenstrahlen von draußen, draußen auf dem Platz stehen Touristen mit Wollmützen.
Die Platanen an der kleinen Grünanlage um das Denkmal herum haben keine Blätter.
Aber der Himmel ist blau, das Sonnenlicht intensiv und strahlt durch das Fenster.
Ich sitze hinten, vor der Wand, Blick über das Cafe und über den Platz. Alle paar Minuten zittert der Boden leicht, wenn eine U-Bahn von der Endhaltestelle draußen vor dem Eingang losrumpelt.
Links von mir sitzt eine dreiköpfige Touristengruppe – sie reden wohl italienisch, sie haben einen großen Stadtplan auseinandergefaltet auf einem unbesetzten Stuhl liegen. Vor mir ein junges Paar, sie schreiben Postkarten. Weiter vorne links auf der Bank sitzt eine Vierergruppe. Zwei Pärchen haben es sich in den Nischen an den Fenster bequem gemacht. Mir gegenüber sitzt ein einzelner Japaner, dem Blick vom Fenster weg gerichtet, er hat einen Ipad vor sich aufgebaut und liest.
Der junge Kellner trägt dunklen Anzug mit Weste, einer von den drei Italienern bittet ihn, ein Photo von der Gruppe zu machen, dann stehen sie auf und verabschieden sich.

Cafe Hawelka, Wien

Ich war schon lange nicht mehr im Hawelka. Das Kaffeehaus steht in jedem Reiseführer. Es hat eine lange Geschichte und früher einmal trafen sich hier die Revoluzzer und Literaten um Revolutionen zu planen oder darüber zu schreiben. Vor ein paar Jahren noch war die Luft hier zum Schneiden und dicke Tabaksqualmwolken waberten durch den Raum, über die abgeschabten Polstermöbel hinweg, an den mit Plakaten beklebten Säulen vorbei, zwischen den befrackten Kellnern hindurch…. und nichts entging den Augen der betagten Seniorchefin, die auch mit fast neunzig Jahren noch das Regiment führte und hereinkommende Gäste zu freien Tischen dirigierte.
Jetzt ist sie nicht mehr da. Dahin gegangen, wo man mit über neunzig Jahren gehen darf. Aber immer noch gibt es jeden Abend um zehn Uhr frische Buchteln.
Mein Bier kommt auf einem kleinen Silbertablett.
Keine zwei Minuten, nachdem ich Platz genommen habe, schlurft ein Typ an meinen Tisch: Anfang Zwanzig, fettiges Haar, speckiger Anorak.
Er sei Straßendichter, sagt er, und will mir ein Gedicht verkaufen, in Form eines handgeschriebenen, fotokopierten Blattes.
Zwanzig Cent soll es kosten, oder gerne auch mehr, wenn ich ihn bei seiner geplanten Karriere unterstützen möchte. Ich gebe ihm einen Euro, und erst als er schon weg ist fällt mir ein, dass ich mir ja eigentlich das Blatt von ihm hätte signieren lassen sollen, denn wer weiß, vielleicht wird er ja wirklich noch einmal berühmt.

Café Griensteidl, Wien

Der Michaelerplatz hat in der Mitte ein Loch, so eine Art archäologische Baugrube. Auf dem Boden finden sich Mauerreste, die stammen teils aus der Römerzeit, teils aus dem Mittelalter, teils erst aus dem 19. Jahrhundert. An der Westseite des Platzes ist das Michaelertor, der Eingang zur Hofburg. Die Kuppel hat eine legendär tolle Akustik, weswegen sie oft von Straßenmusikern aufgesucht wird, was aber vermutlich längst verboten ist.
Auf der anderen Seite des Platzes ist das Café Griensteidl. Früher haben sich hier – wie in allen traditionsreichen Kaffeehäusern – die Revoluzzer und Künstler getroffen, aber dann hat man das Ding abgerissen, ein neues Gebäude hingesetzt und hundert Jahre später auch wieder ein Café eröffnet. Ich trete ein. Parkettboden, rote Plüschbänke, Stühle aus dunklem Holz, ebenfalls mit rotem Plüsch überzogen, kleine Marmortischchen, Spiegel und dunkles Holz und schwere rote Samtvorhänge. Kein Zigarettenrauch, kein Wlan.
Ich bestelle einen Kleinen Braunen und belausche die Damen am Nebentisch.
„Energetisch ist unser Gespräch jetzt zu Ende!‟, sagt die Eine und dann schweigen sie sich noch eine halbe Stunde lang an.