Von Trient ins Nonstal

In einer Viertelstunde geht der Zug. Aber von wo? In den Fahrplänen am Bahnhof ist er nicht zu entdecken, im Internet genausowenig, und es dauert eine Weile bis wir herausfinden, dass sich am nördlichen Ende des Bahnhofes noch ein kleiner Extra-Bahnhof befindet, mit eigener Bahnhofshalle, zwei blitzsauberen Bahnsteigen und modernen Elektrotriebwagenzügen, in denen es sogar Wlan gibt. Nur Ticketautomaten sind nirgens zu sehen, man muss ganz altmodisch an den Schalter.
Das Bähnchen zockelt los, zunächst durch Vororte, dann weitläufige Obstplantagen, schließlich biegt es in das enge Seitental ein, durch eine Schlucht und dann spektakulär am Hang entlang hinauf in das Hochtal, am Stausee vorbei, durch weitere Obstplantagen, Wald und Berglandschaften zur Endstation Malé.
Wo sind wir hier?
Das Bergdorf ist in der Mittagszeit wie ausgestorben. Die Läden sind geschlossen. Es gibt zwei Kirchen und zwei Cafés und drumherum eine Menge Wald, Fels und schneebedeckte Gipfel.
Wir fahren mit dem nächsten Zug ein paar Stationen zurück nach Clés. Der Ort wirkt viel städtischer. Auf dem Markt gibt es billige Kleidung aus China und alles, was man sonst noch zum Leben braucht. Eine Seitenstraße führt aus dem Städtchen hinaus in die Obsthaine und weiter zu der Burg, die den oberen Teil des Tales bewacht.

Triest im Februar

Ich sitze im Regionalzug, es ist zehn Uhr Abends und ich schaue hinaus in die Dunkelheit.
Seit Monfalcone muss rechts von mir das Meer sein. Oder so ähnlich. Der Zug fährt schneller, und dann sind vorn irgendwo Lichter. Ist das schon Triest? Ich bin gespannt auf diese Stadt! Wenige Minuten später erreichen wir Trieste Centrale, Endstation.
Ich steige aus und gelange in eine großzügige Halle mit Marmor, spiegelndem Boden, Säulen und Stuckdecken.
Ich bin angekommen.
Draußen ist ein kleiner Park, darin ein Denkmal der österreichischen Kaiserin Sissi und drumherum eindrucksvolle Fassaden aus der Habsburger Zeit. Die Bäume im Park sind kahl, es ist kühl und windig und mir wird bewusst, dass ich zuvor noch nie im Winter am Mittelmeer war.
Der schönste Beiname, den diese Stadt hat, ist „Stadt der Winde“.
Klackernd ziehe ich meinen Koffer durch die Straßen, vorbei an Fassaden im Stil des späten neunzehnten Jahrhunderts, wie man sie aus Wien kennt. Fensterläden aus Holzlammellen wie sie zu Italien gehören. Die Ladenschilder, die Straßennamen, alles ist italienisch.
Die Luft ist kühl, klar, erstaunlich trocken trotzdem mild. Das ist kein nordeuropäischer, Cisalpiner Winter, und auch nicht dieses milde, feuchte atlantische Wetter, das ich aus England kenne, das hier ist irgendwie anders.
Gerne bezeichnet sich Triest auch als „Citta Mitteleuropea“ – in genau dieser Schreibweise und gilt für Manche die südlichste Stadt Mitteleuropas, auch wenn hier noch Olivenbäume wachsen und die Oliven-Butter-Grenze ein ganzes Stück weiter nördlich verläuft. Alles hier ist durch und durch italienisch – und doch gehörte diese Stadt fünfhundert Jahre lang zu Österreich und war das Fenster der K.u.K.- Doppelmonarchie zum Meer und Sitz der österreichischen Flotte. Die Passagierdampfer des österreischischen Lloyd waren zeitweise die schnellste und direkteste Verbindung von England nach Indien.
Triest ist und war immer schon eine sehr multikulturelle Stadt – unmittelbar hinter der Stadt ist die Grenze nach Slovenien und wenige Kilometer weiter beginnt Kroatien.
Diese Stadt hat mich immer schon fasziniert, auch wenn ich sie bis heute noch nie besucht habe.
Ich finde mein Hotel, checke ein und mache mich gleich noch einmal auf, abends um halb elf:
Großzügige Boulevards. Großartig mächtige Gebäude aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, strahlend weiße Fassaden, zum Teil angestrahlt. Die Straßen sind menschenleer, komplett leergefegt.
Da ist dieser großartige Platz, der jetzt nach der Einheit Italiens benannt worden ist und vermutlich schon mehrere andere Namen getragen hat, mit dem Rathaus an der Stirnseite, links und rechts flankiert von repräsentativen Gebäuden – unter Anderem dem ehemaligen Sitz des Österreichischen Lloyd – und nach vorne hin offen zum Meer, von diesem getrennt nur durch die breite Uferstraße. Ich überquere diese und gehe hinaus auf den Molo Audace: den Kai, welcher nach dem Kriegsschiff benannt wurde, das seinerzeit diese Stadt unter italienische Kontrolle brachte. Ich blicke zurück auf auf die Lichter der Stadt und hinaus auf das Meer.
Der Himmel ist sternklar, es ist kalt und windig.
Ich will noch etwas trinken, gehe zurück in die Stadt, streife durch die leeren Straßen, entdecke das eine oder andere elegante Restaurant und gemütliche, rustikale Bierkneipen.
Ich trinke ein kleines Bier und kehre durch die leeren Straßen zurück zum Hotel.
Diese Stadt gefällt mir.