Isole di Tremiti

Als ich nach dem Aufwachen aus dem Fenster schaue, regnet es. Es hat wohl die ganze Nacht geregnet. Auf dem Weg zum Hafen nieselt es nur noch, und es ist ein warmer Sommerregen.
Das kleine Boot pflügt in einem derartigen Affenzahn über das Meer, dass man schon einen sehr guten Magen braucht um nicht seekrank zu werden. Ich schließe die Augen, schlafe ein, döse die Küste entlang und über das offene Meer. Irgendwann wage ich mich nach draußen aufs Deck – und, o Wunder, die Wolken sind weg, die Sonne strahlt und links voraus kann man schon die Inseln sehen. Nach zwei Stunden ist die kleine Insel San Nicola erreicht und der Himmel auch wieder so blau, wie sich das für diese Jahreszeit in dieser Gegend gehört.
Blick aus dem Fenster: Da prescht ein Schlauchboot mit Außenbordmotor vorbei und der Skipper scheint nicht zu merken, dass sich ein Stapel Papiere selbsttändig macht und über das Wasser verteilt. Zur anderen Seite eine kleine Hafenmole, dahinter ein Restaurant. Im Obergeschoss residiert die Guardia die Finanza.
„Willkommen am Nabel der Welt!‟ steht auf einer Tafel an der Hafenmauer.
Ein Cappuccino im Stehen.
Die Dame hinterm Tresen erklärt einem italienischen Touristen, was es hier auf der Insel so zu sehen gibt.
Der einzige Weg führt durch einen Tor steil bergauf zwischen dicken Mauern hinauf in die ehemalige Festung, die früher einmal eine Art Strafkolonie war. Heute ist hier eine freundliche kleine palmengesäumte Piazza mit Läden, Cafés, dem Rathaus und zwei oder drei Pensionen. Eine Freitreppe führt hinauf zur Kirche. Links daneben ist ein Kreuzgang und dahinter wieder dicke Festungsmauern. Ein Pfad führt über einen schmalen Grat – rechts und links fallen die Felsen fast senkrecht zum Meer hin ab – zum hinteren, unbewohnten Teil der Insel, hier gibt es nur sonnendurchglühtes Grasland, Gestrüpp und eine militärische Antennenanlage.
Also schnell wieder zurück, zum Hafen hinunter, wo das offene Ausflugsboot wartet. Einmal um die beiden bewohnten Inseln herum, an lauschigen Buchten und Felsen vorbei, in eine Grotte hinein und dann Badepause vor der unbewohnten dritten Insel Capraia. Hier soll es auf dem Meeresboden eine versenkte Heiligenstatue geben.
Ankunft auf San Dominio, der zweiten, größeren bewohnten Insel. Hier gibt es duftende Pinienwälder, ein kleines Dorf mit einer handvoll Restaurants, Hotels und Pensionen und immer wieder einen herrlichen Blick auf das tiefblaue oder türkisgrüne Meer.
Kurze Überfahrt zurück nach San Nicola, im Hafencafé noch etwas getrunken und dann eine schaufelige Rückfahrt zum Festland.

Regen in Peschici

Es regnet.
Seit gestern Abend. Die ganze Nacht lang. Wie kann das sein?
„Die wenigen Niederschläge fallen in dieser Region weitgehend ausschließlich im Herbst und Winter.“, so heißt es im Reiseführer. Und auf Wikipedia, wobei man sich fragt, wer wohl von wem abgeschrieben hat. Jedenfalls hatten sie Unrecht: Es regnet, ununterbrochen, seit mindestens zehn Stunden schon und die weiße Stadt ist grau geworden.
Grau ist auch das Meer, leicht gekräuselt, wie gestern. In Regenjacken verpackt stapfen wir zum Hafen, wo unser Schiff wartet…

Peschici: die weiße Stadt am Meer

Ein Haufen weißer Häuserwürfel auf einem Felsenkamm, der die Bucht überragt.
Nicht so makellos weißgetüncht wie anderswo, keine markanten Bauwerke, die aus dem Würfelhaufen herausragen würden.
Mit dem Auto fährt man eine Serpentinenstraße hinauf. Zu Fuß kann man die Treppen nehmen.
Oben angekommen erreicht man ein Gewusel von engen Gässchen. Nichts Besonderes auf den ersten Blick.

Peschici: Wie der Strand funktioniert

Heute gibt’s Wellen. Die sind zwar ganz zahm, kein Surfer würde sich die die Mühe machen, sein Gerät auszupacken und in anderen Gefilden täte man das Ganze als leichtes Gekräusel ab – hier und jetzt aber ist die Situation so ernst, dass an den Hochsitzen der Strandwächter die rote Flagge gehisst wird.
Die Badegäste halten sich dran. Fast alle. Wer doch reinhupft, der hat heute das ganze Meer für sich allein.
Der Rest bleibt brav auf den Liegen unter gelb-roten oder blau-weißen Sonnenschirmchen oder auf anarchisch ausgebreiteten Strandlaken in der umparzellierten Zone. Da haben sich auch die die afrikanischen Händler niedergelassen: Frisch vom Badetuch gibt es Handtaschen, Turnschuhe, Uhren und frischgepresstes extra-jungfräuliches Olivenöl zu kaufen. Für Letzteres werden nur Bestellungen entgegengenommen, geliefert wird dann direkt zum Hotel.
In Badehose vorbei an schwer arbeitenden Gemüsearbeitern durch den verbotenen Gemüsegarten zu laufen erschien mir doch ein wenig unpassend – stattdessen durchquere ich das parzellierte Areal exakt an der Grenze zwischen der blauweißen und rotgelben Zone, bereit, jederzeit ins Ausland überzuwechseln, falls ich angesprochen werden sollte, aber es interessiert sich zum Glück niemand für meine Grenzverletzungen.
Die vordersten fünf Meter – direkt am Wasser – sind übrigens so eine Art internationale Zone. Da darf man unbehelligt entlangflanieren – oder den Einwohnern aller Zonen vom handgezogenen Wagen herab bunte Tücher und anderen Schnickschnack verkaufen.
Zum Schwimmen zieht man sich dann besser doch wieder an den Hotelpool zurück.

Peschici: Wo ist das Meer?

Aufwachen, frühstücken, und dann ab in den Pool.
Das Wasser ist kühl, der Himmel blau – und das Meer nur einen Steinwurf entfernt. Raus aus dem Pool, das Hotelgelände durch den Hintereingang verlassen und keine hundert Meter weiter, am Ende des asphaltierten Weges beginnt der Strand. Also, schwupps, und… wenn das mal so einfach wäre!
Strände sind in diesem Land streng parzelliert. Links von mir stehen lauter gelbrotgestreifte Sonnenschirmchen akkurat in Reih und Glied vor roten und gelben Sonnenliegen. Den Eingang zum gelbroten Reich ziert ein fröhlicher Torbogen. Eine Reihe von Pfosten markiert die Grenze. Unmittelbar dahinter regieren die blauweißen Schirmchen, ebenso akkurat platziert und das weißblaue Tor wird von einem Zerberus bewacht, begleitet von einem Schild, welches eindeutig klarstellt, dass Personen, die nicht zum weißblauen oder zum rotgelben Kundenkreis gehören hier nichts verloren haben.
Etwa hundert Meter weiter ist ein Streifen sonnenschirmlosen Strandes. Aber wie hinkommen, ohne das weißblaue oder rotgelbe Territorium zu durchqueren? Zwischen dem sonnenschirmfreiem Strand und dem Rest der Welt ist eine Mauer. Darin ist ein Tor. Das steht offen. Hinter dem Tor ist ein Gemüsegarten, der sich bis zur Straße erstreckt. Da ist noch ein Tor. Daran ein Schild, welches sagt, dass es sich hier um Privatgelände handelt und der Durchgang strengstens verboten ist.
Was eine mit Strandutensilien bepackte Familie nicht daran hindert, erhobenen Kopfes hindurchzuschreiten. Dicht gefolgt von einem jungen Pärchen, einem älteren Paar, einer weiteren Familie und einem Herrn mit Hund.
Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich diese Regeln verstanden habe.

Peschici auf dem Gargano: ein erster Eindruck

Viereinhalb Stunden im klimatisierten Schnellzug an der Küste entlang.
Eine Stunde glühende Mittagshitze in der blitzsauberen menschenleeren Station im Nirgendwo.
Eine Stunde im bummeligen Bummelzug. Und dann geht’s weiter per Bus.
Endlich angekommen.

Ein Abend in Rimini

Der Zug, der uns aus den Bergen hinausführt, hat Verspätung.
Beim Umsteigen in Bologna ist natürlich der Anschluss weg. Auf dem wuseligen Bahnhof ist es südländisch-sommerlich heiß. Eine Dreiviertelstunde bis zum nächsten Zug und eine weitere Dreiviertelstunde im klimatisierten Schnellzug.
Rimini ist ganz anders als das, was man sich darunter vorstellt. Ehrlich gesagt, habe ich mir gar nichts vorgestellt. Oder vielleicht doch? Die Urlauber, die vor fünfzig Jahren schon hier waren, kommen immer noch her, mit Rollator, Rollstuhl und Elektro-Scooter. In der Innenstadt gibt es einen zweitausend Jahre alten Torbogen, eine ebenso alte Brücke, über die heute noch Autos donnern und noch weitere Baudenkmäler aus dieser Zeit. Dazwischen Kirchen und Paläste – es ist eine sehr alte Stadt, was schon Wikipedia weiß, aber das Stadtbild ist ein bisschen uneinheitlich, unaufgeräumt und durcheinander. Auf der großen Piazza flanieren überwiegend Einheimische.
Am Flüsschen entlang gelangt man zum Meer.
Als die Sonne untergeht, ist es immer noch warm.

Aufbruchsmorgen in Trient

Die Sonne strahlt vom wolkenlos blauen Himmel und die Berge strahlen zurück.
Es ist gar nicht so leicht, ein passendes Café zum Frühstücken zu finden: Lokale gibt’s genug. Auch in den Restaurants und den Bier- und Weinbars bekommt man morgens seinen Kaffee. Die Auswahl fällt schwer. Die Kunst besteht darin, es so zu machen wie die Einheimischen: ein Cappuccino und eines jener pappsüß überzuckerten mit Vanille- oder Schokoladensoße gefüllten Croissants am Tresen im Stehen zu sich zu nehmen – und dabei nicht zu krümeln.
Die Straßen sind belebt. Auf dem Markt wird verkauft, Arbeiter arbeiten, Geschäftsleute telefonieren und Touristen pilgern zur Burg, die wir auf dem Weg zum Bahnhof fast zufällig entdecken.

Der zweite Abend in Trient: Die Kunst des Aperitivo

Mildes, goldenes Abendlicht in der Stadt. Die Piazza sieht von jeder Seite aus anders aus. Die Straßen sind voller fröhlicher junger, junggebliebener und nicht ganz so junger Leute, es geht ums Sehen und gesehen werden.
Im Café am Dom ist Happy Hour. Ich ordere einen Aperol Spritz. Dazu gibt es pikant gewürzte Kartoffelecken. Anderswo gibt es zum Drink kleine Canapés, oder Oliven, Chips und Knabberzeug. Es macht Spaß, Leute zu beobachten.

Von Trient ins Nonstal

In einer Viertelstunde geht der Zug. Aber von wo? In den Fahrplänen am Bahnhof ist er nicht zu entdecken, im Internet genausowenig, und es dauert eine Weile bis wir herausfinden, dass sich am nördlichen Ende des Bahnhofes noch ein kleiner Extra-Bahnhof befindet, mit eigener Bahnhofshalle, zwei blitzsauberen Bahnsteigen und modernen Elektrotriebwagenzügen, in denen es sogar Wlan gibt. Nur Ticketautomaten sind nirgens zu sehen, man muss ganz altmodisch an den Schalter.
Das Bähnchen zockelt los, zunächst durch Vororte, dann weitläufige Obstplantagen, schließlich biegt es in das enge Seitental ein, durch eine Schlucht und dann spektakulär am Hang entlang hinauf in das Hochtal, am Stausee vorbei, durch weitere Obstplantagen, Wald und Berglandschaften zur Endstation Malé.
Wo sind wir hier?
Das Bergdorf ist in der Mittagszeit wie ausgestorben. Die Läden sind geschlossen. Es gibt zwei Kirchen und zwei Cafés und drumherum eine Menge Wald, Fels und schneebedeckte Gipfel.
Wir fahren mit dem nächsten Zug ein paar Stationen zurück nach Clés. Der Ort wirkt viel städtischer. Auf dem Markt gibt es billige Kleidung aus China und alles, was man sonst noch zum Leben braucht. Eine Seitenstraße führt aus dem Städtchen hinaus in die Obsthaine und weiter zu der Burg, die den oberen Teil des Tales bewacht.

ein Abend in Trient

Erster Spaziergang in die Stadt. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Die Straßen sind blitzsauber, es gibt Durchgänge mit Innenhöfen und schließlich landet man auf einer Prachtstraße, die auf den Dom zuführt.
Davor eine Piazza mit einem Brunnen, an der Seite mehrere Cafés. Also Zeit für einen Espresso – natürlich im Stehen an der Bar. Und jetzt noch ein Mineralwasser dazu. Wie ordert man das korrekt auf italienisch? Kann man sich einfach so in der Kühlvitrine bedienen?
Draußen regnet es wieder ganz leicht und die Flaneure packen Regenschirme aus.
Zeit fürs Abendessen. Restaurants gibt es genug: schicke und teure Restaurants, Restaurants ohne Speisekarte und einfache Pizzerien. Die italienische Kunst des Aperitif-Nehmens muss man noch lernen. Und zum Nachtisch ein Eis – da kann man nichts falsch machen in diesem Land. Den Blick über die Piazza und den Neptun-Brunnen, über die bunten Gebäude hinweg auf die Berge gibt es gratis dazu.

über den Brenner nach Trient

Ein kühler Morgen dämmert herauf.
Es ist nicht mehr Sommer und noch nicht Herbst. Sonntagmorgen: in den Straßen ist es feierlich-still, nur am Bahnhof ein bisschen Leben. Immerhin, die Bäckerei ist geöffnet und es gibt Kaffee und Brezeln.
Der Regionalzug steht bereit und zockelt pünktlich los.
Nebelfetzen über den Wiesen.
In München steigen wir in den Eurocity, der uns auf die andere Seite der Alpen bringen wird. Der Zug ist brechend voll. Reisende granteln einander an, schieben voluminöse Koffer durch die Gänge und streiten darüber, wer wem aus dem Weg zu gehen hat. Es geht los. Draußen Nieselregen. Pfützen auf den Wiesen. Dramatisch dunkle Wolken und Nebelfetzen, die durch die Täler wabern. An der Grenze steigt die Schulklasse aus, von hier an wird es allmählich leerer. Der Zug schraubt sich die Berge hinauf.
Am Brenner haben wir eine knappe Viertelstunde Aufenthalt. Am Bahnsteig stehen Polizisten. Ich steige aus, um mir die Füße zu vertreten. Rein theoretisch hätte ich sogar Zeit für einen Espresso.
Dann geht es weiter, ab Bozen ist der Himmel hin und wieder blau, aber beim Aussteigen in Trient nieselregnet es wieder.
Immerhin: ein freundlicher, warmer Sommernieselregen…