Bilderrausch in Venedig

…ich tuckere auf einem Vaporetto den Canal Grande entlang vom Bahnhof zum Markusplatz und staune mit offenem Mund… ich bin nicht zum ersten Mal in dieser Stadt und ich habe alles Mögliche erwartet, das heißt, eigentlich habe ich gar nichts erwartet, habe zwar im Zug ein wenig halbherzig im Reiseführer geblättert, und natürlich weiß ich, wie Venedig aussieht, und jetzt stehe ich einfach da, mit offenem Mund und staune… dieses Licht… und das mitten im Winter!

Triest: Mittelmeer und schneebedeckte Alpengipfel

Der Himmel ist blau und die Sonne scheint und ich gehe zum Molo Audace hinaus.
Einheimische haben Handys und Kameras dabei, deuten aufs Meer hinaus und knipsen, was das Zeug hält: Dort hinten sieht man, klar und deutlich, schneebedeckte Alpengipfel.
Kommt das hier öfters vor? Ich gehe in die Stadt, die steilen Gassen der Altstadt hinauf zu der Kathedrale und fotografiere: Sonne, Meer und schneebedeckte Berge. In Neuseeland würde ich so etwas erwarten oder vielleicht noch an der kanadischen Pazifikküste… aber am Mittelmeer? Im Februar?
Und dann muss ich auch schon los, kaufe noch ein wenig ein, mache mich auf den Weg zum Bahnhof, erwerbe ein Ticket und erreiche den Zug verschwitzt und außer Atem in letzter Minute…

Ein Abend im Teatro Rossetti in Triest

Das Theater liegt etwas abgelegen am Rande der Innenstadt. Natürlich habe ich mir den Weg auf dem Stadtplan genau angeschaut, aber dann lande ich doch zunächst am Justizpalast und dann an der Synagoge, entdecke zwischendurch noch ein wunderbares Cafe und finde schließlich die lange, schmale Straße, in der das Nachtleben tobt und an deren oberem Ende das Theater liegt.
Die Kasse ist geöffnet.
Ich versuche mein Glück. Auf Italienisch. Oder was ich dafür halte.
„Eine Karte bitte!“
Die Dame hinter der Glasscheibe schaut mich mit großen Augen an. Also mit diesem amüsierten Blick, mit dem man Menschen anschaut, die nicht so ganz richtig im Kopf sind.
„Jaaaaaa?“
„Äh…. für heute vielleicht?“
Immer noch dieser amüsierte Blick.
„Soso… für heute!“
Sie verdreht die Augen.
„Äh…. ja?! für Heute!“
„Okay, dann suchen Sie sich mal einen Platz aus!“
Ich starre sie an wie ein Auto.
Sie deutet auf den Bildschirm, der in dem Fensterchen in meine Richtung zeigt.
„Alle grünen Plätze sind noch frei!“
„Ähem…. und was kosten die?“
Sie lässt sich dazu herab, mir zu erklären: Die guten Plätze im Parkett für fünfundzwanzig Euro, oben gibt’s welche für zwanzig und sogar auch welche für zwölf Euro.
Bingo! Nehme ich doch einen für zwölf. Im Internet hätte es welche für zwanzig, vierzig oder sechzig Euro gegeben.
Karte ist gekauft, ich habe noch anderthalb Stunden Zeit und jetzt brauche ich unbedingt etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Stolz wie Oscar betrete ich die Bar gegenüber und genehmige mir ein Bier und ein Tramezzino
Und dann suche ich das tolle Cafe von vorhin auf. Da gibt’s nicht nur Kaffee, sondern auch Bücher und zum Espresso bekomme ich ein kleines Stückchen Kuchen.
Dann gehe ich wieder zum Theater zurück. Inzwischen ist da eine Menge los: viele junge Leute und Jugendliche drängen sich vor dem Eingang.
Das Foyer ist schnörkellos und unspektakulär. Im gläsernen Aufzug geht es hinauf – mein billiger Platz ist auf dem zweiten Balkon. Die Leute sind durchweg leger gekleidet, meine Krawatte, die ich mir vorhin noch schnell umgebunden habe, war definitiv nicht nötig. Es gibt keine Garderobe, fast alle Zuschauer nehmen ihre Mäntel mit in den Saal.
Innen ist das Theater fröhlich bunt, fast kitschig, mit schnörkeligen Eisensäulen und einer Deckenkuppel, die mit Wolken und Sternenhimmel bemalt ist. Ein richtiges Volkstheater. Die Stimmung erinnert ein wenig an einen Zirkus.
Die Bühnendekoration ist simpel: ein Etwas, das wohl eine Art Schiff darstellen soll, ein Klavier. Das ist alles.
Fröhliches und aufgeregtes Stimmengewirr im Saal. Dann geht das Licht aus, die Sterne am Sternenhimmel funkeln und es geht los.
Ich verstehe kein einziges Wort. Aber die Stimmung ist großartig. Es wird gesungen, getanzt und ziemlich viel gelacht. Die Kostüme und der Stil erinnern ein wenig an die Comedia del Arte, dem Titel nach scheint es sich um eine ziemlich freie Interpretation von Shakespeare’s Othelo zu handeln. Ab und zu schnappe ich ein paar Worte auf und die Melodien kommen mir bekannt vor, so ziemlich alles vom Italo-Pop über Rock bis hin zu Klassik-Schnulzen kommt vor und wird mit neuen Texten versehen, vermutlich handelt es sich um Satiren, denn immer wieder wird herzlich gelacht.
Zwei Stunden lang geht es ohne Pause durch, dann tobender Applaus und die Menschenmassen wälzen sich wieder auf die Straße hinaus, die langgezogene Straße entlang, in der das Nachtleben tobt.
Ich gehe noch einmal hinunter ans Meer, wo die Wellen sanft gegen den Molo Audace rauschen…

Wunderbares Miramare

Ich gehe durch den Park, hinauf bis zum oberen Ende. Eine Frau führt ihre Katzen spazieren, es sind mindestens vier Stück. Das wunderbare Café im Park hat jetzt geöffnet. Ich trinke einen Cappuccino. Es nieselt leicht, aber es ist nicht kalt, fast schon wie Frühling.
Es gibt einen verwunschenen Hafen, einen verbotenen Strand und einen Bahnhof, an dem so gut wie nie ein Zug hält (aber viele Züge rauschen hindurch).

Triest: Die Risiera di San Sabba

Der Bus fährt durch hässliche Vorstädte, durch Industriegebiete, Straßen auf Stelzen, enge Gassen in Wohngebieten… ich habe keine Orientierung. Weiß auch gar nicht, wo ich aussteigen soll. Irgendwann kommt ein großes Fußballstadion… dort in der Nähe soll es wohl sein, und dann ist auch schon Endstation.
Wo muss ich jetzt hin? Irgendwo entdecke ich ein Schild.
An der breiten, verkehrsreichen, hässlichen Straße ist fast eine Art Vorstadtidyll: Cafes, Leute sitzen an der Straße, kleine Geschäfte… Am Himmel sind Wolken, düstere Gewitterwolken von Osten her. Ich gehe die Straße entlang, orientiere mich an den Bushaltestellen und den Anzeigen darauf. Ich will in einen Bus einsteigen, aber der Fahrer deutet nach links, da ist es doch schon!
Natürlich gibt es kein Schild.
Ich betrete ein häßliches Industriegebäude: Backsteinmauern, erdrückende neue Betonmauern, ein enger Gang. Enge Gefängniszellen, enger als Ställe. Die Todeszelle. Der Saal, in dem die Gefangenen der Zwangsarbeit nachgehen mussten. Im Hof markiert ein flaches Wasserbecken den Standort des ehemaligen Krematoriums. Eine die Betonsäule symbolisiert den Kamin, ein eisernes Denkmal symbolisiert den aufsteigenden Rauch.
In der Halle sind Dokumente von Gefangenen ausgestellt, Briefe, Photos… in einer weiteren Halle werden Filme gezeigt. Erdrückende Gegenstände: ein Hammer, mit dem Menschen erschlagen wurden. Weitere Photos, Dokumente… alles nur schwer zu ertragen.
Ich verlasse den Ort in der Hoffnung, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf…

Miramare im Regen

Die Haltestelle, an der ich aussteige heißt „Miramare‟. Oder so ähnlich. Aber das Schloss ist nirgendwo zu sehen und es gibt kein Schild und keinen Weg. Die Straße führt in Serpentinen hinunter ans Meer. Da ist eine kleine Bucht mit Segelboothafen, ein Restaurant, ein Hotelgebäude und ein Bus – derjenige, mit dem ich gekommen bin. Es scheint sich um die Endstation zu handeln.
Wenn das Schloss hier nicht ist, dann muss ich daran vorbei gefahren sein, also setze ich mich in den Bus und warte. Neben mir rauscht das Meer.
Ich fahre zwei Stationen, steige aus und finde jetzt tatsächlich eine Uferpromenade, die zum Schloss Miramare führt. Das Gebäude sieht man allerdings erst nach der nächsten Wegbiegung.
Es beginnt zu regnen und ich begebe mich in den Andenkenladen, erstehe eine Postkarte und einen Kupferstich, dann hört der Regen auf und ich gehe durch den Park. Das Café hat leider geschlossen.
Ich gehe die Uferpromenade entlang. Eine junge Italienerin überholt mich, dann überhole ich sie, als sie auf ihrem Handy tippt, dann überholt sie mich wieder, als ich auf meinem Handy tippe, dann überhole ich sie wieder.
Hinter dem Pinienwäldchen ist die Promenade zu Ende, da ist eine Bushaltestelle und zwei Leute warten schon. In sieben Minuten müsste ein Bus gehen.

Triest: der Bus nach Miramare

Ich will nach Miramare.
Dazu muss ich herausfinden, wie man da hin kommt. Mit dem Bus, ist die einheilige Meinung. Und wie funktionieren die Busse?
Ich finde einen Bus. Der hält an der Haltestelle an, ich frage den Fahrer und die Richtung stimmt.
Ich setze an, einzusteigen und hole meine Brieftasche hervor – das meiner Ansicht nach weltweit international eindeutige Zeichen dafür, dass ich irgend etwas käuflich erwerben möchte, in diesem Falle also eine Fahrkarte.
Der Fahrer schaut mich streng an und winkt mit dem Zeigefinger ab: „No Tickets!“ – und wo gibt’s welche? Der Fahrer macht eine Vage Bewegung in irgendeine Richtung, schließt die Tür und dieselt davon.
Ich gehe zum Hotel zurück und frage die junge Frau an der Rezeption.
Sie erklärt mir, dass man die Bustickets im Tabakladen kauft und weist mir umständlich den Weg zur nächstgelegenen Verkaufsstelle.
Ich gehe stattdessen zum Bahnhof, das ist zwar vermutlich weiter, aber immerhin weiß ich, wo der ist. Da gibt’s auch einen Tabaksladen und der hat auch Busfahrkarten und der Mann hinterm Tresen kann mir auch sagen, welche Buslinie ich benötige…. nach längerem Suchen finde ich dann tatsächlich auch eine entsprechende Haltestelle.
Die Haltestelle befindet sich vor einem Cafe. Vor dessen Tür stehen – wie inzwischen überall im Land üblich – zwei Bistrottische mit Aschenbechern, da man drinnen ja nicht mehr rauchen darf. Auf einem Barhocker hockt ein Mann und raucht. Und redet. Und redet agitiert mit sich selbst oder mit irgendwem oder mit niemandem, manchmal steht er auch auf, geht ein paar Schritte, geht dann wieder zurück, raucht und redet weiter.
Ich bemühe mich, seine Aufmerksamkeit nicht übermäßig in Anspruch zu nehmen.
Dann gesellt sich eine junge Frau zu mir. Eine Italienerin afrikanischer Herkunft. Ob der Bus schon gekommen ist, fragt sie mich. Nee, sonst stünde ich ja wohl kaum mehr hier, oder? Sie schaut auf den Fahrplan, schaut auf ihr Handy, schaut auf die Straße, schaut in die Richtung, aus welcher der Bus kommen müsste, schaut erneut auf den Fahrplan. Nein, der Bus ist schon vorbei! Oder doch nicht? Nein, der Bus ist schon vorbei!
In einer Viertelstunde kommt der Nächste. Steht so im Fahrplan. Oder auch nicht? Irgendwann wird er schon kommen….

Ein Wintermorgen in Triest

Der Frühstücksraum meines Hotels ist erstaunlich gemütlich, mit großen Fenstern, die hinaus auf die Fußgängerzone gehen, wo Menschen mit hochgeschlagenen Kragen und Regenschirmen umhereilen.
Ich trinke Cappuccino und knabbere Croissants, dann mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Die Straßen sind jetzt voller Menschen, auch der wunderbare Platz mit dem Rathaus. Ich gehe noch einmal auf den berühmten Molo Audace hinaus, die berühmte Mole, an der heutzutage keine Schiffe mehr anlegen, gehe dann im Nieselregen die Uferpromenade entlang, an der Stazzione Marittima vorbei bis zu dem alten Bahnhof am westlichen Ende der Bucht, der jetzt ein Eisenbahnmuseum ist. Von dort aus gehe ich landeinwärts, bergauf und verlaufe mich in irgendwelchen Stadtvierteln, wie ich es immer gerne und mit voller Absicht tu, wenn ich eine neue Stadt kennenlerne.
Schließlich lande ich über Umwege wieder in der Fußgängerzone, gehe zum Hotel zurück und ruhe mich in der wunderbaren Lobby aus.

Triest im Februar

Ich sitze im Regionalzug, es ist zehn Uhr Abends und ich schaue hinaus in die Dunkelheit.
Seit Monfalcone muss rechts von mir das Meer sein. Oder so ähnlich. Der Zug fährt schneller, und dann sind vorn irgendwo Lichter. Ist das schon Triest? Ich bin gespannt auf diese Stadt! Wenige Minuten später erreichen wir Trieste Centrale, Endstation.
Ich steige aus und gelange in eine großzügige Halle mit Marmor, spiegelndem Boden, Säulen und Stuckdecken.
Ich bin angekommen.
Draußen ist ein kleiner Park, darin ein Denkmal der österreichischen Kaiserin Sissi und drumherum eindrucksvolle Fassaden aus der Habsburger Zeit. Die Bäume im Park sind kahl, es ist kühl und windig und mir wird bewusst, dass ich zuvor noch nie im Winter am Mittelmeer war.
Der schönste Beiname, den diese Stadt hat, ist „Stadt der Winde“.
Klackernd ziehe ich meinen Koffer durch die Straßen, vorbei an Fassaden im Stil des späten neunzehnten Jahrhunderts, wie man sie aus Wien kennt. Fensterläden aus Holzlammellen wie sie zu Italien gehören. Die Ladenschilder, die Straßennamen, alles ist italienisch.
Die Luft ist kühl, klar, erstaunlich trocken trotzdem mild. Das ist kein nordeuropäischer, Cisalpiner Winter, und auch nicht dieses milde, feuchte atlantische Wetter, das ich aus England kenne, das hier ist irgendwie anders.
Gerne bezeichnet sich Triest auch als „Citta Mitteleuropea“ – in genau dieser Schreibweise und gilt für Manche die südlichste Stadt Mitteleuropas, auch wenn hier noch Olivenbäume wachsen und die Oliven-Butter-Grenze ein ganzes Stück weiter nördlich verläuft. Alles hier ist durch und durch italienisch – und doch gehörte diese Stadt fünfhundert Jahre lang zu Österreich und war das Fenster der K.u.K.- Doppelmonarchie zum Meer und Sitz der österreichischen Flotte. Die Passagierdampfer des österreischischen Lloyd waren zeitweise die schnellste und direkteste Verbindung von England nach Indien.
Triest ist und war immer schon eine sehr multikulturelle Stadt – unmittelbar hinter der Stadt ist die Grenze nach Slovenien und wenige Kilometer weiter beginnt Kroatien.
Diese Stadt hat mich immer schon fasziniert, auch wenn ich sie bis heute noch nie besucht habe.
Ich finde mein Hotel, checke ein und mache mich gleich noch einmal auf, abends um halb elf:
Großzügige Boulevards. Großartig mächtige Gebäude aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, strahlend weiße Fassaden, zum Teil angestrahlt. Die Straßen sind menschenleer, komplett leergefegt.
Da ist dieser großartige Platz, der jetzt nach der Einheit Italiens benannt worden ist und vermutlich schon mehrere andere Namen getragen hat, mit dem Rathaus an der Stirnseite, links und rechts flankiert von repräsentativen Gebäuden – unter Anderem dem ehemaligen Sitz des Österreichischen Lloyd – und nach vorne hin offen zum Meer, von diesem getrennt nur durch die breite Uferstraße. Ich überquere diese und gehe hinaus auf den Molo Audace: den Kai, welcher nach dem Kriegsschiff benannt wurde, das seinerzeit diese Stadt unter italienische Kontrolle brachte. Ich blicke zurück auf auf die Lichter der Stadt und hinaus auf das Meer.
Der Himmel ist sternklar, es ist kalt und windig.
Ich will noch etwas trinken, gehe zurück in die Stadt, streife durch die leeren Straßen, entdecke das eine oder andere elegante Restaurant und gemütliche, rustikale Bierkneipen.
Ich trinke ein kleines Bier und kehre durch die leeren Straßen zurück zum Hotel.
Diese Stadt gefällt mir.

Von Innsbruck nach Triest

Ich setze mich in den Speisewagen. Eine Gruppe von drei Männern – nicht jung, nicht alt – sitzt hinter mir, sie trinken Bier und fachsimpeln über Eisenbahnthemen. Mindestens einer von ihnen hat beruflich mit der Bahn zu tun.
Ich ordere einen Kaffee… obwohl… eigentlich brauche ich jetzt ein Bier! Kann ich die Bestellung noch ändern? Ja, das passt, Kaffee geht eh gerade nicht, weil wir keinen Strom haben. Der Zug steht im Bahnhof, Reisende stehen draußen herum, außerdem verdächtig viele Leute mit gelben Warnwesten… ist irgendwas Schlimmers passiert? Zehn Minuten Verspätung, sagt die Anzeigetafel, dann ist es eine Viertelstunde, und dann…. die Lämpchen an den Speisewagentischchen fangen wieder an zu leuchten, wir haben offenbar Strom und dann geht’s auch los, durch die Stadt, durch den Tunnel, durch das Tal, hinauf in die verschneite Winterlandschaft, durch die ich heute schon zweimal gefahren bin.
Am Brenner ordere ich etwas zu essen.
„Dauert ein paar Minuten, wir haben gerade keinen Strom!“
Habe ich den Spruch nicht schonmal gehört?
Die Eisenbahnexperten steigen aus. Der Zug bleibt stehen und die Tischlämpchen verlöschen.
Ein Anzugträger faucht den Kellner an.
„Warum dauert das denn so lange? Wir haben doch schon mindestens eine Viertelstunde Verspätung!“
„Weil wir eine neue Lokomotive bekommen!“
„Muss das sein? Kann die deutsche Lokomotive nicht bis Venedig weiterfahren?“
„Nein, wir bekommen eine italienische Lokomotive!“
„Aber früher….“
„….auch früher war das schon so!“
Leute, freut Euch, dass Ihr sonst keine Sorgen habt!
Ich trinke entspannt mein Bier aus, und ein paar Minuten später geht es auch weiter, kann kriege ich meine Nudeln und der Zug fährt durch die Winterwunderlandschaft bergab hinunter ins Tal. Bei Franzensfeste ist der Schnee weitgehend verschwunden und vor Bozen bestelle ich mir ein zweites Bier.
Der Zug fährt das breite Etschtal entlang, der Himmel ist bewölkt und die Gipfel der Berge im Nebel versteckt. Irgendwo bei Trient gibt es Weinberge. Winterlich kahl natürlich, aber ohne Schnee. Die ältere Dame erzählt, dass sie in Verona umsteigen wird um an den Gardasee zu fahren, wo ihr Sohn und die Schwiegertochter wohnen und einen Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln betreiben. Die andere Dame reist geschäftliche nach Verona, zu einer Messe. Sie ist auch schon seit gestern unterwegs und hätte, wie ich, eigentlich den Nachtzug über Udine nehmen wollen.
Dann werden die Berge immer flacher, verschwinden ganz, und bei Verona wird es dämmerig. Flüsse sind über die Ufer getreten, es regnet leicht und auf der parallell zur Bahnstrecke verlaufenden Landstraße staut sich der Verkehr kilometerweit.
Ich bezahle meine Rechnung im Speisewagen, ziehe mich in einen normalen Sitzwagen zurück und döse bis Venezia-Mestre. Es ist viertel nach acht am Abend und wir haben gut zwanzig Minuten Verspätung. Ich steige aus.
Ein dunkler, schmieriger Bahnsteig mit Regenpfützen und fröstelnd wartenden Reisenden. Lautsprecheransagen auf italienisch.
Ich gehe durch die Unterführung in die zugige Bahnhofshalle, da gibt es Anzeigetafeln, nicht alle funktionieren und nirgendwo steht etwas von einem Zug nach Triest. Fahrpläne aus Papier gibt es auch, und da sehe ich, dass vor genau einer Minute ein Zug in meine Richtung ohne mich abgefahren ist, und der Nächste geht in einer knappen Dreiviertelstunde.
Draußen ist eine regennasse Straße mit Autos und Taxis und Hotels und Restaurants.
Oh, ein Cafe gibt’s auch! Ich rolle meinen Koffer über die Straße und ordere einen Espresso im Stehen.
Austrinken, dann der Versuch einer Ortsbesichtigung, ich habe ja schließlich Zeit. Nieselregen. Fünfzig Meter die Straße lang, dann gehe ich wieder zurück. Jetzt itrennt mich nur noch eine Viertelstunde von der Abfahrtszeit meines Zuges.
Die Viertelstunde geht vorbei, ein langer Regionalzug tuckert heran, Leute steigen ein und der Zug tuckert mit mir los durch die Nacht.
Vorortsiedlungen im Dunkeln, hier und da irgendwelche Stationen, deren Namen irgendwie alle gleich klingen.
Der Schaffner kommt und will meine Fahrkarte nicht akzeptieren: eine legal in Österreich erworbene Fahrkarte von Wien West nach Trieste Centrale, vierzehn Stunden lang quer durch Mitteleuropa…. aber nein, angeblich gelte sie nicht in diesem Regionalzug, und wenn, dann hätte ich sie vorher abstempeln müssen, was mir alles nicht unbedingt schlüssig vorkommt, da das Ticket auf dem Weg hierher ja schon mehrfach abgeknipst worden ist.
Aber wie will ich das jetzt auf italienisch erklären? Gerne würde ich ihm erzählen, was ich heute schon alles erlebt habe, aber ob ihn das interessieren würde?
Manchmal ist es besser, nichts zu verstehen! Und so gibt der gute Mann schließlich auf und zeigt sich gnädig, aber beim nächsten Mal, Signore, nur mit der richtigen Fahrkarte und nicht ohne Abstempeln!
Ich nicke artig, hole ein dünnes Taschenbuch heraus und lese ein wenig über die Stadt, die zu besuchen ich im Begriff bin. Hinter Monfalcone fängt rechts von mir das Meer an. Oder so ähnlich, aber draußen ist nur Dunkelheit. Der Zug fährt schneller. Und dann sind vorn irgendwo Lichter.
Ist das schon Triest? Ich bin gespannt auf diese Stadt! Ich packe meine Sachen und schaue aus dem Fenster. Rechts von mir ist das Meer, jetzt kann man es trotz Dunkelheit erkennen, mit Lichtern, die sich darin spiegeln.

August 2013: Toscana in der Hochsaison

August 2013: Sommer in der Toscana

  • Nach Italien in der Hochsaison? Geht doch, ganz ohne überlaufene Strände!

Die Route:

  • Tag 1: Über das Tannheimer Tal, Hahntennjoch und Oberinntal nach Pfunds
  • Tag 2: Über Reschenpass und Stilfser Joch zum Iseo-See, in Brescia auf die Autostrada und bis Montecatini Terme
  • Tag 3: Montecatini Terme, Montecatini Alto
  • Tag 4: Montecatini Terme, Vinci, Montespertoli
  • Tag 5: Certoli, San Gimignano, Voltera, abends zurück nach Montespertoli
  • Tag 6: Montespertoli, Colle Val d‘ Elsa, Siena
  • Tag 7: Siena, Arezzo, Certola, Lago Trasimeno
  • Tag 8: Perugia, abends zurück zum Lago Trasimeno
  • Tag 9: Vom Lago Trasimeno über Pitigiano nach Massa Marittima
  • Tag 10: Ruhiger Tag in Massa Marittima
  • Tag 11: Massa Marittima, Piombino, San Giuliano Terme
  • Tag 12: Lucca, dann langsam auf Nebenstraßen den Apennin überquert, abends bei Parma auf die Autostrada bis Brescia zum Iseo-See
  • Tag 13: am Iseo-See
  • Tag 14: Vom Iseo-See am Gardasee entlang über Trient, Nonstal und Meran zum Timmelsjoch, Übernachtung in Sölden im Ötztal
  • Tag 15: Sölden im Ötztal
  • Tag 16: Von Sölden übers Hahntennjoch und Lechtal zurück nach Hause.

Pitigiano, Toscana

Über kurvige Straßen erreiche ich Pitigiano. Was ist denn hier Besonderes?
Im deutschen Reiseführer war es eher am Rande erwähnt, im englischen „Lonely Planet“ gilt es als eines der Highlights der Toscana. Aber was es hier zu sehen geben soll, weiß ich nicht. Also parke ich an einem ganz normalen Parkplatz in einem langweiligen Stadtviertel und folge zu Fuß den Schildern zum historischen Zentrum.
Was mich dann erwartet, ist in der Tat spektakulär: Eine Felsnase aus gelbrotem Tuffstein, die zu drei Seiten hin steil abfällt und oben drauf ist die Stadt, die Häuser scheinen aus dem Stein herauszuwachsen. Die Hauptstraße verläuft oben auf dem Kamm entlang und von dort führen enge Gässchen hinunter zum Abhang, durch Torbögen schaut man hinunter in die Schlucht, es gibt versteckte Höfe und Balkone. Es gibt sogar eine alte Synagoge
Von irgendwoher klingt Musik, jemand übt auf einem Instrument. Aus der Ferne grollt ein Donner, über der Stadt hängen tiefe, dunkle Wolken, aber das Gewitter kommt nicht.

Lago Trasimeno

Goldener, strahlender Sonnenuntergang. Blauer Himmel; es ist noch warm, aber windig, eine angenemne Brise und leichter Wellengang am See. Es ist schön hier.
Kein Vergleich mit den oberitalienischen Seen – da hat man noch das Alpenpanorama als Bonus. Auch kein Vergleich mit irgendwelchen romantischen Küstenregionen. Aber es ist trotzdem schön hier.
Natürlich lebt auch dieser Ort vom Tourismus. Aber es ist eine andere Art von Tourismus, es sind wohl fast ausschließlich italienische Touristen, die für ein paar Tage oder ein langes Wochenende hierher fahren. Die Atmosphäre ist angenehm entspannt und das Flair ist so südländisch-italienisch wie man es von einem Ort mitten in Italien nicht anders erwarten kann…
Und drumherum ist Kultur, ziemlich viel Kultur, von der mir auch heute wieder die Füße wehtun.

Schlaflos in Siena

Es ist ein wunderschöner, milder Sommerabend. Gut gekleidete Menschen flanieren durch die Stadt. Ich habe mir ein frisches Hemd angezogen und flaniere mit. Trotzdem bin ich an meinem Rucksack unschwer als Tourist zu erkennen, was aber nicht schlimm ist, da es hier von Touristen wimmelt.
Nicht alle Touristen tragen Shorts und nicht alle laufen in abgerissenen Klamotten herum. Die Lokale rund um Piazza del Campo sind gut besetzt.
Es handelt sich fast ausnahmslos um Restaurants. Die gibt’s hier an jeder Ecke. Gemütliche kleine Restaurants, Pizzerien, edle Läden und einfache Lokale, nur Schnellimbissbuden gibt’s kaum, die Fleischklops- und Frittenbräterketten hat man aus der Altstadt verbannt. Ich habe keinen Hunger. Ich will nichts essen, außerdem ist es langweilig, sich allein in ein Restaurant zu setzen. Es macht auch keiner. wirklich keiner. Nirgendwo sehe ich jemanden alleine an einem Tisch sitzen.
Also gut, ich will irgendwo ein Bier oder einen Kaffee trinken. Gar nicht so einfach.
Die meisten Cafés sind schon geschlossen. Hier und kriegt man noch einen Espresso im Stehen. Rein theoretisch könnte man sich auch an einen der zwei oder drei kleinen Tischchen davor setzen. Ist aber unüblich und man hat das Gefühl, dass der Inhaber jede Minute darauf wartet, den Laden zu schließen. In einem der Restaurants „nur auf ein Getränk“ einzukehren ist ebensowenig üblich. Bleibt die Frage: Wohin gehen die Leute, wenn nicht ins Restaurant?
Die Antwort ist wohl: sie flanieren durch die Straßen.
Zwischendurch kann man ein Eis essen und sich auf die Mauern setzen, etwa rings um die Piazza del Doumo.
Und was macht man, wenn man alleine ist?
Man kann auch alleine flanieren. Ich sehe Leute alleine flanieren.
Korrigiere: ich sehe einzelne Leute zu Fuß unterwegs. Manchmal gut gekleidet. Auf dem Weg zu einem Date, zu einem Abendessen mit Freunden oder Familie?
Nur einmal, ein einziges Mal sehe ich tatsächlich einen jungen Touristen alleine an einem Tisch in einer Pizzeria. Und einmal eine junge Frau, sie sieht einheimisch aus. Vermutlich warten sie auf ihre Partner, die gerade auf Toilette sind oder später kommen.
Einzelgänger erkennt man normalerweise daran, dass sie irgendwas dabei haben, ein Buch, eine Zeitung ein Ipad oder einen E-Book-Reader. Rein theoretisch auch ein Laptop, aber das ist sehr selten.

Colle Val d‘ Elsa, Toscana

Ein Ort mit einem sperrigen Namen, dessen Bestandteile irgendwie nicht so richtig zusammen zu passen scheinen. Was für deutsche Ohren wie ein weiblicher Vorname klingt, ist ein Fluss. Und die beiden Attribute scheinen etwas mit Tal und Hügel zu tun zu haben….
Nun. Es ist eine Altstadt oben auf einer Hügelkuppe oder besser gesagt eine Altstdt, die aus einer langgezogenen Hauptstraße besteht, welche oben auf dem Kamm eines Hügels liegt. Wieder einmal eine Stadt auf einem Hügel. Wieder einmal enge Gassen, Kirchen, pittoreske Mauern, Fensterläden aus hölzernen Lamellen… Habe ich inzwischen genug solche Städte gesehen?
Es ist eine bislang ungewohnte Art zu reisen…. Gestern habe ich drei malerische toskanische Städtchen gesehen, heute kommen noch mindestens zwei dazu.

San Gimignano

Die Menschen besetzen jedes schattige Plätzchen in diesem mittelalterlichen Gewölbe an der Piazza mit dem Rathaus. Man sitzt hier und mampft Takeaway-Pizza aus dem Karton, oder toskanisch-belegten Semmeln oder Eis und nuckelt dazu an der Minieralwasserflasche. Familien oder Freundesgruppen teilen sich Kartons in Mega-Größe.
Es gibt Kunstgalerien, in denen dieselben Motive dutzendfach als echtes einzigartiges Original angeboten werden: San-Giminiano-Skyline als Aquarell, Stich, Lithographie, Photo oder Ölgemälde, gar nicht mal so teuer. Und auch gar nicht mal so schlecht.
Direkt hier an der Piazza gibt es einen Fotografen, der in einem winzigen Laden seine Bilder verkauft. In Postkarten- oder Postergröße, mit oder ohne Rahmen. Die Bilder sind genial. Wenn man die gesehen hat, will man keine Handy-Schnappschüsse mehr sehen. Immerhin ist der Mann angeblich hier geboren und lebt immer noch hier.
Man kann mitten im Trubel Bilder machen, auf denen kein Mensch zu sehen ist. Man muss die Kamera nur hoch genug halten. Dann knipst man ausschließlich mittelalterliche Mauern. Man kann auch einfach ein paar Gassen weiter gehen, schon wenige Meter von der breiten Hauptstraße (so breit wie jede ordentliche Innenstadtfußgängerzone) entfernt trifft man kaum mehr einen Menschen.
Dennoch: Der Ort ist ein Scheinriese.
Den eindrucksvollsten Anblick bieten die Türme und Mauern aus der Entfernung.

Montecatini Terme

Mitten in der Nacht bin ich angekommen und heute, als ich es endlich geschafft habe, die dicken Vorhänge und die Holzladen des Hotelzimmers beiseite zu schieben, schlagen mir Sonne und Sommerhitze entgegen. Wo bin ich hier?
In halbwegs stadtfein-zivilisierten Klamotten breche ich auf zur Erkundungstour.
Eine schöne, schattige Allee. Was für Bäume sind das? Platanen? Links und rechts ist ein Hotel neben dem Anderen, alle haben sie vier Sterne, was aber gar nichts zu bedeuten hat.
Ein paar Meter weiter beginnt ein Park. Schattige Kiefern. Vom Hotelfenster aus habe ich auf einen bewaldeten Hügel schauen können. Es gibt einen Kurpark und sehenswerte Kur-Anlagen, außerdem ein Nebel-Tal und Montecatini Alto, das Dörfchen auf einem Berg, welches mit einer Standseilbahn zu erreichen ist. Aber wo genau befinde ich mich?
Ich versuche, mich nach dem Sonnenstand zu orientieren. Wo ist Norden, in welche Richtung liegt Florenz und wo geht’s zum Meer? Um mich herum ist nur Park und Bäume. Das Bergdorf liegt im Norden die Flußebene des Arno im Süden und die Sonne müsste jetzt irgendwo im Südosten stehen.
Im Zentrum gibt es eine Piazza mit einer hässlichen modernen Kirche und eine kurze Fußgängerzone, die direkt auf das Bergdorf zuführt.
Der Fußweg nach oben nennt sich „Via Amore‟ und oben gibt’s eine Menge romantischer Fotomotive. Dummerweise ist mir gerade nicht nach Romantik.
Später gönne ich mir ein Bier auf der Hotelterrasse. Um halb zwölf bin ich alleine, es regnet ein paar Tropfen und die Luft ist angenehm frisch.

Stilfser Joch

Sechsundvierzig Serpentinenkurven führen hinauf. Auf zweitaussendsiebenhudert Meter Höhe begrüßt mich eine raue Hochgebirgslandschaft, dazwischen ein riesengoßer Parkplatz, eine Straße mit Souvenirbuden, mehrere Hotels und eine Seilbahn.
Drumherum aber nur grauer Fels und Geröll mit Schneeresten dazwischen. Ich gehe in Richtung Gletscher. Die Luft ist dünn und der Gletscher doch weiter als gedacht. Auf der anderen Seite thront etwa hundert Meter oberhalb der Straße ein burgähnliches Gebäude. Was macht die Schweizer Flagge auf der Terrasse?
Tatsächlich steht da irgendwo ein Grenzstein. Eine Gebietszacke der Schweiz reicht tatsächlich bis hierher. In der Nähe sind Reste von Schützengräben und Bunkern aus dem Ersten Weltkrieg, damals wurde hier heftig gekämpft.
In der burgähnlichen Berghütte trinke ich einen Espresso. Offenbar befinde ich mich aber immer noch auf italienischem Territorium. Wobei: es hätte schon was, wenn ich meinen ersten italienischen Espresso in der Schweiz zu mir genommen hätte!