Montecatini Terme

Mitten in der Nacht bin ich angekommen und heute, als ich es endlich geschafft habe, die dicken Vorhänge und die Holzladen des Hotelzimmers beiseite zu schieben, schlagen mir Sonne und Sommerhitze entgegen. Wo bin ich hier?
In halbwegs stadtfein-zivilisierten Klamotten breche ich auf zur Erkundungstour.
Eine schöne, schattige Allee. Was für Bäume sind das? Platanen? Links und rechts ist ein Hotel neben dem Anderen, alle haben sie vier Sterne, was aber gar nichts zu bedeuten hat.
Ein paar Meter weiter beginnt ein Park. Schattige Kiefern. Vom Hotelfenster aus habe ich auf einen bewaldeten Hügel schauen können. Es gibt einen Kurpark und sehenswerte Kur-Anlagen, außerdem ein Nebel-Tal und Montecatini Alto, das Dörfchen auf einem Berg, welches mit einer Standseilbahn zu erreichen ist. Aber wo genau befinde ich mich?
Ich versuche, mich nach dem Sonnenstand zu orientieren. Wo ist Norden, in welche Richtung liegt Florenz und wo geht’s zum Meer? Um mich herum ist nur Park und Bäume. Das Bergdorf liegt im Norden die Flußebene des Arno im Süden und die Sonne müsste jetzt irgendwo im Südosten stehen.
Im Zentrum gibt es eine Piazza mit einer hässlichen modernen Kirche und eine kurze Fußgängerzone, die direkt auf das Bergdorf zuführt.
Der Fußweg nach oben nennt sich „Via Amore‟ und oben gibt’s eine Menge romantischer Fotomotive. Dummerweise ist mir gerade nicht nach Romantik.
Später gönne ich mir ein Bier auf der Hotelterrasse. Um halb zwölf bin ich alleine, es regnet ein paar Tropfen und die Luft ist angenehm frisch.

Stilfser Joch

Sechsundvierzig Serpentinenkurven führen hinauf. Auf zweitaussendsiebenhudert Meter Höhe begrüßt mich eine raue Hochgebirgslandschaft, dazwischen ein riesengoßer Parkplatz, eine Straße mit Souvenirbuden, mehrere Hotels und eine Seilbahn.
Drumherum aber nur grauer Fels und Geröll mit Schneeresten dazwischen. Ich gehe in Richtung Gletscher. Die Luft ist dünn und der Gletscher doch weiter als gedacht. Auf der anderen Seite thront etwa hundert Meter oberhalb der Straße ein burgähnliches Gebäude. Was macht die Schweizer Flagge auf der Terrasse?
Tatsächlich steht da irgendwo ein Grenzstein. Eine Gebietszacke der Schweiz reicht tatsächlich bis hierher. In der Nähe sind Reste von Schützengräben und Bunkern aus dem Ersten Weltkrieg, damals wurde hier heftig gekämpft.
In der burgähnlichen Berghütte trinke ich einen Espresso. Offenbar befinde ich mich aber immer noch auf italienischem Territorium. Wobei: es hätte schon was, wenn ich meinen ersten italienischen Espresso in der Schweiz zu mir genommen hätte!

Café Griensteidl, Wien

Der Michaelerplatz hat in der Mitte ein Loch, so eine Art archäologische Baugrube. Auf dem Boden finden sich Mauerreste, die stammen teils aus der Römerzeit, teils aus dem Mittelalter, teils erst aus dem 19. Jahrhundert. An der Westseite des Platzes ist das Michaelertor, der Eingang zur Hofburg. Die Kuppel hat eine legendär tolle Akustik, weswegen sie oft von Straßenmusikern aufgesucht wird, was aber vermutlich längst verboten ist.
Auf der anderen Seite des Platzes ist das Café Griensteidl. Früher haben sich hier – wie in allen traditionsreichen Kaffeehäusern – die Revoluzzer und Künstler getroffen, aber dann hat man das Ding abgerissen, ein neues Gebäude hingesetzt und hundert Jahre später auch wieder ein Café eröffnet. Ich trete ein. Parkettboden, rote Plüschbänke, Stühle aus dunklem Holz, ebenfalls mit rotem Plüsch überzogen, kleine Marmortischchen, Spiegel und dunkles Holz und schwere rote Samtvorhänge. Kein Zigarettenrauch, kein Wlan.
Ich bestelle einen Kleinen Braunen und belausche die Damen am Nebentisch.
„Energetisch ist unser Gespräch jetzt zu Ende!‟, sagt die Eine und dann schweigen sie sich noch eine halbe Stunde lang an.

Széchenyi-Bad im Stadtwäldchen, Budapest

Es ist Samstag Morgen, etwa elf Uhr und die Sonne scheint. Die Bäume sind herbstlich bunt.
Trotz des Namens ist das Stadtwäldchen eher ein Park und kein Wald, ähnlich wie im Londoner Hyde-Park besteht es aus Wiesen mit Bäumen dazwischen. Mittendrin liegt das Széchenyi-Bad mit der eindrucksvollen Fassade, aber ich gehe in die andere Richtung, da schimmert ein Teich mit Enten darauf. Links ist eine Brücke, darüber führt die Hauptverkehrsstraße und dahinter geht der See zwar noch weiter, aber da ist das Wasser abgelassen. Nordöstlich des Teiches ist ein großer Spielplatz. Dahinter ist der Zoo, vor dem Eingang haben fliegende Händler Position bezogen: es gibt Luftbalons, Brezeln und alles mögliche Billigspielzeug.

Brüssel Gare Midi, Dezember 2001: Eine Tüte Euro bitte! – oder: Von der wahrscheinlich vorläufig letzten Gelegenheit, italienische Lire gegen belgische Franc umzutauschen

Der Eurostar war pünktlich und jetzt habe ich in Brüssel über eine Stunde Zeit, drei dreihundert belgische Franc und eine Idee.
Sind nicht diese Woche zum unter großem Medienrummel die ersten Euro-Münzen unters Volk gebracht worden? Als sogenannte „Starter-Kits“ in sorgfältig abgezählten Plastiktütchen?
Also gut, dann mache ich mich mal auf die Suche.
In der unterirdischen Ladenpassage gibt es so ziemlich alles, vom Friseur bis zum Internetcafe und natürlich auch eine Wechselstube.
Nein, der Euro kommt doch erst nächstes Jahr, erklärt man mir geduldig, so wie man es halt einem ignoranten Ausländer erzählt, und es ist deutlich zu merken, der gute Mann erzählt das heute nicht zum ersten Mal.
Münzen? In Plastiktütchen?
Er beratschlagt mit einem Kollegen. Ich soll’s doch mal an der Post versuchen.
Die Post ist am anderen Ende des Bahnhofs und die lange Schlange vor den Schaltern sieht ziemlich entmutigend aus.
Gleich um die Ecke finde ich eine kleine Bankfiliale. Drei Schalter, davon zwei geschlossen. Vor dem Dritten ein Schild „nur für schnelle Transaktionen“.
Zwei Leute warten geduldig vor mir. Ihre schnellen Transaktionen dauern Ewigkeiten. Endlich.
Ja, hier gibts Euros. In abgepackten Tütchen zu fünfhundert Franc, und nur ein Tütchen pro Person.
Ob ich für meine dreihundert Franc nicht vielleicht ein halbes Tütchen….?
Nein, das geht nicht.
Ob sie mir nicht ein paar D-Mark, Pfund oder Schillinge umtauschen…?
Nein, Umtausch gibts nur für Kontoinhaber.
Das war’s denn wohl. Zurück zum Bahnhof, ins nächste Cafe, erstmal nen Kaffee trinken.
In fünfundvierzig Minuten geht mein Zug. Meine Barschaft ist auf zweihundertvierzig Franc geschrumpft. Ob ich die dann wohl doch lieber in belgische Schokolade investieren soll? Oder noch einen Versuch wagen?
Eine Minute später finde ich mich in der Wechselstube wieder und zücke einen dicken Briefumschlag voller Lire, Escudos, Drachmen, Punt, Schillingen und ähnlichem Gemüse.
„No Commission für Nicht-Euro-Währungen“ steht auf dem Werbeplakat. Meine Lire aber werde ich nur gegen fünfzig Franc Provision los.
Wieder in die Stadt. Hundert Meter weiter die nächste Bank. Keine Schlange vor den Schaltern.
Euros? Die gibts doch erst nächstes Jahr. Ob ich nicht lieber britische Pfund möchte?
Probepackungs-Tütchen mit Euro-Münzen?
Er wird rot.
Nein, gibts nicht, sagt er schnell.
Vielleicht doch?
Immerhin liegt ein ganzer Stapel davon direkt hinter der Glasscheibe, quasi zum Greifen nah.
Nur für Kontoinhaber.
Ob man nicht vielleicht, freundlicherweise, einmal eine Ausnahme machen könnte?
Er schüttelt den Kopf.
Diese Eurotütchen sind anscheinend so rar wie Goldstaub.
Wo gibts die Dinger denn?
Schulterzucken. Für so miese Ausländer wie Dich gar nicht, würde er wohl gerne sagen.
Arschloch, will ich sagen. Stattdessen bemühe ich mich um ein Lächeln.
Na, dann mache ich halt ein Konto auf.
Geht nicht. Ich versuche es mit sanftem Druck
Könnte ich vielleicht mit Ihrem Vorgesetzten sprechen?
Der hat keine Zeit.
Ich würde ja gerne noch weiter insistieren, aber in einer halben Stunde geht mein Zug.
Also doch wieder zu der kleinen Bank von vorhin. Inzwischen sind sogar alle drei Schalter offen. Leider auch eine beachtliche Schlange.
Zehn Minuten später sind es noch genauso viele.
Ich weiss nicht, wieviele Stempel und Unterschriften man in Belgien braucht, um an einem Schalter, „nur für schnelle Transaktionen“, sein Geld abzuheben.
Endlich wird ein Schalter frei.
Ob man vielleicht, bittebitte, so nett wäre, mich vielleicht vor zu lassen, weil in zehn Minuten…
Ich stehe vor dem Schalter… und der Banker ist plötzlich weg. Wo steckt er?
Ich werde nervös… der Zug…
Der Banker kommt wieder, erkennt mich, lächelt.
„Eine Tüte Euro bitte!“
Ich schiebe meine fünf Hundertfranc-Scheine unter der Glasscheibe durch. Er nimmt sie einzeln, einen nach dem anderen auf, zählt sie sorgfältig, zählt sie nochmal.
Lächelt. Tippt in Zeitlupe auf seinem Computer. Nimmt einen Schlüsselbund, schliesst einen Schrank auf, welchem er einen Schlüsselbund entnimmt. Öffnet einen weiteren Schrank und holt endlich ein Tütchen Euro-Münzen aus dem Versteck. Füllt eine Quittung aus.
Ich greife nach meinen Euros und renne zurück zum Bahnhof.
Der Zug hat Verspätung. Ich hole das Tütchen aus der Tasche und sehe mir die Münzen an.
Vierzehn komma acht eins belgische Euros. Brandneue, glänzende, prägefrische Münzen. Auf der Rückseite lächelt der König.
Was ist an diesen Dingern bloß so Besonderes?

Waterloo Station, London

Einmal nach Waterloo bitte, zurück morgen.
Waterloo. Mir klingt immer noch dieser uralte „Abba“-Song im Ohr, den sie gestern auf der Party immer wieder und wieder gespielt haben.
Waterloo ist ein anständiger Bahnhof. Bei der Einfahrt kann man linker Hand ab und zu zwischen den Hochhäusern den Fluß durchschimmern sehen, ab und zu auch das Parlament und Big Ben und natürlich die jüngste Attraktion dieser Stadt, das Riesenrad, das größte Europas und zweitgrößte der Welt. Mit den Rekorden ist das natürlich so eine Sache, es wird bestimmt nicht lange dauern, bis irgendein fernöstlicher oder amerikanischer Großmogul ein größeres baut.
Kurz bevor der Zug dann zum Stillstand kommt taucht linker Hand jene hypermoderne bläuliche Hallenkonstruktion auf, die dem Bahnhof das Attribut „International“ verleiht, worauf man hierzulande mächtig stolz ist.
Immerhin, die Gepäckwägelchen nehmen auch französische und belgische Münzen. Und rücken sie wie es sich gehört nach Gebrauch wieder raus, wir sind ja schließlich nicht in Deutschland.
Ich durchquere die Bahnhofshalle – großzügig, wie es sich gehört, mit den üblichen Cafés und Zeitungsläden, der Geruch der großen Weiten Welt, der solchen Orten immer innewohnt – und suche dann zielstrebig den Eingang in die Unterwelt.
Eine Besonderheit von Waterloo ist, daß es keinen nennenswerten Bahnhofsvorplatz gibt. Dort, wo man einen solchen erwarten würde, schrammt in luftiger Höhe auf ihrem Viadukt eine weitere Bahnlinie gerade knapp an der Außenfassade des Hauptgebäudes vorbei, zu ihren Füßen ein unübersichtliches Gewirr aus mehrspurigen Schnellstraßen, die sich hier auf unnachahmliche Weise verknoten. Fußgänger werden erstmal in die Katakomben geschickt.
Immerhin sind diese Unterführungen inzwischen auf fast rührende Weise neu gestaltet worden. An den Wänden prangen jetzt Dichterzitate. Und auf der riesigen Verkehrsinsel in der Mitte des Kreisverkehres prangt ein kreisrundes Imax-Kino.
Von hier aus fürht mein Lieblings-Fußgängertunnel – jener mit dem blauen Sternenhimmel – zu einer der Hauptattraktionen jener Stadt: Dieses wunderbare Café unter der Brücke.
Selbst jetzt im Dezember und selbst wenn es in Strömen regnet kann man dort noch auf den Bänken draußen sitzen, während zehn Meter weiter über einem der Verkehr donnert. Davon hört man aber nichts. Stattdessen gibts hier den Bücherflohmarkt und jede Menge Straßenmusiker – die Akustik ist einmalig.
Ich trete ein, hole mir einen Kaffee setze mich ans Fenster, versuche so intellektuell wie möglich auszusehen, aber die attraktive Frau neben mir liest trotzdem lieber weiter in ihrem Buch…

Vierzehn Stunden Schweden: Ein Frühlingstag in Malmö

Ich fühle mich übernächtigt. Ich sitze auf irgendeiner Bank in irgendeinem Park in irgendeiner Stadt in irgendeinem Land, in dem ich noch nie vorher gewesen bin.
Es ist vielleicht halb 10 Uhr früh und ein Rentner schiebt sein Fahrrad am Ententeich vorbei. Die Enten quaken, Vögel zwitschern und der künstliche Wasserfall plätschert vor sich hin. Plätschert von jenem vielleicht eineinhalb Meter hohen Felseninselchen im Teich.
Der Himmel ist bewölkt und es ist tendenziell kühl.
Vor mir ist das imposante Gebäude der Stadtbibliothek und die ist zur Zeit noch geschlossen.
Es sieht verdammt nach Regen aus.
Was will ich hier eigentlich?
Ich muß gähnen Hinter mir tobt der Verkehrslärm einer großstädtischen Durchgangsstraße. Ein Presslufthammer hämmert und zwei Enten kommen näher und wollen was von meinen Keksen abhaben. Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen vorbei.
Ich bin in einem fremden Land und alles ist viel weniger exotisch als ich es erwartet habe.
Also gut: Morgens früh um sieben auf dem Dampfer reibe ich mir verschlafen die Augen. Land in Sicht. Diesigdunstiger Nieselregen, der Landstreifen wird breiter, Häuser und Hafenanlagen tauchen auf, dann die Lautsprecheransage und eine Stunde später betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben schwedischen Boden.
Passkontrolle. Der Afrikaner vor mir braucht länger, ich dagegen werde schnell durchgewunken.
Trelleborg schläft.
Eine schlafende Fußgängerzone, schlafende Cafes, schlafende Läden. Schlafender Stadtpark. Sogar Mc Donalds hat noch zu.
Wie durch ein Wunder entdecke ich eine Wechselstube, die offen hat und in der ich für zwanzig britische Pfund knapp zweihunderfünfzig schwedische Kronen kriege.
Der Bus nach Malmö kostet 40 Kronen und ist brechend voll.
Was macht man in Malmö morgens um 8?
Der Bahnhof ist schön. Ein Kopfbahnhof. Endstation. Von hier aus führen alle Wege nach Norden. Es gibt einen Superschnellzug nach Stockholm und vielleicht kann man ja sogar von dort aus ja bis zum Polarkreis weiterfahren.
Gegenüber vom Bahnhof ist ein Fährterminal, von dem aus gerade ein schnelles Tragflügelbot nach Kopenhagen startet. Ob ich mal auf nen Sprung rüber soll?
Der Kaffee im Bahnhofsrestaurant kostet zwanzig Kronen. Eine Postkarte nach Deutschland sieben. Ein Schließfach zehn.
Immerhin bin ich mein Gepäck jetzt endlich los. Ich laufe ein wenig unschlüssig herum und vergleiche Preise. In der Tourist Information gibts ganz umsonst ein dickes Bündel Broschüren und sogar einen brauchbaren Stadtplan.
Ganz besonders stolz sind sie wohl auf ihre Brücke. Jene Brücke soll demnächst mal Malmö mit Kopenhagen verbinden und die schönen Tragflügelboote überflüssig machen. Und weil sie gerade dabei sind, bauen sie gleich noch einen Tunnel vom Brückenkopf durch die Innenstadt zum Bahnhof.
Also gut, dann schau ich mir mal die Stadt an.
Eine Fußgängerzone. Ein ziemlich großer Platz. Steinhäuser, für die Ewigkeit gebaut. Kaufhäuser und Geschäfte. Könnte auch Deutschland sein. Oder England. Oder sonstwo.
Dieselben Steakhouse- und Burger-Ketten wie überall. Nur die Sprache unverständlich. Ich beginne, Worte zu erraten.
Stortorget heisst soviel wie „großer Platz“. Das krieg ich ganz ohne Wörterbuch raus. Und der Platz ist ganz nett, und groß natürlich, mit Bäumen und diversen Denkmälern. Die Fußgängerzone geht noch weiter. Am Gustaf-Adolf-Torget sieht es etwas belebter aus, abends scheint öfters mal was los zu sein.
Vor dem drohenden Regen fliehe ich in die Bibliothek und kaum bin ich drin, da schüttet es auch schon in Strömen.
Um Himmels Willen, wie soll ich bloß sie restlichen sieben Stunden Malmö herumkriegen?
In der Bibliothek kann ich mich häuslich niederlassen.
Neben mir sitzt ein Typ mit Krawatte, schräg gegenüber ein ziemlich junges Mädel.
Ich übe mich in soziologischen Studien. These Eins: Nicht alle Schwedinnen sind blond. In der Tat entdecke ich sogar einen ziemlich beachtlichen Ausländeranteil.
These zwei: Nicht alle Blondinen sind hübsch. Manche sind ziemlich übergewichtig.
Und These drei: Es gibt auch hübsche, Nicht-blonde Schwedinnen. Schade, daß mein Schwedisch nicht zum Flirten ausreicht.
Genaugenommen sind meine Schwedischkenntnisse sogar gleich null, aber erstaunlich viele Worte lassen sich erraten.
Ich entdecke einen öffentlichen Internetcomputer, und trotz schwedischer Tastatur und Browsereinstellung schaffe ich es – nach mehreren Systemabstürzen – ein paar Emails zu verschicken.
Da sitze ich also: In einem fremden Land, in einer fremden Stadt und schreibe Emails nach England.
Das hat schon etwas Dekadentes. Irgendwie verrückt.
Draußen klart sich der Himmel auf und die Sonne kommt heraus.
Ich wandere durch weitläufige Parks. Diese Parks sind von Wasserläufen durchzogen, man muß aufpassen, wo man landet, nicht überall gibts Brücken. Aber der kostenlose Stadtplan von der Tourist Information leistet gute Dienste.
Im Park gibts eine Windmühle und ein Schloß, das Malmö-Haus oder so ähnlich. Das sehe ich aber nur von hinten, finde mich dann vor einem Technik-Museum wieder, überquere eine Straße, laufe über eineWiese und stehe dann am Meer.
Naja, was man hier halt so als Meer bezeichnet. Eine Uferbefestigung aus groben Steinbrocken, rechter Hand Hafenanlagen und linker Hand…. da ist sie, jene legendäre Brücke.
Ein Stück Fahrbahn ist schon fertig, ein Hauptpylon, mehrere Pfeiler, die im Nichts enden, irgendwo mittendrin eine künstlich aufgeschüttete Insel.
Drüben, nicht allzuweit weg ist die dänische Küste. Oder das dänische Ufer. Wirklich, man kann fast rüberspucken, es wirkt eher wie ein breiter Fluß als ein Meeresarm. Ist das auf der anderen Seite schon gleich Kopenhagen?
Ich drehe um, gehe zurück in Richtung Stadt und lande auf dem Friedhof.
Ein uralter Friedhof mit Bäumen und Grabsteinen aus dem letzten Jahrhundert, eher ein Park. Und gleich nebendran ist der Gustaf-Adolf-Torget, der Platz, an dem das Kneipenleben tobt.
Ich teste die lokale Gastronomie.
Die Falaffel im Triangelen-Shopping Centre ist ganz okay, billig und deutlich milder gewürzt als erwartet.
Irgendwo finde ich auch ein passables Café.
Ich streife durch die Fußgängerzone. Nicht, daß ich in den großen Kaufrausch verfallen würde, aber mein Schreck über die exorbitanten Preise legt sich bei näherem Hinsehen ein wenig.
Auf dem Stortorget findet eine Demonstration statt, es geht um den Krieg im Kosovo. In den Kinos laufen dieselben Filme wie überall sonst auf der Welt. Es gibt ein paar schöne, alte Kinos.
Aber muß ich mir jetzt einen schwedisch synchronisierten Holywoodschinken reintun?
Ich habe noch ein wenig Zeit und streife lieber durch das Kneipenviertel.
Da ist eine Gruppe giggelnder junger Frauen, eine trägt eine Art Brautkleid und muss irgendwas singen. Also wiedermal eine ethnologische Studie: These eins: Sie ist einfach besoffen. These zwei: Es handelt sich um einen lokalen Hen-Night Brauch, entfernt verwandt mit dem deutschen Polterabend. These drei: Beide Thesen schliessen einander nicht aus.
Es ist ein angenehm milder Frühlingsabend und ich beschließe, daß Malmö mir gefällt. Ich schreibe ein paar Postkarten und mache mich dann auf den Weg zum Bahnhof.
Der Zug steht schon bereit.