Juni 2014: Kurztrip nach Schweden und Norwegen zur Mitternachtssonne

Juni 2014: Kurztrip zur Mitternachtssonne:

  • Ich habe eine Woche Zeit. In Deutschland beginnt der Sommer. In den Süden will ich nicht. Im Norden war ich noch nie (…also noch fast nie: abgesehen von einem kurzen Abstecher nach Malmö). Plötzlich habe ich die fixe Idee: Ich will in die Mitternachtssonne. Mit dem Zug fahre ich bis Narvik, wo ich dann zwei Tage lang Zeit habe, per Mietwagen die Lofoten zu erkunden, bevor es dann über Kiruna und Stockholm wieder heimwärts geht…

Die Route:

Von Narvik nach Kiruna

Um viertel nach sechs bimmelt mein Handy mich wach – nach vier Stunden Schlaf. Draußen ist es genauso hell wie zuvor um kurz nach zwei.
Ich stehe auf, packe meine Sachen, checke aus und breche auf. Ich muss noch tanken und den Wagen zurück bringen, der junge Mann von der Verleihstation bringt mich zum Bahnhof.
Es ist etwa halb neun. Das Bahnhofsgebäude ist geöffnet, ein einzelner Mann sitzt vor seinem Gepäck auf einer Bank. Er wirkt müde und übernächtigt, versteht kein englisch und wirkt auch nicht skandinavisch, vielleicht kommt er aus Russland. Jedenfalls kann er mir nicht sagen, wo man hier einen Kaffee bekommt.
Das Einkaufszentrum macht erst um zehn Uhr auf, ansonsten ist alles geschlossen.
Ich gehe noch einmal durch die Stadt: der kleine Park mit dem Kriegerdenkmal, das Wohngebiet auf der anderen Seite der Hauptverkehrsstraße: Holzhäuschen, in den Gärten wuchern Gras und Wildblumen, ab und zu Sträucher und Stauden, ganz selten mal ein gemähter Rasen. Frische Luft und Vogelgezwitscher.
Als ich kurz nach neun wieder am Bahnhof bin, warten schon mehrere Leute.
Das also ist Narvik. Den Namen des Ortes kenne ich seit dem Sachkundeunterricht in der dritten Klasse: der nördlichste Bahnhof Europas. Aber heute geht kein Zug, nur ein Bus, der taucht dann endlich auf und fährt pünktlich um halb zehn los.
Zunächst geht’s am Fjord entlang, bis über die Brücke, dann rechts ab hinauf ins Fjäll. Wolken über den schneebedeckten Bergen, und schon bald hat man die Baumgrenze überquert, es geht über Wiesen mit Felsbrocken darauf, flachwellige Landschaft mit Seen und überall Ferienhäuschen, alle paar Meter steht eines, über den ganzen Talboden verstreut. Und immer wieder Schneereste.
Wir erreichen die schwedische Grenze: es gibt noch ein Zollhäuschen, aber der Bus braust ohne Halt daran vorbei. Hinter der Grenze liegt ein Ski-Resort namens Riksgränsen: die Ortschaft besteht fast ausschließlich aus Hotels und Chalets. Einige Leute steigen aus. Kurz darauf kommt Abisko, ein ähnlicher Ort. Dann geht es am Ufer des langgezogenen Sees entlang durch eine karge Steppenlandschaft mit lichten Birkenwäldern dazwischen. Die Sonne kommt raus und jetzt ist die Landschaft wunderschön.
Trotzdem schlafe ich ein und wache kurz vor Kiruna auf. Es ist zwölf Uhr. Wir halten am Bahnhof. Mein Zug steht schon bereit, aber ich habe noch vier Stunden Zeit, also fahre ich weiter in die Stadt – die liegt ein paar Kilometer weiter.
An der Busstation steige ich aus.
Jetzt bin ich also in Schweden. Auf der Hinreise habe ich dieses Land einmal komplett von Süd nach Nord durchquert, habe viel Landschaft gesehen, mich aber nirgendwo aufgehalten. Nach dem Bahnhof von Stockholm ist Kiruna also die erste schwedische Stadt, in der ich ein bisschen Zeit verbringen kann.

Fahrt durch die Mitternachtssonne auf den Lofoten

Langsam fahre ich die Küstenstraße zurück, an Kabelvag und Solvaer vorbei landeinwärts, immer wieder Photopausen machend, durch den Tunnel unter dem Meer und weiter… Inzwischen geht es auf elf Uhr abends zu, es ist taghell und das Licht ist einfach nur wunderbar, mild, sanft wie am frühen Abend. Hinter jeder Ecke bieten sich neue tolle Ausblicke. Hinter einer Brücke parkt ein Wohnmobil mit Münchener Kennzeichen, ein Rentner steigt aus, er will noch angeln gehen und ist genauso aufgedreht und euphorisch wie ich. Ich zwinge mich, weiter zu fahren obwohl ich eigentlich an jeder Ecke anhalten und Bilder machen will. Die Sonne steht im Norden und strahlt die schneebedeckten Berge an. Es ist wunderbar still. Ich merke, dass ich müde werde, obwohl ich immer noch aufgekratzt bin. Gegen zwei Uhr früh bin ich in Narvik zurück.

Henningsvaer, Lofoten: ….und dann bricht die Sonne durch!

Ich fahre über eine kurvige Küstenstraße und hinter jeder Biegung offenbaren sich neue Ausblicke, eine spektakulärer als der Anderer. Henningsvaer liegt auf einer vorgelagerten Insel und ist mit der Hauptinsel über mehrere Brücken verbunden: ein wunderschöner Ort aus bunten Holzhäuschen, Boote tuckern über das Wasser, hohes Gras und Wildblumen wachsen in den Gärten.
Und plötzlich ist der Himmel strahlend blau und das Licht so wunderbar-golden-kitschig, dass einem die Worte fehlen.
Am Südende der Insel stehen Stockfisch-Trockengerüste mit Fischen darauf, es erinnert an Hopfen-Gestelle oder Weinbau und plötzlich wirkt alles so südländisch-heiter obwohl ich so weit hoch im Norden bin wie nie zuvor.
Am Dorfplatz trinke ich einen Kaffee. Es ist warm und alles ist einfach nur perfekt.

Norwegen… ich bin wirklich da!

Um sechs Uhr wach geworden, eingeschlafen, wach geworden, eingeschlafen, wach geworden, aufgestanden.
Ich schaue nicht auf die Uhr. Vielleicht halb acht? Draußen bedeckter Himmel. Duschen Anziehen, wichtigste Sachen in den Ricksack werfen, zu Fuß durch die Stadt zum Autoverleih. Auto entgegen nehmen.
Wie zu erwarten haben sie keine kleinen Autos, ich bekomme einen großen Nissan Geländewagen. Worauf warte ich noch? Ich fahre los! Tempomat einstellen…. die E6 am Fjord entlang, über die Brücke die ich gestern vom Zug aus von oben gesehen habe, ich bin noch zu sehr mit dem Auto und den Verkehrsregeln beschäftigt um auf die Landschaft zu achten. Weg vom Meer, eine Hochebene, hier ist sogar ein kleines Stück lang Tempo 90 erlaubt (worauf mich der Mensch vom Autoverleih hingewiesen hat). Irgendwo in der Provinz ein Flughafen. Dahinter eine Tankstelle, da stehen zwei Anhalter mit Rucksäcken. Ich nehme sie mit, sie sind deutsche Muskiker, die in Kopenhagen an der Oper arbeiten, hierher geflogen sind und jetzt zehn Tage lang mit Rucksack und Zelt unterwegs sind – allerdings mit Mietwagen, den sie allerdings ein Stück weiter abholen müssen. Ich lasse sie an einer Kreuzung raus…. jetzt fange ich an, mich auf die Landschaft zu konzentrieren, will irgendwo ans Ufer, finde einen Hotel-Parkplatz. Weißer Strand. Muscheln, Seeigel. Es riecht tatsächlich nach Meer. Eine Familie, ein Kind sammelt Muscheln. Weiter. Halte wieder irgendwo an, quer durch die Wiese hinunter um ein Photo zu machen. Weiter gefahren: Landschaftskino, Landschaftsrausch. Ein Stück blauer Himmel lugt hervor.
Ein weiterer Halt irgendwo am Meer: Kleine Halbinsel-Felsenklippe mit ein paar Bäumen drauf und Felsen, am Anfang hat ein Paar ein Zelt aufgebaut, baut es jetzt ab. Ich klettere ein wenig herum und mache Photos…

Zur Mitternachtssonne nach Narvik

Ich habe zwei Nächte und zwei Tage in Zügen verbracht um zur Mitternachtssonne zu gelangen.
Die letzte Stunde der Bahnfahrt ist einfach nur…. wow! Mir fehlen im Moment noch die Worte. Unten der Fjord, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee drauf… leider kein blauer Himmel, sondern eher bedeckt, bewölkt, aber doch irgendwie mild, vielleicht so wie bei uns im März. Ich kann gar nicht aufhören mit dem fotographieren, stehe mit gezückter Kamera am Zugfenster und knipse pausenlos hinaus…. man kann einfach so drauflos knipsen, es wird immer etwas.
Man nehme eine Berglandschaft wie Österreich, die Schweiz oder Südtirol, mache die Berge ein bisschen kleiner und nicht ganz so spitz und verlege das Ganze ans Meer. So einfach ist das.
In Narvik gibt es eine Seilbahn und eine Skipiste, nicht ungewöhnlich, Schnee gibt’s hier schließlich genug im Winter, aber was mir nicht bewusst war ist, dass man beim Skifahren hinaus auf das Meer schauen kann. Und ein bisschen Schnee liegt auch jetzt noch da.
Mitternachtssonne fühlt sich an wie ein früher Morgen im April: Frisch. Nicht warm, nicht kalt, kühl, und vor allem frisch. Lebendig. Die Stille. Das Vogelzwitschern. Das Licht… ein bisschen blauer Himmel ist da, überwiegend bewölkt, überwiegend fast geschlossene Wolkendecke, aber hier und dort schimmern blaue Flecken durch.
Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn.

Von Stockholm nach Narvik: Eine lange, lange Eisenbahnfahrt…

In Umea werde ich wach. Es ist etwa viertel vor sieben. Habe wunderbar tief und fest geschlafen im Nachtzug, kein bisschen Hangover oder Übernächtigt. In Umea regnet es. Bleigrauer Himmel und Nieselregen. Ich reibe mir die Augen, stehe auf, trete auf den Bahnsteig hinaus: ein langer, befestigter und überdachter Bahnsteig. Ein Abfertigungsgebäude aus roten Ziegeln. Ein größerer Platz mit einer Art Denkmal drauf, halbrund, davor eine Straße. Ein Halbrund aus vielleicht drei- bis vierstöckigen Gebäuden um diesen Platz herum, in der Mitte unterbrochen durch eine Allee.
Der Zug hält ziemlich lange. Es ist kühl, die Einheimischen und die Reisenden haben Jacken an. Ich ziehe mich noch einmal in mein Schlafwagenbett zurück und schlafe eine Stunde bis zum nächsten Halt um 8 Uhr: Achthundertirgendwas Kilometer von Stockholm, einhundertsechzig Meter Seehöhe. Ich gehe durch den Zug, finde den Speisewagen, wo es nach Kaffee duftet.
Es duftet nach Kaffee. Es gibt abgepackte Sandwiches und Kaffee – ein abgepacktes Kanelbullar und ein Pappbecherkaffee kosten dreißig Kronen. Der Mann hinter dem Tresen kann auf meinen Fünfhundert-Kronen-Schein nicht herausgeben, auf meinen Zehn-Euro-Schein kriege ich dreißig Kronen raus. Auf dem Kassenzettel sehe ich, dass ein Euro wohl acht Kronen wert ist, Öre werden abgerundet.
Ich trinke meinen Kaffee zwischen übernächtigten Gesichtern.
Draußen ist die Wolkendecke längst aufgerissen, die Sonne steht hoch am blauen Himmel über endlosen Birken- und Nadelwäldern und Seen.
Nächster Halt um viertel vor neun: Bastuträsk, 965 KM von Stockholm, 264 Meter über dem Meer. Dahinter noch mehr Wälder, Seen, blauer Himmel und freundlich-weiße Wölkchen. Bin ich schon am Polarkreis?
Ich hole mir einen zweiten Kaffee, man kann sich den Becher nämlich einmal kostenlos wieder auffüllen lassen. Die Dusche im Zug ist blitzsauber und es gibt einen Stapel frischer Handtücher. Ich fühle mich fit und bin wirklich kein bisschen übernächtigt – okay, vielleicht ein ganz kleines bisschen, aber das Adrenalin hält mich wach.
Um elf Uhr muss ich umsteigen. Ich bin erstaunt: Boden ist ja eine richtige Stadt, mit Straßen, Brücken, und mehrstöckigen Wohnhäusern mit verglasten Balkonen.
Der Zug aus Stockholm muss rangieren, die Lokomotive wird umgesetzt.
Der Anschlusszug nach Narvik besteht aus nur drei Wagons. Im mittleren Wagon ist ein Bistro-Schalter. Der Zug ist gut besetzt: Familien mit Kindern, eine Frau mit Hund, ein Grüppchen von Leuten, die sich auf englisch unterhalten, teils mit amerikanischem, teils mit britischem Akzent, es können aber auch Kanadier oder Neuseeländer sein. Sie haben schwere Wanderrucksäcke dabei.
Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger hoch werden die Bäume, zwischendurch finden sich auch Gras- und Strauchflächen. Bei Galiväre sieht man zum ersten Mal großflächige Schneereste auf einem Bergrücken.
Dahinter wird die Landschaft flach bis wellig, zwischendurch sumpfig mit Seen und Schilf am Ufer. Ich schlafe ein, werde wach und hole mir einen weiteren Kaffee. In Kiruna regnet es. Der Zug rangiert zwischen Erzwagons und Abraumhalden. Dahinter kommen Berge, richtige zackige Berge mit Felsen und schneebedeckt. Hier gibt es auch keine dichten Wälder mehr, nur Tundra, Sumpf und lichtes Birkengestrüpp, dann ein langer, langer See.
Nächster Halt Abisko Östra, kaum zu glauben, dass hier irgendwo Menschen leben. Die junge Frau zieht ihre Outdoor-Jacke an, setzt den Rucksack auf und steigt aus. Dann überquert der Zug die Grenze nach Norwegen und dahinter…. einfach nur Wow!
Tief unten taucht das Wasser des Fjordes auf, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee und Wasserfälle stürzen die Felsen herab.
Der Zug schraubt sich langsam hinunter und dann gibt es auch wieder Wald und eine Stunde später bin ich in Narvik.
Angekommen.
Am nördlichsten Bahnhof Europas.