Juni 2014: Kurztrip nach Schweden und Norwegen zur Mitternachtssonne

Juni 2014: Kurztrip zur Mitternachtssonne:

  • Ich habe eine Woche Zeit. In Deutschland beginnt der Sommer. In den Süden will ich nicht. Im Norden war ich noch nie (…also noch fast nie: abgesehen von einem kurzen Abstecher nach Malmö). Plötzlich habe ich die fixe Idee: Ich will in die Mitternachtssonne. Mit dem Zug fahre ich bis Narvik, wo ich dann zwei Tage lang Zeit habe, per Mietwagen die Lofoten zu erkunden, bevor es dann über Kiruna und Stockholm wieder heimwärts geht…

Die Route:

Die lange, lange Fahrt von Stockholm nach Deutschland zurück

Gegen 5 Uhr klingelt das Handy mich in meinem Stockholmer Hotel aus dem kurzen Schlaf – da ist es schon seit mindestens zwei Stunden hell. Ich mache mich auf den kurzen Weg zum Bahnhof. Es ist mild, nicht warm, nicht kalt, aber der Himmel ist bedeckt. Am Bahnhof ist schon eine Menge los und der Zug nach Kopenhagen fährt pünktlich los. In der Ersten Klasse gibt es eine kleine Frühstücksbox mit zwei kleinen Scheiben Käse, Schinken, einem Joghurt und einem kleinen Becher Orangensaft und Einmalbesteck aus Holz. Dazu Kaffee und kleine, warme Brötchen. Ich bin müde aber trotzdem aufgedreht, lese und schaue aus dem Fenster: Wald, Felder, Seen, Orte, die Landschaft ist weitgehend flach bis wellig und kommt mir jetzt unspektakulär vor. Kaffee und Äpfel gibt es bis zum Abwinken. Ehe ich mich versehe, bin ich in Malmö: der unterirdische Bahnhof, dann die Öresundbrücke und kurz darauf Ankunft in Kopenhagen pünktlich auf die Minute.
Der Zug nach Hamburg steht direkt am Nebengleis und ist brechend voll: ein Diesel-ICE der dänischen Staatsbahn. Leute stehen mit Gepäck auf den Gängen, es gibt kein Durchkommen.
Fahrt durch Dänemark: hin und wieder ein Ort, Brücken über Meeresarme, Küstenlinie, ansonsten flaches, grünes Land.
Dann die Fähre. Ein deutlich größeres Schiff als bei der Hinfahrt, der Zug nimmt die gesamte Länge des Schiffes ein. Enge Stiegen nach oben. Draußen regnet es. Auf dem oberen Deck – dem einzigen Ort, wo man sitzen kann ohne etwas verzehren zu müssen – sind fast alle Tische und Stühle besetzt. Auf den anderen Decks gibt es ein All-you-can-eat-Buffet für 18 Euro oder Wurst in allen Variationen, Pommes, Kaffee und den üblichen Süßkram. Der Regen lässt nach, ich gehe nach draußen und schaue beim Anlegen zu, die vordere Klappe wird geöffnet und dann darf man auch wieder hinunter in den Zug.
Der Zug rollt langsam an Land, rollt in den Bahnhof Putgarden (der keine hundert Meter vom Anleger entfernt liegt) und ich bin wieder in Deutschland.

Stockholm… zusammenfassende Eindrücke

So, über Stockholm dämmert die Nach-Mittsommernacht. Dämmert noch oder dämmert schon? Ich sitze am geöffneten Fenster im fünften Stock, vor mir ein großes Wohnhaus mit Türmchen und einer Dachkonstruktion, auf der ich mir sehr gut das Häuschen von Kalle Blomquist vorstellen könnte. Unten steht knutschend ein Paar. Autos fahren vorbei, ab und zu auch ein Bus, der 53er, in Richtung Sergels torg. Ab und zu hört man auch das Quietschen von Zügen im nahen Hauptbahnhof.
Ich bin noch einmal durch die Stadt gegangen, einmal die Drottninggatan lang bis über die Brücke und dann ein wenig durch die Gamla Stan: deutsche Kirche und Stortorget, dann langsam wieder zurück. Kneipen mit Türstehern, aufgebrezelte Jugendliche – nicht so besoffen und nicht so aufdringlich rüde wie in England -, eigentlich viel ruhiger und gesitteter als in England und vor allem viel, viel ruhiger als in Deutschland. Aus einigen Lokalen hört man Musik.
Bin dann wieder zurück zum Hotel…. und muss ja in vier Stunden schon wieder raus. Trinke jetzt also noch mein Post-Mitternachtssonnen-Bier, Koffer ist fertig gepackt, Wecker gestellt und ich bin gespannt auf die Rückreise nach Deutschland.
Eigentlich war Stockholm ja nur so ein Zwischenstop, es lag halt zufällig auf dem Weg…. eine Stadt, über die ich bis vorgestern annähernd gar nichts wusste, abgesehen von den üblichen Vorurteilen: Kötbullar, Kalle Blomquist und Ikea.
Was weiß ich jetzt? Man zieht ja gerne Vergleiche. Mein erster Vergleich war: Hamburg. Also viel Wasser und viele großartigen Gebäude. Hamburg hat einen größeren Hafen, mehr (sichtbare) Industrie, weniger Hügel und liegt nicht ganz so dicht am Wasser. Außerdem hat es keine gut erhaltene Altstadt. Mein zweiter Vergleich war dann: Wien. Warum Wien? Es liegt ebenfalls am Wasser und es hat einen „Schwedenplatz“, das ist der Platz, wo das Nachtleben tobt und von wo aus man über Kopfsteingepflasterten Gassen in die Altstadt gelangt – wie in die Gamla Stan. Außerdem hat Wien eine lange monarchistische Tradition mit entsprechenden Gebäuden. Ach ja, und einen Prater gibt es in Stockholm auch, der nennt sich Gröna Lund. Aber da hören die Gemeinsamkeiten dann auch schon auf. Ja. Dann gibt es hier noch einen Prachtboulevard am Ufer und ganz viele Schiffe und Boote. Da wäre dann ein Vergleich mit Kopenhagen angesagt – aber das habe ich ja auch erst vor einer Woche kennen gelernt…..

Ausflug nach Nynäshamn

Die Sonne scheint, ich will raus aus der Stadt und nehme die U-Bahn zu einer Endstation die Irgendwas-Strand heißt, aber das ist nur ein langweiliges Neubauviertel mit Hochhäusern, einer Imbissbude und einem Zeitungskiosk. Wo bin ich hier? Wo ist der Strand? Man kann in eine Art S-Bahn umsteigen, deren Endstation hört mit -hamn auf und auf dem Linienplan ist das Symbol für eine Fähre, also muss da wohl Wasser sein.
Eine Bahn kommt – ich darf sie mit meiner 24-Stunden-Chipkarte nutzen – und die Fahrt dauert ziemlich lange. Kurz vor der Endstation kommt ein Schaffner mit einem elektronischen Chipkartenlesegerät.
Ankunft in Nynäshamn: Es gibt Wasser und eine Uferpromenade mit netten Lokalen. Im Wasser viele, viele Segelboote und irgendwo weiter hinten ragt ein riesengroßes Fährschiff hervor, das fährt wohl nach Gotland. Der Blick aufs offene Meer ist durch eine langgezogene Insel versperrt.
Ich gehe am Ufer entlang, nach Süden, Stadtauswärts und gelange über eine Brücke auf eine andere vorgelagerte Inseln mit Villen und exklusiven Hotels – aber der Weg ist eine Sackgasse. Also wieder zurück aufs Festland, wo es einen schönen, asphaltierten Uferweg gibt. Figurbewusste Joggerinnen kommen mir entgegen. Ich gehe weiter und bald schaut man auf offenes Wasser, am Ufer Holzhäuschen und rundgeschliffene Felsen, wie man sie in Schweden nicht anders erwartet…

Stockholm, Gamla Stan

Ich biege ab in die Gamla Stan, die Altstadt.
Kopfsteinpflastergassen und alte Häuser. Das gibt’s auch in Deutschland, aber… Moment! Dies ist kein verschnarchtes Dinkelsbühl, ich befinde mich in einer Großstadt, einer Hauptstadt, einer Metropole, die im in einer Großstadt, die im Krieg nicht bombardiert wurde. Hier gibt es enge Gassen, Kirchen, Cafes, Kneipen, Läden, Restaurants, Touristen, und jede Menge Fotogelegenheiten, mit Weitwinkel und hochkant.

Angekommen in Stockholm

Was ist Stockholm? Erste Eindrücke: Ein großer, belebter Bahnhof, sauber, ordentlich, alles funktioniert.
Ankunft aus dem hohen Norden, morgens um halb zehn: Die Sonne scheint. Eine breite Straße, großzügige Gebäude, Cafes…. das könnte auch Italien sein, oder? Erst später wird mir bewusst: der Verkehr ist angenehm ruhig – für Großstadtverhältnisse – weniger Lärm und Gestank. Die Café- und Hamburger-Ketten sehen aus wie überall. In einer einheimischen Burger-Kette bestellt man an Terminals auf einem Touchscreen und bezahlt ausschließlich mit Karte.
Auch das Einchecken im Hotel geht vollautomatisch – und funktioniert natürlich nicht, aber es gibt freundliche Menschen, die helfen. Alle sind sie hilfsbereit, von der Kellnerin die mir Kaffee anbietet (obwohl es gar keinen gibt) bis zu dem Menschen an der Hotline.
Für die U-Bahn benötigt man eine Chip-Karte oder man lässt sich das Ticket per SMS aufs Handy schicken. Ich erwerbe eine solche Karte für 20 Kronen, lasse mir ein 24-Stunden-Ticket darauf buchen und jetzt bin ich mobil.
Die U-Bahn Station sieht unten aus wie eine Grotte mit bunt bemalten Felswände. Ich nehme die nächste Bahn, fahre eine Station, trete ins Freie, und… Wow!
Prächtige Gebäude, Grünanlagen mit blühenden Blumen, blauer Himmel, überall Wasser, Brücken und Boote und alles ist wunderbar bunt. Da ist das Parlament, die Oper, das Theater und immer wieder Wasser.
Ein bisschen wie Hamburg, nur größer und prächtiger.

Von Kiruna nach Stockholm: Noch eine lange, lange Bahnfahrt

Pünktlich um vier fährt der Zug in Kiruna los, fährt durch endlose Kiefernwälder unter einem blauweißem Himmel mit freundlicher Polarsommersonne. Ist das jetzt Abend, Mittag oder Nachmittag? Irgendwann, irgendwo überquere ich wohl den Polarkreis wieder in umgekehrte Richtung, dann verziehe ich mich auf einen Kaffee in den gemütlich-plüschigen Speisewagen und schaue mir all die fünfhundert Bilder an, die ich in Norwegen gemacht habe.
Gegen halb acht sind wir in Boden, da musste ich bei der Hinfahrt umsteigen, jetzt wird rangiert. Ein paar Wagons nach Lulea werden abgekoppelt und neue Wagons nach Stuttgart werden angekoppelt. Draußen strahlende Sonne und ein paar Wölkchen… auch um zehn Uhr abends strahlt die Sonne noch, dabei sind wir doch schon deutlich südlich vom Polarkreis, wird es denn auch hier nicht dunkel?
Mit mir im Abteil sind ein Syrer – vielleicht mein Alter – der kein Wort englisch spricht und eine komplett schwarz gekleidete Bosnierin mit Kopftuch, die zwar fließend bosnisch, serbisch, türkisch, albanisch und arabisch spricht – ihr Vater war Syrer – aber ebenfalls so gut wie kein Wort deutsch oder englisch. Wir kommunizieren also mit Händen und Füßen.
In Umea hält der Zug fast einehalbe Stunde lang. Gelegenheit um auszusteigen und ein wenig auf dem Bahnsteig auf und ab zu gehen. Meine beiden Abteilgenossen rauchen eine Zigarette. Es ist ein bisschen abenddämmerig, aber immer noch nicht dunkel.
Kurz vor Mitternacht geht es weiter. Draußen wird es mit jeder Minute wieder heller, und die beiden unterhalten sich noch lange auf arabisch während ich versuche, zu schlafen.
In Uppsala stehe ich auf. Es ist inzwischen halb neun. Draußen blauer Himmel und strahlend schönstes Sommerwetter. Ab in den Speisewagen und einen Kaffee zum wach werden.

Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens – und eine der Seltsamsten

Kiruna ist kein typischer Ort für Schweden. Sogar ein sehr untypischer… und doch auch wieder ein Ort, den ich seit meiner Kindheit, seit dem Sachkundeunterricht in der dritten Klasse kenne: Hier wird das Erz abgebaut, welches dann mit der Erzbahn nach Narvik und von dort mit dem Schiff nach Rotterdam, und von dort mit dem Binnenschiff ins Ruhrgebiet gebracht wird. Später habe ich erfahren, dass das meiste Erz, welches im Ruhrgebiet „verhüttet‟ (es heißt wirklich so!) wurde, gar nicht mehr als Schweden kam, aber das ist eine andere Geschichte. Der Name Kiruna ist in meinem Kopf hängen geblieben. Und jetzt bin ich da. Am Busbahnhof.
Wo ist das Zentrum? Gleich um die Ecke? Hier in der Nähe gibt es ein modernes Rathaus mit einem eisernen Turm, dahinter eine hohe, dunkle Abraumhalde. Die Fußgängerzone ist kurz, endet an einem kleinen Platz und es gibt nur wenige Geschäfte. An dem Platz ist eine Bühne aufgebaut und es stehen Kinder-Karussels. Ich folge der Straße, gelange in Wohngebiete – Sechziger-Siebziger-Jahre-Wohnblocks, dazwischen alte Holzhäuser. Auf einer Anhöhe liegt eine Schule, von dort aus hat man einen schönen Blick über die Stadt. Am Stadtrand ist eine begrünte Abraum-Halde mit einer Ski-Abfahrt.
Auf der anderen Seite des Zentrums ist inmitten eines kleinen Birkenwäldchens die berühmte große Holzkirche: von außen sauber und modern, von innen schön hell und luftig… der Turm steht etwas abseits. Ein freundlicher Kirchen-Mitarbeiter beantwortet Fragen: in wenigen Jahren wird diese Stadt umziehen. Die gesamte Stadt wird abgerissen und ein paar Kilometer weiter neu gebaut. Diese Kirche ist das einzige Gebäude, was bleiben darf, sie wird demontiert und an neuer Stelle wieder zusammengesetzt.
Ich gehe in die Stadt zurück und finde ein gemütliches Café, wo ich den Rest meiner Wartezeit verbringen kann. Um drei Uhr bin ich wieder am Busbahnhof, von wo aus mich der Shuttle-Bus nach draußen zum neuen Bahnhof bringt.

Von Narvik nach Kiruna

Um viertel nach sechs bimmelt mein Handy mich wach – nach vier Stunden Schlaf. Draußen ist es genauso hell wie zuvor um kurz nach zwei.
Ich stehe auf, packe meine Sachen, checke aus und breche auf. Ich muss noch tanken und den Wagen zurück bringen, der junge Mann von der Verleihstation bringt mich zum Bahnhof.
Es ist etwa halb neun. Das Bahnhofsgebäude ist geöffnet, ein einzelner Mann sitzt vor seinem Gepäck auf einer Bank. Er wirkt müde und übernächtigt, versteht kein englisch und wirkt auch nicht skandinavisch, vielleicht kommt er aus Russland. Jedenfalls kann er mir nicht sagen, wo man hier einen Kaffee bekommt.
Das Einkaufszentrum macht erst um zehn Uhr auf, ansonsten ist alles geschlossen.
Ich gehe noch einmal durch die Stadt: der kleine Park mit dem Kriegerdenkmal, das Wohngebiet auf der anderen Seite der Hauptverkehrsstraße: Holzhäuschen, in den Gärten wuchern Gras und Wildblumen, ab und zu Sträucher und Stauden, ganz selten mal ein gemähter Rasen. Frische Luft und Vogelgezwitscher.
Als ich kurz nach neun wieder am Bahnhof bin, warten schon mehrere Leute.
Das also ist Narvik. Den Namen des Ortes kenne ich seit dem Sachkundeunterricht in der dritten Klasse: der nördlichste Bahnhof Europas. Aber heute geht kein Zug, nur ein Bus, der taucht dann endlich auf und fährt pünktlich um halb zehn los.
Zunächst geht’s am Fjord entlang, bis über die Brücke, dann rechts ab hinauf ins Fjäll. Wolken über den schneebedeckten Bergen, und schon bald hat man die Baumgrenze überquert, es geht über Wiesen mit Felsbrocken darauf, flachwellige Landschaft mit Seen und überall Ferienhäuschen, alle paar Meter steht eines, über den ganzen Talboden verstreut. Und immer wieder Schneereste.
Wir erreichen die schwedische Grenze: es gibt noch ein Zollhäuschen, aber der Bus braust ohne Halt daran vorbei. Hinter der Grenze liegt ein Ski-Resort namens Riksgränsen: die Ortschaft besteht fast ausschließlich aus Hotels und Chalets. Einige Leute steigen aus. Kurz darauf kommt Abisko, ein ähnlicher Ort. Dann geht es am Ufer des langgezogenen Sees entlang durch eine karge Steppenlandschaft mit lichten Birkenwäldern dazwischen. Die Sonne kommt raus und jetzt ist die Landschaft wunderschön.
Trotzdem schlafe ich ein und wache kurz vor Kiruna auf. Es ist zwölf Uhr. Wir halten am Bahnhof. Mein Zug steht schon bereit, aber ich habe noch vier Stunden Zeit, also fahre ich weiter in die Stadt – die liegt ein paar Kilometer weiter.
An der Busstation steige ich aus.
Jetzt bin ich also in Schweden. Auf der Hinreise habe ich dieses Land einmal komplett von Süd nach Nord durchquert, habe viel Landschaft gesehen, mich aber nirgendwo aufgehalten. Nach dem Bahnhof von Stockholm ist Kiruna also die erste schwedische Stadt, in der ich ein bisschen Zeit verbringen kann.

Fahrt durch die Mitternachtssonne auf den Lofoten

Langsam fahre ich die Küstenstraße zurück, an Kabelvag und Solvaer vorbei landeinwärts, immer wieder Photopausen machend, durch den Tunnel unter dem Meer und weiter… Inzwischen geht es auf elf Uhr abends zu, es ist taghell und das Licht ist einfach nur wunderbar, mild, sanft wie am frühen Abend. Hinter jeder Ecke bieten sich neue tolle Ausblicke. Hinter einer Brücke parkt ein Wohnmobil mit Münchener Kennzeichen, ein Rentner steigt aus, er will noch angeln gehen und ist genauso aufgedreht und euphorisch wie ich. Ich zwinge mich, weiter zu fahren obwohl ich eigentlich an jeder Ecke anhalten und Bilder machen will. Die Sonne steht im Norden und strahlt die schneebedeckten Berge an. Es ist wunderbar still. Ich merke, dass ich müde werde, obwohl ich immer noch aufgekratzt bin. Gegen zwei Uhr früh bin ich in Narvik zurück.

Henningsvaer, Lofoten: ….und dann bricht die Sonne durch!

Ich fahre über eine kurvige Küstenstraße und hinter jeder Biegung offenbaren sich neue Ausblicke, eine spektakulärer als der Anderer. Henningsvaer liegt auf einer vorgelagerten Insel und ist mit der Hauptinsel über mehrere Brücken verbunden: ein wunderschöner Ort aus bunten Holzhäuschen, Boote tuckern über das Wasser, hohes Gras und Wildblumen wachsen in den Gärten.
Und plötzlich ist der Himmel strahlend blau und das Licht so wunderbar-golden-kitschig, dass einem die Worte fehlen.
Am Südende der Insel stehen Stockfisch-Trockengerüste mit Fischen darauf, es erinnert an Hopfen-Gestelle oder Weinbau und plötzlich wirkt alles so südländisch-heiter obwohl ich so weit hoch im Norden bin wie nie zuvor.
Am Dorfplatz trinke ich einen Kaffee. Es ist warm und alles ist einfach nur perfekt.

Norwegen… ich bin wirklich da!

Um sechs Uhr wach geworden, eingeschlafen, wach geworden, eingeschlafen, wach geworden, aufgestanden.
Ich schaue nicht auf die Uhr. Vielleicht halb acht? Draußen bedeckter Himmel. Duschen Anziehen, wichtigste Sachen in den Ricksack werfen, zu Fuß durch die Stadt zum Autoverleih. Auto entgegen nehmen.
Wie zu erwarten haben sie keine kleinen Autos, ich bekomme einen großen Nissan Geländewagen. Worauf warte ich noch? Ich fahre los! Tempomat einstellen…. die E6 am Fjord entlang, über die Brücke die ich gestern vom Zug aus von oben gesehen habe, ich bin noch zu sehr mit dem Auto und den Verkehrsregeln beschäftigt um auf die Landschaft zu achten. Weg vom Meer, eine Hochebene, hier ist sogar ein kleines Stück lang Tempo 90 erlaubt (worauf mich der Mensch vom Autoverleih hingewiesen hat). Irgendwo in der Provinz ein Flughafen. Dahinter eine Tankstelle, da stehen zwei Anhalter mit Rucksäcken. Ich nehme sie mit, sie sind deutsche Muskiker, die in Kopenhagen an der Oper arbeiten, hierher geflogen sind und jetzt zehn Tage lang mit Rucksack und Zelt unterwegs sind – allerdings mit Mietwagen, den sie allerdings ein Stück weiter abholen müssen. Ich lasse sie an einer Kreuzung raus…. jetzt fange ich an, mich auf die Landschaft zu konzentrieren, will irgendwo ans Ufer, finde einen Hotel-Parkplatz. Weißer Strand. Muscheln, Seeigel. Es riecht tatsächlich nach Meer. Eine Familie, ein Kind sammelt Muscheln. Weiter. Halte wieder irgendwo an, quer durch die Wiese hinunter um ein Photo zu machen. Weiter gefahren: Landschaftskino, Landschaftsrausch. Ein Stück blauer Himmel lugt hervor.
Ein weiterer Halt irgendwo am Meer: Kleine Halbinsel-Felsenklippe mit ein paar Bäumen drauf und Felsen, am Anfang hat ein Paar ein Zelt aufgebaut, baut es jetzt ab. Ich klettere ein wenig herum und mache Photos…

Zur Mitternachtssonne nach Narvik

Ich habe zwei Nächte und zwei Tage in Zügen verbracht um zur Mitternachtssonne zu gelangen.
Die letzte Stunde der Bahnfahrt ist einfach nur…. wow! Mir fehlen im Moment noch die Worte. Unten der Fjord, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee drauf… leider kein blauer Himmel, sondern eher bedeckt, bewölkt, aber doch irgendwie mild, vielleicht so wie bei uns im März. Ich kann gar nicht aufhören mit dem fotographieren, stehe mit gezückter Kamera am Zugfenster und knipse pausenlos hinaus…. man kann einfach so drauflos knipsen, es wird immer etwas.
Man nehme eine Berglandschaft wie Österreich, die Schweiz oder Südtirol, mache die Berge ein bisschen kleiner und nicht ganz so spitz und verlege das Ganze ans Meer. So einfach ist das.
In Narvik gibt es eine Seilbahn und eine Skipiste, nicht ungewöhnlich, Schnee gibt’s hier schließlich genug im Winter, aber was mir nicht bewusst war ist, dass man beim Skifahren hinaus auf das Meer schauen kann. Und ein bisschen Schnee liegt auch jetzt noch da.
Mitternachtssonne fühlt sich an wie ein früher Morgen im April: Frisch. Nicht warm, nicht kalt, kühl, und vor allem frisch. Lebendig. Die Stille. Das Vogelzwitschern. Das Licht… ein bisschen blauer Himmel ist da, überwiegend bewölkt, überwiegend fast geschlossene Wolkendecke, aber hier und dort schimmern blaue Flecken durch.
Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn.

Von Stockholm nach Narvik: Eine lange, lange Eisenbahnfahrt…

In Umea werde ich wach. Es ist etwa viertel vor sieben. Habe wunderbar tief und fest geschlafen im Nachtzug, kein bisschen Hangover oder Übernächtigt. In Umea regnet es. Bleigrauer Himmel und Nieselregen. Ich reibe mir die Augen, stehe auf, trete auf den Bahnsteig hinaus: ein langer, befestigter und überdachter Bahnsteig. Ein Abfertigungsgebäude aus roten Ziegeln. Ein größerer Platz mit einer Art Denkmal drauf, halbrund, davor eine Straße. Ein Halbrund aus vielleicht drei- bis vierstöckigen Gebäuden um diesen Platz herum, in der Mitte unterbrochen durch eine Allee.
Der Zug hält ziemlich lange. Es ist kühl, die Einheimischen und die Reisenden haben Jacken an. Ich ziehe mich noch einmal in mein Schlafwagenbett zurück und schlafe eine Stunde bis zum nächsten Halt um 8 Uhr: Achthundertirgendwas Kilometer von Stockholm, einhundertsechzig Meter Seehöhe. Ich gehe durch den Zug, finde den Speisewagen, wo es nach Kaffee duftet.
Es duftet nach Kaffee. Es gibt abgepackte Sandwiches und Kaffee – ein abgepacktes Kanelbullar und ein Pappbecherkaffee kosten dreißig Kronen. Der Mann hinter dem Tresen kann auf meinen Fünfhundert-Kronen-Schein nicht herausgeben, auf meinen Zehn-Euro-Schein kriege ich dreißig Kronen raus. Auf dem Kassenzettel sehe ich, dass ein Euro wohl acht Kronen wert ist, Öre werden abgerundet.
Ich trinke meinen Kaffee zwischen übernächtigten Gesichtern.
Draußen ist die Wolkendecke längst aufgerissen, die Sonne steht hoch am blauen Himmel über endlosen Birken- und Nadelwäldern und Seen.
Nächster Halt um viertel vor neun: Bastuträsk, 965 KM von Stockholm, 264 Meter über dem Meer. Dahinter noch mehr Wälder, Seen, blauer Himmel und freundlich-weiße Wölkchen. Bin ich schon am Polarkreis?
Ich hole mir einen zweiten Kaffee, man kann sich den Becher nämlich einmal kostenlos wieder auffüllen lassen. Die Dusche im Zug ist blitzsauber und es gibt einen Stapel frischer Handtücher. Ich fühle mich fit und bin wirklich kein bisschen übernächtigt – okay, vielleicht ein ganz kleines bisschen, aber das Adrenalin hält mich wach.
Um elf Uhr muss ich umsteigen. Ich bin erstaunt: Boden ist ja eine richtige Stadt, mit Straßen, Brücken, und mehrstöckigen Wohnhäusern mit verglasten Balkonen.
Der Zug aus Stockholm muss rangieren, die Lokomotive wird umgesetzt.
Der Anschlusszug nach Narvik besteht aus nur drei Wagons. Im mittleren Wagon ist ein Bistro-Schalter. Der Zug ist gut besetzt: Familien mit Kindern, eine Frau mit Hund, ein Grüppchen von Leuten, die sich auf englisch unterhalten, teils mit amerikanischem, teils mit britischem Akzent, es können aber auch Kanadier oder Neuseeländer sein. Sie haben schwere Wanderrucksäcke dabei.
Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger hoch werden die Bäume, zwischendurch finden sich auch Gras- und Strauchflächen. Bei Galiväre sieht man zum ersten Mal großflächige Schneereste auf einem Bergrücken.
Dahinter wird die Landschaft flach bis wellig, zwischendurch sumpfig mit Seen und Schilf am Ufer. Ich schlafe ein, werde wach und hole mir einen weiteren Kaffee. In Kiruna regnet es. Der Zug rangiert zwischen Erzwagons und Abraumhalden. Dahinter kommen Berge, richtige zackige Berge mit Felsen und schneebedeckt. Hier gibt es auch keine dichten Wälder mehr, nur Tundra, Sumpf und lichtes Birkengestrüpp, dann ein langer, langer See.
Nächster Halt Abisko Östra, kaum zu glauben, dass hier irgendwo Menschen leben. Die junge Frau zieht ihre Outdoor-Jacke an, setzt den Rucksack auf und steigt aus. Dann überquert der Zug die Grenze nach Norwegen und dahinter…. einfach nur Wow!
Tief unten taucht das Wasser des Fjordes auf, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee und Wasserfälle stürzen die Felsen herab.
Der Zug schraubt sich langsam hinunter und dann gibt es auch wieder Wald und eine Stunde später bin ich in Narvik.
Angekommen.
Am nördlichsten Bahnhof Europas.

Im Sauseschritt durch Schweden

Ich bin in Schweden. Das Wetter draußen: heiter bis wolkig. Manchmal blendet die Sonne, mal lugt sie hinter dicken, schwarzen Wolken durch.
Der Zug ist bequem, in der ersten Klasse gibt es Kaffee und Tee kostenlos, außerdem Kekse und Äpfel, aber das sagt einem keiner, man muss schon selbst darauf kommen.
Mir gegenüber sitzt ein junger Schwede, möglicherweise Student, der mit drei Freunden zwei Wochen lang durch Italien und die Schweiz per Interrail unterwegs war und auch schon – wie ich – seit vierundzwanzig Stunden im Zug ist.
Draußen Landschaft: Viel Landschaft, Landschaftskino vom Feinsten. Über den Kopenhagener Vororten noch dunkle Wolken, dann kurzer Halt am Flughafen, anschließend geht es zunächst durch einen Tunnel und dann über die Öresund-Brücke. Blick über das Meer mit Schiffen drauf, links und rechts. Eine Etage über uns fahren offenbar die Autos. Kurz hinter der schwedischen Küste taucht der Zug wieder in einen Tunnel ab und hält ziemlich lange unterirdisch in Malmö. An die Tunnelwände links und rechts werden Filme projiziert, so dass es aussieht, als zögen Landschaften an Zugfenstern vorbei.
Weiter geht’s – zunächst duch eine unspektakuläre Landschaft, fast wie Norddeutschland, wenn auch nicht ganz so flach. Dann kommt Wald und der eine oder andere See und bald tauchen die ersten falunroten Hozhäuschen auf. Zwischendurch Seen mit felsigen Inseln, darauf ein paar Bäume, die Sonne bricht durch die Wolken und dann ist der Himmel blau. Nicht Postkartenblau, die Wolken sind immer noch da, kleine Wölkchen und dann eine lange, lange Dämmerung mit intensiv-goldenem Abendlicht.
Als ich kurz vor zehn Uhr abends in Stockholm ankomme, ist es immer noch nicht richtig dunkel.
Ich trete in die Bahnhofshalle, viele Leute sind unterwegs, aber alle Schalter sind geschlossen. Ich finde einen Geldautomaten, versorge mich mit schwedischem Bargeld und vertrete mir ein wenig die Füße.
Der Bahnhofsplatz ist erstaunlich klein, drumherum Hochhäuser.
Um halb elf halb elf kommt mein Nachtzug: schwarze Lokomotive, silbergraue Wagons, die meisten Reisenden im Outdoor-Outfit. Ich finde mein Schlafwagenabteil. Alles gut. Es gibt sogar Duschen. Ich trinke ein aus Deutschland mitgebrachtes Bier und mache mich bettfertig

Vier Stunden in Kopenhagen

Kopenhagen Hauptbahof. Wetter wolkig, aber mild, die Einheimischen laufen kurzärmelig herum.
Ich steige also aus und schleppe mein Gepäck die Treppe hoch in eine großzügige Bahnhofshalle, in der es alles gibt, was man so braucht. In meinem Fall zunächst mal einen Geldautomaten. Der spuckt ein Bündel Kronen-Scheine aus. Einen davon wechsele ich in Münzen und packe das Gepäck in ein Schließfach. Los geht’s!
Gleich gegenüber vom Bahnhof ist der Eingang zum Tivoli. Lohnt sich das? Vielleicht beim nächsten Mal. Jetzt erstmal in die Stadt! Vor dem Rathaus gibt’s Würstchenbuden und Kaffeestände. Die Fußgängerzone sieht zunächst einmal aus wie jede andere kontientaleuropäische Fußgängerzone auch, mit viel Backstein. Die Nebenstraßen mit Kopfsteinpflaster erinnern mich ein wenig an Lübeck, da gibt’s auch jede Menge Backsteingotik. Ich gehe immer geradeaus und lande am Nyhavn – das alte Hafenbecken mit den Museumsschiffen und der der bunten Häuserzeile ist nach der kleinen Meerjungfrau eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Ganz nett anzuschauen, aber in ein paar Minuten gelangt man an dem Stichkanal vorbei zu einem breiteren Wasserlauf. Ich biege nach links ab, am modernen, schicken Theater vorbei auf eine Uferpromenade. Da liegen mehrere Schiffe, offenbar Forschungsschiffe – die man besuchen kann: es ist wohl eine Art „Tag der offenen Tür‟. An Bord gibt es sogar ein Programm mit Filmen und Vorträgen.
Ich gehe weiter, an einer alten Festungsanlage vorbei – und finde die wirklich winzig kleine Meerjungfrau dann fast zufällig: Wären da all die Leute, dann, hätte man sie glatt übersehen können.
Gut. Damit hätte ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abgehakt. Wie viel Zeit bleibt mir noch?
Reicht es für eine Besichtigung Freistadt Christiania?
Noch gut eineinhalb Stunden. Passt!
Rasch gehe ich durch den Park an den Wallanlagen zurück, über Brücken ins Stadtviertel Christianshavn. Die Gegend gefällt mir: Seitenstraßen mit Kopfsteinpflaster, gemütlichere, nicht ganz so schicke Cafés und die Vor Frelsers Kirke mit dem charakteristischen korkenzieherförmigem Turm. Ein Weg führt in eine Art Park zwischen alten Industriebauten hindurch und das ist sie also: die berühmte Anarcho-Komune auf einem ehemaligen Kasernengelände. Der bunte Charme von instantbesetzter Industrie-Architektur, dazwischen parkartiges Gelände und Trödelmarktatmosphäre. An den Ständen gibt es alternativen Modeschmuck und biologisch-organisches Essen und Getränke. Im „Green Light District‟ wird auch Canabis verkauft. Hier besteht strenges Fotografierverbot, welches von einem internen Sicherheitsdienst überwacht wird. Die stabil gebauten jungen Männer stehen neben brennenden Öl-Tonnen.
Ich esse eine leckere Falafel, trinke einen Kaffee aus einem Bierglas und setze mich für ein paar Minuten in die Sonne, die gerade herausgekommen ist.
So, jetzt aber hurtig zurück, in einer Dreiviertelstunde geht mein Zug!
Rasch über die Brücke in die Innenstadt, da kommt ein Bus, und kurz nach dem ich eingestiegen bin beginnt es heftig an zu regnen.
Der Bus hält an der Rückseite des Bahnhofs, ich gehe die Treppe hinunter und wieder hoch, hole mein Gepäck und sprinte zum Zug, der im hintersten Winkel des Bahnhofs bereit steht.
Die schwedische Schaffnerin begrüßt mich mit einem fröhlichen „Hej!‟.

Mit dem Zug auf die Fähre

Der winzigkurze Spielzeugzug dieselt los, von Hamburg über Lübeck und dann an der Ostseeküste entlang. Die Gegend ist aufgeräumt und unaufgeregt. Grau der Himmel, grün das Land. Dann der Fehmarnsund: Wasser links, Wasser rechts, Damm, Brücke, Straße nebenan, eine Küste nicht ganz so langweilig wie die Wattenmeer-Nordseeküste. Fehmarn wieder ist vor allem flach. Der Bahnhof Puttgarden eine große verlassene Gleisfläche mit Schienen, zwischen denen Gras und Sträucher wachsen. Nur zwei Bahnsteige sind noch in Betrieb, nach kurzem Halt geht es dann ganz langsam auf die Fähre.
An Bord steht der Zug zwischen Lastwagen und Bussen. Man steigt aus und geht nach oben. Die Fähre ist kleiner und gemütlicher als die England-Fähren, es gibt nur ein geschlossenes Deck mit Restaurants und dem obligatorischen Schnapsladen – fast normale deutsche Preise – und auf der Etage darüber einige offene Decks.
Es ist ungewöhnlich, Deutschland auf dem Seeweg zu verlassen.
Die Überfahrt dauert eine knappe Stunde.
Windrad-Parks im Meer. Reger Fährverkehr. Ankunft in Rodby, wieder in den Zug, der rollt ganz langsam an Land und aus dem Fährgelände in einen richtigen Bahnhof der auch einmal viel größer war, dann geht es weiter über flaches, grünes Land. Die Küstenlinie sieht anders aus als in Holland oder Belgien, vielleicht etwas, abwechslunsreicher, es gibt Wald und kein Wattenmeer.
Nyköping, der erste größere Ort könnte auch in Belgien sein.
Es geht auf die Hauptstrecke – die ist elektrifiziert – und um viertel nach zwölf bin ich in Kopenhagen.