Juni 2014: Kurztrip nach Schweden und Norwegen zur Mitternachtssonne

Juni 2014: Kurztrip zur Mitternachtssonne:

  • Ich habe eine Woche Zeit. In Deutschland beginnt der Sommer. In den Süden will ich nicht. Im Norden war ich noch nie (…also noch fast nie: abgesehen von einem kurzen Abstecher nach Malmö). Plötzlich habe ich die fixe Idee: Ich will in die Mitternachtssonne. Mit dem Zug fahre ich bis Narvik, wo ich dann zwei Tage lang Zeit habe, per Mietwagen die Lofoten zu erkunden, bevor es dann über Kiruna und Stockholm wieder heimwärts geht…

Die Route:

Henningsvaer, Lofoten: ….und dann bricht die Sonne durch!

Ich fahre über eine kurvige Küstenstraße und hinter jeder Biegung offenbaren sich neue Ausblicke, eine spektakulärer als der Anderer. Henningsvaer liegt auf einer vorgelagerten Insel und ist mit der Hauptinsel über mehrere Brücken verbunden: ein wunderschöner Ort aus bunten Holzhäuschen, Boote tuckern über das Wasser, hohes Gras und Wildblumen wachsen in den Gärten.
Und plötzlich ist der Himmel strahlend blau und das Licht so wunderbar-golden-kitschig, dass einem die Worte fehlen.
Am Südende der Insel stehen Stockfisch-Trockengerüste mit Fischen darauf, es erinnert an Hopfen-Gestelle oder Weinbau und plötzlich wirkt alles so südländisch-heiter obwohl ich so weit hoch im Norden bin wie nie zuvor.
Am Dorfplatz trinke ich einen Kaffee. Es ist warm und alles ist einfach nur perfekt.

Zur Mitternachtssonne nach Narvik

Ich habe zwei Nächte und zwei Tage in Zügen verbracht um zur Mitternachtssonne zu gelangen.
Die letzte Stunde der Bahnfahrt ist einfach nur…. wow! Mir fehlen im Moment noch die Worte. Unten der Fjord, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee drauf… leider kein blauer Himmel, sondern eher bedeckt, bewölkt, aber doch irgendwie mild, vielleicht so wie bei uns im März. Ich kann gar nicht aufhören mit dem fotographieren, stehe mit gezückter Kamera am Zugfenster und knipse pausenlos hinaus…. man kann einfach so drauflos knipsen, es wird immer etwas.
Man nehme eine Berglandschaft wie Österreich, die Schweiz oder Südtirol, mache die Berge ein bisschen kleiner und nicht ganz so spitz und verlege das Ganze ans Meer. So einfach ist das.
In Narvik gibt es eine Seilbahn und eine Skipiste, nicht ungewöhnlich, Schnee gibt’s hier schließlich genug im Winter, aber was mir nicht bewusst war ist, dass man beim Skifahren hinaus auf das Meer schauen kann. Und ein bisschen Schnee liegt auch jetzt noch da.
Mitternachtssonne fühlt sich an wie ein früher Morgen im April: Frisch. Nicht warm, nicht kalt, kühl, und vor allem frisch. Lebendig. Die Stille. Das Vogelzwitschern. Das Licht… ein bisschen blauer Himmel ist da, überwiegend bewölkt, überwiegend fast geschlossene Wolkendecke, aber hier und dort schimmern blaue Flecken durch.
Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn.

Von Stockholm nach Narvik: Eine lange, lange Eisenbahnfahrt…

In Umea werde ich wach. Es ist etwa viertel vor sieben. Habe wunderbar tief und fest geschlafen im Nachtzug, kein bisschen Hangover oder Übernächtigt. In Umea regnet es. Bleigrauer Himmel und Nieselregen. Ich reibe mir die Augen, stehe auf, trete auf den Bahnsteig hinaus: ein langer, befestigter und überdachter Bahnsteig. Ein Abfertigungsgebäude aus roten Ziegeln. Ein größerer Platz mit einer Art Denkmal drauf, halbrund, davor eine Straße. Ein Halbrund aus vielleicht drei- bis vierstöckigen Gebäuden um diesen Platz herum, in der Mitte unterbrochen durch eine Allee.
Der Zug hält ziemlich lange. Es ist kühl, die Einheimischen und die Reisenden haben Jacken an. Ich ziehe mich noch einmal in mein Schlafwagenbett zurück und schlafe eine Stunde bis zum nächsten Halt um 8 Uhr: Achthundertirgendwas Kilometer von Stockholm, einhundertsechzig Meter Seehöhe. Ich gehe durch den Zug, finde den Speisewagen, wo es nach Kaffee duftet.
Es duftet nach Kaffee. Es gibt abgepackte Sandwiches und Kaffee – ein abgepacktes Kanelbullar und ein Pappbecherkaffee kosten dreißig Kronen. Der Mann hinter dem Tresen kann auf meinen Fünfhundert-Kronen-Schein nicht herausgeben, auf meinen Zehn-Euro-Schein kriege ich dreißig Kronen raus. Auf dem Kassenzettel sehe ich, dass ein Euro wohl acht Kronen wert ist, Öre werden abgerundet.
Ich trinke meinen Kaffee zwischen übernächtigten Gesichtern.
Draußen ist die Wolkendecke längst aufgerissen, die Sonne steht hoch am blauen Himmel über endlosen Birken- und Nadelwäldern und Seen.
Nächster Halt um viertel vor neun: Bastuträsk, 965 KM von Stockholm, 264 Meter über dem Meer. Dahinter noch mehr Wälder, Seen, blauer Himmel und freundlich-weiße Wölkchen. Bin ich schon am Polarkreis?
Ich hole mir einen zweiten Kaffee, man kann sich den Becher nämlich einmal kostenlos wieder auffüllen lassen. Die Dusche im Zug ist blitzsauber und es gibt einen Stapel frischer Handtücher. Ich fühle mich fit und bin wirklich kein bisschen übernächtigt – okay, vielleicht ein ganz kleines bisschen, aber das Adrenalin hält mich wach.
Um elf Uhr muss ich umsteigen. Ich bin erstaunt: Boden ist ja eine richtige Stadt, mit Straßen, Brücken, und mehrstöckigen Wohnhäusern mit verglasten Balkonen.
Der Zug aus Stockholm muss rangieren, die Lokomotive wird umgesetzt.
Der Anschlusszug nach Narvik besteht aus nur drei Wagons. Im mittleren Wagon ist ein Bistro-Schalter. Der Zug ist gut besetzt: Familien mit Kindern, eine Frau mit Hund, ein Grüppchen von Leuten, die sich auf englisch unterhalten, teils mit amerikanischem, teils mit britischem Akzent, es können aber auch Kanadier oder Neuseeländer sein. Sie haben schwere Wanderrucksäcke dabei.
Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger hoch werden die Bäume, zwischendurch finden sich auch Gras- und Strauchflächen. Bei Galiväre sieht man zum ersten Mal großflächige Schneereste auf einem Bergrücken.
Dahinter wird die Landschaft flach bis wellig, zwischendurch sumpfig mit Seen und Schilf am Ufer. Ich schlafe ein, werde wach und hole mir einen weiteren Kaffee. In Kiruna regnet es. Der Zug rangiert zwischen Erzwagons und Abraumhalden. Dahinter kommen Berge, richtige zackige Berge mit Felsen und schneebedeckt. Hier gibt es auch keine dichten Wälder mehr, nur Tundra, Sumpf und lichtes Birkengestrüpp, dann ein langer, langer See.
Nächster Halt Abisko Östra, kaum zu glauben, dass hier irgendwo Menschen leben. Die junge Frau zieht ihre Outdoor-Jacke an, setzt den Rucksack auf und steigt aus. Dann überquert der Zug die Grenze nach Norwegen und dahinter…. einfach nur Wow!
Tief unten taucht das Wasser des Fjordes auf, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee und Wasserfälle stürzen die Felsen herab.
Der Zug schraubt sich langsam hinunter und dann gibt es auch wieder Wald und eine Stunde später bin ich in Narvik.
Angekommen.
Am nördlichsten Bahnhof Europas.

Mit dem Zug auf die Fähre

Der winzigkurze Spielzeugzug dieselt los, von Hamburg über Lübeck und dann an der Ostseeküste entlang. Die Gegend ist aufgeräumt und unaufgeregt. Grau der Himmel, grün das Land. Dann der Fehmarnsund: Wasser links, Wasser rechts, Damm, Brücke, Straße nebenan, eine Küste nicht ganz so langweilig wie die Wattenmeer-Nordseeküste. Fehmarn wieder ist vor allem flach. Der Bahnhof Puttgarden eine große verlassene Gleisfläche mit Schienen, zwischen denen Gras und Sträucher wachsen. Nur zwei Bahnsteige sind noch in Betrieb, nach kurzem Halt geht es dann ganz langsam auf die Fähre.
An Bord steht der Zug zwischen Lastwagen und Bussen. Man steigt aus und geht nach oben. Die Fähre ist kleiner und gemütlicher als die England-Fähren, es gibt nur ein geschlossenes Deck mit Restaurants und dem obligatorischen Schnapsladen – fast normale deutsche Preise – und auf der Etage darüber einige offene Decks.
Es ist ungewöhnlich, Deutschland auf dem Seeweg zu verlassen.
Die Überfahrt dauert eine knappe Stunde.
Windrad-Parks im Meer. Reger Fährverkehr. Ankunft in Rodby, wieder in den Zug, der rollt ganz langsam an Land und aus dem Fährgelände in einen richtigen Bahnhof der auch einmal viel größer war, dann geht es weiter über flaches, grünes Land. Die Küstenlinie sieht anders aus als in Holland oder Belgien, vielleicht etwas, abwechslunsreicher, es gibt Wald und kein Wattenmeer.
Nyköping, der erste größere Ort könnte auch in Belgien sein.
Es geht auf die Hauptstrecke – die ist elektrifiziert – und um viertel nach zwölf bin ich in Kopenhagen.