Februar 2014: Winterreise nach Wien, Triest und Venedig

Februar 2014: Winterreise nach Triest und Venedig

  • Im Winter ans Mittelmeer? War ich noch nie! Triest ist eine wunderschöne Stadt und Venedig im Februar definitiv eine Reise wert. Eine spannende Reise… die vor allem sehr dramatisch angefangen hat

Die Route:

Im Nachtzug von Venedig nach München

Das Single-De-Luxe-Schlafwagenabteil, unterscheidet sich vom Standardabteil durch ein eigenes Klo und eine eigene Dusche. Es gibt ein Bett (mit ziemlich kleinem Kissen) und kleinen Sitz am Fenster, aber keine Ablagefläche. Zum Glück eine Steckdose und verschiedene Leselampen. Das Rollo ist heruntergelassen, aber man kann es öffnen.
Ich richte mich ein und der Zug fährt los, über den Damm nach Mestre und dann lasse ich die nächtliche Landschaft wie einen Film an mir vorbeiziehen.
Ich probiere die Dusche aus – die wird nicht richtig warm, aber immerhin, nach so einem Tag in Venedig ist es angenehm erfrischend.
Ich schaue weiter aus dem Fenster und dann kommt auch schon Udine und dahinter irgendwo beginnt so etwas wie eine dunkle, wilde Berglandschaft.
Ich döse ein und wache auf, ein längerer Halt: Tarvisio Boscoverde, die Grenzstation, ein erstaunlich großer Bahnhof. Draußen liegt Schnee.
Ich döse wieder ein, der Zug fährt weiter, ziemlich langsam…. dann ein sehr, sehr langer Halt in Villach, draußen liegt Schnee. Die Polizei klopft an die Abteiltür und will meinen Ausweis sehen, ich döse weiter in einer Art Halbschlaf, bilde mir ein, die ganze Zeit über das Rattern zu hören und versuche, zu erahnen, wo wir gerade sind, ohne die Augen zu öffnen.
Es geht langsam und offenbar in Kurven bergan, dann werden die Fahrtgeräusche lauter, das muss der Tunnel zwischen Mallnitz und Böckstein sein, dann nach einer Weile wieder ein längerer Halt, es wird geruckelt und gekuppelt, eindeutig Salzburg. Um vier Uhr fünfundzwanzig soll es weiter gehen. Und wieder klopft es an der Tür, diesmal die deutsche Grenzkontrolle, aber ich bin eh wach.
Ich stehe auf, dusche und ziehe mich an, dann klopft es erneut, um kurz nach fünf, es ist die Schaffnerin mit dem Frühstück. Draußen stockdunkel. Es gibt eine Semmel, Kaffee, Apfelsaft und ein kleines Weißbrotzopfdingsda, dazu Butter, Marmelade und Leberwurstaufstrich. Ich richte mich mit meinem Kaffee auf dem Bett ein, dann klopft die Schaffnerin erneut, sammelt das Tablett ein, immerhin bietet sie mir ungefragt einen zweiten Kaffee an.
Ich höre Musik und schaue aus dem Fenster, hinter Rosenheim beginne ich, meine Sachen zusammen zu packen. Draußen die ersten Münchener Vororte. Halt in München Ostbahnhof. Keine Hektik! München Hauptbahnhof. Ich balanciere meine Sachen durch den Korridor und steige aus.

Abschied von Venedig

Die Pizza Margarita ist lappig und matschig, aber… okay, große kulinarische Meisterwerke habe ich hier eh nicht erwartet. Es gibt noch einen Kaffee, dann stehe ich auf. Erstaunlich sauberes Klo mit winzigem, vergittertem Fensterchen, das Gitter ist solide aus Eisen geschmiedet. Ich lege meinen Zehneuroschein auf den Tresen und gehe.
Es ist ungefähr halb acht und den Weg zum Hotel habe ich unterschätzt. Blick auf die Kirche Salute, Blick auf San Giorgio, über die kleine Piazza San Zacharia und diese wundeschöne kleine Piazza dahinter, um ein paar Ecken herum, an der Rückseite des Dogenpalastes vorbei -dann hole ich mein Gepäck ab und mache mich auf zum Bahnhof.
Neunzehn Uhr zweiundvierzig. Jetzt aber zügig!
Über den Markusplatz zur Vaporetto-Station. Hektik. Ich renne zwischen den verschiedenen Anlegern hin und her. Das Boot der Linie zwei fährt nicht, ich muss die langsame Nummer eins nehmen – wie lange dauert das? Vierzig Minuten, sagt die Dame am Schalter. Reicht das aus? In zwei Minuten geht das nächste Boot, um Zwanzig uhr Siebenundfünfzig geht der Zug. Ich habe ja gar keine andere Wahl.
Ganz langsam gleitet das Boot über den Canal Grande…. Die Kirche Santa Maria della Salute… viele Zwischenstationen bis zur Rialto-Brücke… verstohlener Blick auf die Uhr: zehn nach acht.
Blick auf die Paläste: Das ist doch einfach wunderschön! Ob ich es rechtzeitig schaffe? Ich könnte aussteigen und zu Fuß rennen, vielleicht wäre ich dann schneller… nee, das mache ich nicht! Also genieße ich die langsame Fahrt… immer wieder diese Anlegemanöver: der Fahrer verlangsamt die Maschine, der Schaffner oder Matrose oder was auch immer er ist wirft das Tau um den Poller, der Fahrer fährt rückwärts und presst das Boot an den Anleger, der Matrose schiebt das Gitter zurück, Aussteigen, Einsteigen, Warten auf Nachzügler, Gitter zu, Leinen los und weiter… ab und zu warten auf Gegenverkehr, wenn an der Haltestelle schon ein anderes Schiff liegt… um halb neun sind wir eine Station vor dem Bahnhof, an der Kreuzung, wo der einzige ebenfalls von Vaporettos befahrene Seitenkanal abgeht, um Zwanzig ihr vierunddreißig dann am Bahnhof….. ich steige aus…. noch ein Blick auf den Canal Grande, genau denselben Blick wie bei der Ankunft… dann drehe ich mich um und der Bahnhof ist ein ganz normaler Bahnhof. Mein Zug steht an Gleis acht bereit.
Mein Schlafwagen-Abteil ist im zweitvorderen Wagon. Anscheinend sind gar nicht viele Reisende unterwegs. Ich steige ein, mache mich in meinem Abteil breit, öffne eine Flasche Bier und genieße die Fahrt

Touristenpizza in Venedig

Ich habe Hunger und entdecke ein kleines Lokal gleich hinter dem Markusplatz. Draußen ist ein Schild, welches Pizza plus Getränk und Kaffee für zehn Euro anpreist. Drinnen winzige Tischchen. Der Laden ist winzig und wirkt eher wie eine Imbisbude. An einem kleinen quadratischen Tischchen sind zwei Stühle so eng hingequetscht, dass man sich kaum bewegen kann und wenn man die Stühle etwas auseinander stellt, ist der Weg zur Toilette versperrt. Als ein eintrete, sitzen an einem Tisch zwei Japanerinnen, an weiteren Tischen eine einzelne junge Frau mit Kopftuch und eine weitere einzelne Japanerin. Ich setze mich und dann passiert eine ganze Weile lang erstmal gar nichts. Zwei Franzosen treten ein, setzen sich und mich hat man immer noch nicht als potentiell zahlenden Kunden wahrgenommen. Bin ich unsichtbar? Spielautomaten düdeln, genau über mir hängt ein Fernseher, da läuft ein Musiksender. Ich stehe auf und frage nach der Speisekarte. Für zehn Euro gibt es Pizza Margarita, aufgetaut aus der Tiefkühltruhe, und dazu ein winzigkleines Bier und einen passablen Espresso. Das Klo ist erstaunlich sauber, mit winzigem, vergittertem Fensterchen, das Gitter ist solide aus Eisen geschmiedet. Ich lege meinen Zehneuroschein auf den Tresen und gehe…

Auf der Giudecca

Vom Bahnhof will ich bis zum hinteren Ufer des Dorsoduro um auf die Giudecca überzusetzen. Aber ich verlaufe mich in den Gässchen und Kanälen. Hier ist alles nur romantisch, wunderschön. Das Wetter ist kühl, der Himmel bedeckt und man könnte sich auch vorstellen, in Holland oder Belgien zu sein.
Ich gelange zur Piazza Santa Margarita. Ein wunderschöner großer Platz. In jedem anderen Ort wäre so etwas der größte und wichtigste Platz, hier ist es halt einer von vielen Plätzen. Ich esse ein Stück Pizza auf einer der Bänke in der Mitte des Platzes. Jetzt noch einen Kaffee? Nein, ich will weiter, zur nächsten Piazza und gelange in eine sehr ruhige Wohngegend. Der Charakter der Gegend ändert sich: Wohnblocks mit gepflasterten Höfen, hier und dort auch kleine Grünflächen…. und irgendwo hinten am Ende der Straße stehen sogar Autos.
Seit fünf, sechs Stunden laufe ich durch diese Stadt und bin immer noch dabei, hinter jeder Ecke etwas neues zu Entdecken: das ist das Verrückte an dieser Stadt, hinter jeder Ecke IST auch etwas Neues. Okay, kann man sagen, irgendwann ist es halt doch irgendwie das gleiche: romantische Gässchen, Kanäle, Boote und alte Fassaden. Außerdem je nachdem, wo man sich gerade befindet ein Haufen Touristen mit Kameras – so wie ich – und bunte Touristenläden und Lokale mit Speisekarte auf Englisch, oder, die Steigerung davon, Fotos von den wichtigsten Gerichten im Fenster.
Auf den Vaporettos stinkt es penetrant nach Dieselqualm – jedenfalls wenn man sich für die Aussichts-Plätze draußen auf der hinteren Plattform entscheidet. Drinnen stinkt es nicht nach Diesel, aber da sieht man auch nicht so viel durch die beschlagenen Scheiben… Ach ja, und dann geht man eine Straße lang, biegt um eine Ecke und steht plötzlich vor einem Kanal, wo es rechts und links nicht mehr weitergeht, sagt einem ja keiner…
Ja, und dann geht man zurück, um eine weitere Ecke und dann ist da wieder so ein herrlicher Platz mit schönen alten Häusern, der einen oder anderen Kirche, dem einen oder anderen berühmten Gebäude, vielleicht auch ein Denkmal oder so….
Ach, ist das anstrengend!
Ich bin in der Nähe der Piazzale Roma, nehme das nächste Boot in östliche Richtung, nach Zattere, steige um und setze auf die Giudecca über. Da ist eine lange, durchgehende Uferstraße, eine Seitenstraße mit Wohnhäusern, niedrige Gebäude, wieder ganz anderer Charakter, auch Neubauten dazwischen… man gelangt bis auf das Gegenufer, dann finde ich dieses Cafe, ordere einen Cappuccino und ein Croissant.
Ich schaue mich um: Ich bin tatsächlich der einzige Tourist. Außer mir sind da nur Familien mit Kindern und ein Hund, der ständig nach draußen will und entwischt, sobald jemand die Türe öffnet. Vorhin hat ein alter Mann Klavier gespielt. Aber jetzt ist er wieder gegangen und aus der kleinen Anlage in der Ecke dudelt in gemäßigter Lautsträrke Achtzigerjahremusik… diesmal die richtige Achtzigerjahremusik!

Acqua alta in Venedig

Abends noch ein ganz kurzer Spaziergang. Der Regen hat aufgehört. Unten auf der Gasse sind zwei Besoffene. Der Markusplatz steht zwar nicht unter Wasser, aber auf der Mitte des Platzes sind sehr, sehr ausgedehnte Pfützen… sagen wir, vielleicht ein Viertel bis ein Drittel des Platzes sind so tief unter Wasser, dass man, wenn man mit gewöhnlichen Schuhen unterwegs ist, nasse Füße bekommt. Und ein Trupp von der Stadtverwaltung ist unterwegs, Laufstege aufzubauen…. auf den wichtigsten Strecken sind schon welche.
Später, als das Wasser abgelaufen ist, sind sie ruck-zuck wieder verschwunden.

Vom Fondamente Novo nach Murano

Ich will zum Fondamente Novo. Wenn man ein Ziel hat, dann ist das mit all den verwinkelten Gassen eher hinderlich. Manchmal enden die Gassen nämlich ganz unvermittelt an einem Kanal, was dann zwar oft ein pittoreskes Fotomotiv ist, mich dem Ziel aber nicht näher bringt. Rialto ist ausgeschildert und ich lande prompt dort, bin überrascht, wie schnell das geht, viel schneller als mit dem Vaporetto.
Ich schlage mich durch. Am Fondamente Novo dann Blumengeschäfte und Bestattungsunternehmer: die Friedhofsinsel ist genau einen Vaporetto-Stop entfernt.
Ich nehme das nächste Boot nach Murano… dunstig-gelbliches Gegenlicht auf Venedig. Vor dem Stadtverwaltungs-Palazzo eine kleine Piazza mit Turm und imposanter Glasskulptur davor. Die Glaswerkstätten bieten herrliche Stücke zum Kauf an. Die haben natürlich ihren Preis…

Venedig: Sonnenuntergang auf dem Lido

Der Lido ist meines Wissen eine schmale Landzunge, welche die Lagune vom Mittelmeer trennt… und doch laufe ich kilometerlang an Häusern und Villen vorbei, entlang eines Wasserlaufes, der ja…. den Lido der Länge nach durchquert? Wie komme ich hier zum Strand? Was für eine Situation: Ich bin auf dem Lido und finde den Lido nicht – würde ich jemanden nach dem Weg fragen, dann müsste man mich wohl für verrückt erklären!
Schließlich höre ich Wellenrauschen. Und finde eine Brücke. Und letztendlich dann auch den Strand.
Winterlich eingemottete Strandkörbe. Ein paar einsame Spaziergänger. Jugendliche. Wellen. Goldener Sonnenuntergang. Ein fliegender Händler will mir irgendwelche Tücher andrehen, breitet aus hundert Metern Entfernung seine Arme aus, an denen hunderte von Tüchern hängen… ich winke ab, er wendet sich der nächsten potentiellen Kundin zu.

Venedig: zwischen Rialto und Markusplatz

Das Hotel habe ich gefunden, das Hotel ist okay.
Aber ich bin nicht in Venedig, um mich in Hotelzimmern aufzuhalten… also duschen, umziehen und raus!
Das Schöne an Venedig ist, dass man sich einfach verlaufen muss. Es geht gar nicht anders. Natürlich kann man sich einen Stadtplan nehmen und versuchen, sich anhand von Straßennamen und markanten Punkten zu orientieren… aber man verläuft sich trotzdem, also besser ist, man verzichtet von vorne herein auf den Stadtplan und geht einfach los, irgendwo wird man schon ankommen.
Es gibt Gassen und Gässchen und Kanäle und Brücken und die Gassen sind manchmal kaum zwei Meter breit, führen durch Häuser durch und enden unvermittelt am nächsten Kanal. So ist das halt.
Ab und zu sind an Hauswänden Hinweispfeile angemalt: Zur Rialtobrücke, zum Markusplatz. Irgendwann stehe ich an der Rialtobrücke. Nachdem ich die üblichen Photos gemacht habe, steige ich in das nächste Vaporetto und setze mich nach hinten, auf die hintere Außenplatform, setze eine Sonnenbrille auf und schaue den beiden hübschen, elegant gekleideten Italienerinnen beim Smalltalk zu. Am Markusplatz steige ich aus, flaniere am Ufer entlang, mache Photos und steige in das nächste Vaporetto. Das fährt zum Lido. Fahre ich halt zum Lido, warum nicht?

Von Triest nach Venedig

Venedig St. Lucia, der Zug endet hier. Ich steige aus und bin ein wenig nervös.
Der Bahnhof ist ein Bahnhof ist ein Bahnhof. Ein Bahnhof, wie es viele gibt. Vor der Bahnhofshalle ein paar Stufen, ein kleiner Platz… und dahinter Wasser.
Wasser. Blauer Himmel. Ich bin in Venedig. Und fast automatisch, ohne dass ich etwas dagegen tun kann, greife ich zur Kamera und schieße mein erstes Bild: die Kirche auf der anderen Seite des Kanals, mit ein paar Booten davor. Ich bin in Venedig.
An der Bootshaltestelle gibt es ein Kassenhäuschen. Da sind die Ticketpreise angeschlagen. Ich schaue auf die Tafel und dann auf die Dame auf der anderen Seite des Schalters, die meinen Blick erwidert, als wolle sie…. als teile sie mein Entsetzen, zumindest eine Sekunde lang….? oder will sie mir schulterzuckend sagen, so ist das halt, die Preise sind, wie sie sind, schließlich sind wir hier in Venedig, und da ist nunmal alles ein wenig teuer!
Ich kaufe ein Dreitagesticket und dann kommt auch schon das Boot. Ich steige ein und langsam tuckern wir den Canal Grande entlang. Und es ist… wie ein Film… Paläste, Boote und Gondeln… und strahlend blauer Himmel und goldenes Winternachmittagslicht und fast automatisch, ohne dass ich etwas dagegen tun kann hole ich erneut meine Kamera hervor….

Bilderrausch in Venedig

…ich tuckere auf einem Vaporetto den Canal Grande entlang vom Bahnhof zum Markusplatz und staune mit offenem Mund… ich bin nicht zum ersten Mal in dieser Stadt und ich habe alles Mögliche erwartet, das heißt, eigentlich habe ich gar nichts erwartet, habe zwar im Zug ein wenig halbherzig im Reiseführer geblättert, und natürlich weiß ich, wie Venedig aussieht, und jetzt stehe ich einfach da, mit offenem Mund und staune… dieses Licht… und das mitten im Winter!

Triest: Mittelmeer und schneebedeckte Alpengipfel

Der Himmel ist blau und die Sonne scheint und ich gehe zum Molo Audace hinaus.
Einheimische haben Handys und Kameras dabei, deuten aufs Meer hinaus und knipsen, was das Zeug hält: Dort hinten sieht man, klar und deutlich, schneebedeckte Alpengipfel.
Kommt das hier öfters vor? Ich gehe in die Stadt, die steilen Gassen der Altstadt hinauf zu der Kathedrale und fotografiere: Sonne, Meer und schneebedeckte Berge. In Neuseeland würde ich so etwas erwarten oder vielleicht noch an der kanadischen Pazifikküste… aber am Mittelmeer? Im Februar?
Und dann muss ich auch schon los, kaufe noch ein wenig ein, mache mich auf den Weg zum Bahnhof, erwerbe ein Ticket und erreiche den Zug verschwitzt und außer Atem in letzter Minute…

Ein Abend im Teatro Rossetti in Triest

Das Theater liegt etwas abgelegen am Rande der Innenstadt. Natürlich habe ich mir den Weg auf dem Stadtplan genau angeschaut, aber dann lande ich doch zunächst am Justizpalast und dann an der Synagoge, entdecke zwischendurch noch ein wunderbares Cafe und finde schließlich die lange, schmale Straße, in der das Nachtleben tobt und an deren oberem Ende das Theater liegt.
Die Kasse ist geöffnet.
Ich versuche mein Glück. Auf Italienisch. Oder was ich dafür halte.
„Eine Karte bitte!“
Die Dame hinter der Glasscheibe schaut mich mit großen Augen an. Also mit diesem amüsierten Blick, mit dem man Menschen anschaut, die nicht so ganz richtig im Kopf sind.
„Jaaaaaa?“
„Äh…. für heute vielleicht?“
Immer noch dieser amüsierte Blick.
„Soso… für heute!“
Sie verdreht die Augen.
„Äh…. ja?! für Heute!“
„Okay, dann suchen Sie sich mal einen Platz aus!“
Ich starre sie an wie ein Auto.
Sie deutet auf den Bildschirm, der in dem Fensterchen in meine Richtung zeigt.
„Alle grünen Plätze sind noch frei!“
„Ähem…. und was kosten die?“
Sie lässt sich dazu herab, mir zu erklären: Die guten Plätze im Parkett für fünfundzwanzig Euro, oben gibt’s welche für zwanzig und sogar auch welche für zwölf Euro.
Bingo! Nehme ich doch einen für zwölf. Im Internet hätte es welche für zwanzig, vierzig oder sechzig Euro gegeben.
Karte ist gekauft, ich habe noch anderthalb Stunden Zeit und jetzt brauche ich unbedingt etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Stolz wie Oscar betrete ich die Bar gegenüber und genehmige mir ein Bier und ein Tramezzino
Und dann suche ich das tolle Cafe von vorhin auf. Da gibt’s nicht nur Kaffee, sondern auch Bücher und zum Espresso bekomme ich ein kleines Stückchen Kuchen.
Dann gehe ich wieder zum Theater zurück. Inzwischen ist da eine Menge los: viele junge Leute und Jugendliche drängen sich vor dem Eingang.
Das Foyer ist schnörkellos und unspektakulär. Im gläsernen Aufzug geht es hinauf – mein billiger Platz ist auf dem zweiten Balkon. Die Leute sind durchweg leger gekleidet, meine Krawatte, die ich mir vorhin noch schnell umgebunden habe, war definitiv nicht nötig. Es gibt keine Garderobe, fast alle Zuschauer nehmen ihre Mäntel mit in den Saal.
Innen ist das Theater fröhlich bunt, fast kitschig, mit schnörkeligen Eisensäulen und einer Deckenkuppel, die mit Wolken und Sternenhimmel bemalt ist. Ein richtiges Volkstheater. Die Stimmung erinnert ein wenig an einen Zirkus.
Die Bühnendekoration ist simpel: ein Etwas, das wohl eine Art Schiff darstellen soll, ein Klavier. Das ist alles.
Fröhliches und aufgeregtes Stimmengewirr im Saal. Dann geht das Licht aus, die Sterne am Sternenhimmel funkeln und es geht los.
Ich verstehe kein einziges Wort. Aber die Stimmung ist großartig. Es wird gesungen, getanzt und ziemlich viel gelacht. Die Kostüme und der Stil erinnern ein wenig an die Comedia del Arte, dem Titel nach scheint es sich um eine ziemlich freie Interpretation von Shakespeare’s Othelo zu handeln. Ab und zu schnappe ich ein paar Worte auf und die Melodien kommen mir bekannt vor, so ziemlich alles vom Italo-Pop über Rock bis hin zu Klassik-Schnulzen kommt vor und wird mit neuen Texten versehen, vermutlich handelt es sich um Satiren, denn immer wieder wird herzlich gelacht.
Zwei Stunden lang geht es ohne Pause durch, dann tobender Applaus und die Menschenmassen wälzen sich wieder auf die Straße hinaus, die langgezogene Straße entlang, in der das Nachtleben tobt.
Ich gehe noch einmal hinunter ans Meer, wo die Wellen sanft gegen den Molo Audace rauschen…

Wunderbares Miramare

Ich gehe durch den Park, hinauf bis zum oberen Ende. Eine Frau führt ihre Katzen spazieren, es sind mindestens vier Stück. Das wunderbare Café im Park hat jetzt geöffnet. Ich trinke einen Cappuccino. Es nieselt leicht, aber es ist nicht kalt, fast schon wie Frühling.
Es gibt einen verwunschenen Hafen, einen verbotenen Strand und einen Bahnhof, an dem so gut wie nie ein Zug hält (aber viele Züge rauschen hindurch).

Triest: Die Risiera di San Sabba

Der Bus fährt durch hässliche Vorstädte, durch Industriegebiete, Straßen auf Stelzen, enge Gassen in Wohngebieten… ich habe keine Orientierung. Weiß auch gar nicht, wo ich aussteigen soll. Irgendwann kommt ein großes Fußballstadion… dort in der Nähe soll es wohl sein, und dann ist auch schon Endstation.
Wo muss ich jetzt hin? Irgendwo entdecke ich ein Schild.
An der breiten, verkehrsreichen, hässlichen Straße ist fast eine Art Vorstadtidyll: Cafes, Leute sitzen an der Straße, kleine Geschäfte… Am Himmel sind Wolken, düstere Gewitterwolken von Osten her. Ich gehe die Straße entlang, orientiere mich an den Bushaltestellen und den Anzeigen darauf. Ich will in einen Bus einsteigen, aber der Fahrer deutet nach links, da ist es doch schon!
Natürlich gibt es kein Schild.
Ich betrete ein häßliches Industriegebäude: Backsteinmauern, erdrückende neue Betonmauern, ein enger Gang. Enge Gefängniszellen, enger als Ställe. Die Todeszelle. Der Saal, in dem die Gefangenen der Zwangsarbeit nachgehen mussten. Im Hof markiert ein flaches Wasserbecken den Standort des ehemaligen Krematoriums. Eine die Betonsäule symbolisiert den Kamin, ein eisernes Denkmal symbolisiert den aufsteigenden Rauch.
In der Halle sind Dokumente von Gefangenen ausgestellt, Briefe, Photos… in einer weiteren Halle werden Filme gezeigt. Erdrückende Gegenstände: ein Hammer, mit dem Menschen erschlagen wurden. Weitere Photos, Dokumente… alles nur schwer zu ertragen.
Ich verlasse den Ort in der Hoffnung, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf…

Miramare im Regen

Die Haltestelle, an der ich aussteige heißt „Miramare‟. Oder so ähnlich. Aber das Schloss ist nirgendwo zu sehen und es gibt kein Schild und keinen Weg. Die Straße führt in Serpentinen hinunter ans Meer. Da ist eine kleine Bucht mit Segelboothafen, ein Restaurant, ein Hotelgebäude und ein Bus – derjenige, mit dem ich gekommen bin. Es scheint sich um die Endstation zu handeln.
Wenn das Schloss hier nicht ist, dann muss ich daran vorbei gefahren sein, also setze ich mich in den Bus und warte. Neben mir rauscht das Meer.
Ich fahre zwei Stationen, steige aus und finde jetzt tatsächlich eine Uferpromenade, die zum Schloss Miramare führt. Das Gebäude sieht man allerdings erst nach der nächsten Wegbiegung.
Es beginnt zu regnen und ich begebe mich in den Andenkenladen, erstehe eine Postkarte und einen Kupferstich, dann hört der Regen auf und ich gehe durch den Park. Das Café hat leider geschlossen.
Ich gehe die Uferpromenade entlang. Eine junge Italienerin überholt mich, dann überhole ich sie, als sie auf ihrem Handy tippt, dann überholt sie mich wieder, als ich auf meinem Handy tippe, dann überhole ich sie wieder.
Hinter dem Pinienwäldchen ist die Promenade zu Ende, da ist eine Bushaltestelle und zwei Leute warten schon. In sieben Minuten müsste ein Bus gehen.

Triest: der Bus nach Miramare

Ich will nach Miramare.
Dazu muss ich herausfinden, wie man da hin kommt. Mit dem Bus, ist die einheilige Meinung. Und wie funktionieren die Busse?
Ich finde einen Bus. Der hält an der Haltestelle an, ich frage den Fahrer und die Richtung stimmt.
Ich setze an, einzusteigen und hole meine Brieftasche hervor – das meiner Ansicht nach weltweit international eindeutige Zeichen dafür, dass ich irgend etwas käuflich erwerben möchte, in diesem Falle also eine Fahrkarte.
Der Fahrer schaut mich streng an und winkt mit dem Zeigefinger ab: „No Tickets!“ – und wo gibt’s welche? Der Fahrer macht eine Vage Bewegung in irgendeine Richtung, schließt die Tür und dieselt davon.
Ich gehe zum Hotel zurück und frage die junge Frau an der Rezeption.
Sie erklärt mir, dass man die Bustickets im Tabakladen kauft und weist mir umständlich den Weg zur nächstgelegenen Verkaufsstelle.
Ich gehe stattdessen zum Bahnhof, das ist zwar vermutlich weiter, aber immerhin weiß ich, wo der ist. Da gibt’s auch einen Tabaksladen und der hat auch Busfahrkarten und der Mann hinterm Tresen kann mir auch sagen, welche Buslinie ich benötige…. nach längerem Suchen finde ich dann tatsächlich auch eine entsprechende Haltestelle.
Die Haltestelle befindet sich vor einem Cafe. Vor dessen Tür stehen – wie inzwischen überall im Land üblich – zwei Bistrottische mit Aschenbechern, da man drinnen ja nicht mehr rauchen darf. Auf einem Barhocker hockt ein Mann und raucht. Und redet. Und redet agitiert mit sich selbst oder mit irgendwem oder mit niemandem, manchmal steht er auch auf, geht ein paar Schritte, geht dann wieder zurück, raucht und redet weiter.
Ich bemühe mich, seine Aufmerksamkeit nicht übermäßig in Anspruch zu nehmen.
Dann gesellt sich eine junge Frau zu mir. Eine Italienerin afrikanischer Herkunft. Ob der Bus schon gekommen ist, fragt sie mich. Nee, sonst stünde ich ja wohl kaum mehr hier, oder? Sie schaut auf den Fahrplan, schaut auf ihr Handy, schaut auf die Straße, schaut in die Richtung, aus welcher der Bus kommen müsste, schaut erneut auf den Fahrplan. Nein, der Bus ist schon vorbei! Oder doch nicht? Nein, der Bus ist schon vorbei!
In einer Viertelstunde kommt der Nächste. Steht so im Fahrplan. Oder auch nicht? Irgendwann wird er schon kommen….

Ein Wintermorgen in Triest

Der Frühstücksraum meines Hotels ist erstaunlich gemütlich, mit großen Fenstern, die hinaus auf die Fußgängerzone gehen, wo Menschen mit hochgeschlagenen Kragen und Regenschirmen umhereilen.
Ich trinke Cappuccino und knabbere Croissants, dann mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Die Straßen sind jetzt voller Menschen, auch der wunderbare Platz mit dem Rathaus. Ich gehe noch einmal auf den berühmten Molo Audace hinaus, die berühmte Mole, an der heutzutage keine Schiffe mehr anlegen, gehe dann im Nieselregen die Uferpromenade entlang, an der Stazzione Marittima vorbei bis zu dem alten Bahnhof am westlichen Ende der Bucht, der jetzt ein Eisenbahnmuseum ist. Von dort aus gehe ich landeinwärts, bergauf und verlaufe mich in irgendwelchen Stadtvierteln, wie ich es immer gerne und mit voller Absicht tu, wenn ich eine neue Stadt kennenlerne.
Schließlich lande ich über Umwege wieder in der Fußgängerzone, gehe zum Hotel zurück und ruhe mich in der wunderbaren Lobby aus.

Triest im Februar

Ich sitze im Regionalzug, es ist zehn Uhr Abends und ich schaue hinaus in die Dunkelheit.
Seit Monfalcone muss rechts von mir das Meer sein. Oder so ähnlich. Der Zug fährt schneller, und dann sind vorn irgendwo Lichter. Ist das schon Triest? Ich bin gespannt auf diese Stadt! Wenige Minuten später erreichen wir Trieste Centrale, Endstation.
Ich steige aus und gelange in eine großzügige Halle mit Marmor, spiegelndem Boden, Säulen und Stuckdecken.
Ich bin angekommen.
Draußen ist ein kleiner Park, darin ein Denkmal der österreichischen Kaiserin Sissi und drumherum eindrucksvolle Fassaden aus der Habsburger Zeit. Die Bäume im Park sind kahl, es ist kühl und windig und mir wird bewusst, dass ich zuvor noch nie im Winter am Mittelmeer war.
Der schönste Beiname, den diese Stadt hat, ist „Stadt der Winde“.
Klackernd ziehe ich meinen Koffer durch die Straßen, vorbei an Fassaden im Stil des späten neunzehnten Jahrhunderts, wie man sie aus Wien kennt. Fensterläden aus Holzlammellen wie sie zu Italien gehören. Die Ladenschilder, die Straßennamen, alles ist italienisch.
Die Luft ist kühl, klar, erstaunlich trocken trotzdem mild. Das ist kein nordeuropäischer, Cisalpiner Winter, und auch nicht dieses milde, feuchte atlantische Wetter, das ich aus England kenne, das hier ist irgendwie anders.
Gerne bezeichnet sich Triest auch als „Citta Mitteleuropea“ – in genau dieser Schreibweise und gilt für Manche die südlichste Stadt Mitteleuropas, auch wenn hier noch Olivenbäume wachsen und die Oliven-Butter-Grenze ein ganzes Stück weiter nördlich verläuft. Alles hier ist durch und durch italienisch – und doch gehörte diese Stadt fünfhundert Jahre lang zu Österreich und war das Fenster der K.u.K.- Doppelmonarchie zum Meer und Sitz der österreichischen Flotte. Die Passagierdampfer des österreischischen Lloyd waren zeitweise die schnellste und direkteste Verbindung von England nach Indien.
Triest ist und war immer schon eine sehr multikulturelle Stadt – unmittelbar hinter der Stadt ist die Grenze nach Slovenien und wenige Kilometer weiter beginnt Kroatien.
Diese Stadt hat mich immer schon fasziniert, auch wenn ich sie bis heute noch nie besucht habe.
Ich finde mein Hotel, checke ein und mache mich gleich noch einmal auf, abends um halb elf:
Großzügige Boulevards. Großartig mächtige Gebäude aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, strahlend weiße Fassaden, zum Teil angestrahlt. Die Straßen sind menschenleer, komplett leergefegt.
Da ist dieser großartige Platz, der jetzt nach der Einheit Italiens benannt worden ist und vermutlich schon mehrere andere Namen getragen hat, mit dem Rathaus an der Stirnseite, links und rechts flankiert von repräsentativen Gebäuden – unter Anderem dem ehemaligen Sitz des Österreichischen Lloyd – und nach vorne hin offen zum Meer, von diesem getrennt nur durch die breite Uferstraße. Ich überquere diese und gehe hinaus auf den Molo Audace: den Kai, welcher nach dem Kriegsschiff benannt wurde, das seinerzeit diese Stadt unter italienische Kontrolle brachte. Ich blicke zurück auf auf die Lichter der Stadt und hinaus auf das Meer.
Der Himmel ist sternklar, es ist kalt und windig.
Ich will noch etwas trinken, gehe zurück in die Stadt, streife durch die leeren Straßen, entdecke das eine oder andere elegante Restaurant und gemütliche, rustikale Bierkneipen.
Ich trinke ein kleines Bier und kehre durch die leeren Straßen zurück zum Hotel.
Diese Stadt gefällt mir.