Die lange, lange Fahrt von Stockholm nach Deutschland zurück

Gegen 5 Uhr klingelt das Handy mich in meinem Stockholmer Hotel aus dem kurzen Schlaf – da ist es schon seit mindestens zwei Stunden hell. Ich mache mich auf den kurzen Weg zum Bahnhof. Es ist mild, nicht warm, nicht kalt, aber der Himmel ist bedeckt. Am Bahnhof ist schon eine Menge los und der Zug nach Kopenhagen fährt pünktlich los. In der Ersten Klasse gibt es eine kleine Frühstücksbox mit zwei kleinen Scheiben Käse, Schinken, einem Joghurt und einem kleinen Becher Orangensaft und Einmalbesteck aus Holz. Dazu Kaffee und kleine, warme Brötchen. Ich bin müde aber trotzdem aufgedreht, lese und schaue aus dem Fenster: Wald, Felder, Seen, Orte, die Landschaft ist weitgehend flach bis wellig und kommt mir jetzt unspektakulär vor. Kaffee und Äpfel gibt es bis zum Abwinken. Ehe ich mich versehe, bin ich in Malmö: der unterirdische Bahnhof, dann die Öresundbrücke und kurz darauf Ankunft in Kopenhagen pünktlich auf die Minute.
Der Zug nach Hamburg steht direkt am Nebengleis und ist brechend voll: ein Diesel-ICE der dänischen Staatsbahn. Leute stehen mit Gepäck auf den Gängen, es gibt kein Durchkommen.
Fahrt durch Dänemark: hin und wieder ein Ort, Brücken über Meeresarme, Küstenlinie, ansonsten flaches, grünes Land.
Dann die Fähre. Ein deutlich größeres Schiff als bei der Hinfahrt, der Zug nimmt die gesamte Länge des Schiffes ein. Enge Stiegen nach oben. Draußen regnet es. Auf dem oberen Deck – dem einzigen Ort, wo man sitzen kann ohne etwas verzehren zu müssen – sind fast alle Tische und Stühle besetzt. Auf den anderen Decks gibt es ein All-you-can-eat-Buffet für 18 Euro oder Wurst in allen Variationen, Pommes, Kaffee und den üblichen Süßkram. Der Regen lässt nach, ich gehe nach draußen und schaue beim Anlegen zu, die vordere Klappe wird geöffnet und dann darf man auch wieder hinunter in den Zug.
Der Zug rollt langsam an Land, rollt in den Bahnhof Putgarden (der keine hundert Meter vom Anleger entfernt liegt) und ich bin wieder in Deutschland.

Stockholm… zusammenfassende Eindrücke

So, über Stockholm dämmert die Nach-Mittsommernacht. Dämmert noch oder dämmert schon? Ich sitze am geöffneten Fenster im fünften Stock, vor mir ein großes Wohnhaus mit Türmchen und einer Dachkonstruktion, auf der ich mir sehr gut das Häuschen von Kalle Blomquist vorstellen könnte. Unten steht knutschend ein Paar. Autos fahren vorbei, ab und zu auch ein Bus, der 53er, in Richtung Sergels torg. Ab und zu hört man auch das Quietschen von Zügen im nahen Hauptbahnhof.
Ich bin noch einmal durch die Stadt gegangen, einmal die Drottninggatan lang bis über die Brücke und dann ein wenig durch die Gamla Stan: deutsche Kirche und Stortorget, dann langsam wieder zurück. Kneipen mit Türstehern, aufgebrezelte Jugendliche – nicht so besoffen und nicht so aufdringlich rüde wie in England -, eigentlich viel ruhiger und gesitteter als in England und vor allem viel, viel ruhiger als in Deutschland. Aus einigen Lokalen hört man Musik.
Bin dann wieder zurück zum Hotel…. und muss ja in vier Stunden schon wieder raus. Trinke jetzt also noch mein Post-Mitternachtssonnen-Bier, Koffer ist fertig gepackt, Wecker gestellt und ich bin gespannt auf die Rückreise nach Deutschland.
Eigentlich war Stockholm ja nur so ein Zwischenstop, es lag halt zufällig auf dem Weg…. eine Stadt, über die ich bis vorgestern annähernd gar nichts wusste, abgesehen von den üblichen Vorurteilen: Kötbullar, Kalle Blomquist und Ikea.
Was weiß ich jetzt? Man zieht ja gerne Vergleiche. Mein erster Vergleich war: Hamburg. Also viel Wasser und viele großartigen Gebäude. Hamburg hat einen größeren Hafen, mehr (sichtbare) Industrie, weniger Hügel und liegt nicht ganz so dicht am Wasser. Außerdem hat es keine gut erhaltene Altstadt. Mein zweiter Vergleich war dann: Wien. Warum Wien? Es liegt ebenfalls am Wasser und es hat einen „Schwedenplatz“, das ist der Platz, wo das Nachtleben tobt und von wo aus man über Kopfsteingepflasterten Gassen in die Altstadt gelangt – wie in die Gamla Stan. Außerdem hat Wien eine lange monarchistische Tradition mit entsprechenden Gebäuden. Ach ja, und einen Prater gibt es in Stockholm auch, der nennt sich Gröna Lund. Aber da hören die Gemeinsamkeiten dann auch schon auf. Ja. Dann gibt es hier noch einen Prachtboulevard am Ufer und ganz viele Schiffe und Boote. Da wäre dann ein Vergleich mit Kopenhagen angesagt – aber das habe ich ja auch erst vor einer Woche kennen gelernt…..

Ausflug nach Nynäshamn

Die Sonne scheint, ich will raus aus der Stadt und nehme die U-Bahn zu einer Endstation die Irgendwas-Strand heißt, aber das ist nur ein langweiliges Neubauviertel mit Hochhäusern, einer Imbissbude und einem Zeitungskiosk. Wo bin ich hier? Wo ist der Strand? Man kann in eine Art S-Bahn umsteigen, deren Endstation hört mit -hamn auf und auf dem Linienplan ist das Symbol für eine Fähre, also muss da wohl Wasser sein.
Eine Bahn kommt – ich darf sie mit meiner 24-Stunden-Chipkarte nutzen – und die Fahrt dauert ziemlich lange. Kurz vor der Endstation kommt ein Schaffner mit einem elektronischen Chipkartenlesegerät.
Ankunft in Nynäshamn: Es gibt Wasser und eine Uferpromenade mit netten Lokalen. Im Wasser viele, viele Segelboote und irgendwo weiter hinten ragt ein riesengroßes Fährschiff hervor, das fährt wohl nach Gotland. Der Blick aufs offene Meer ist durch eine langgezogene Insel versperrt.
Ich gehe am Ufer entlang, nach Süden, Stadtauswärts und gelange über eine Brücke auf eine andere vorgelagerte Inseln mit Villen und exklusiven Hotels – aber der Weg ist eine Sackgasse. Also wieder zurück aufs Festland, wo es einen schönen, asphaltierten Uferweg gibt. Figurbewusste Joggerinnen kommen mir entgegen. Ich gehe weiter und bald schaut man auf offenes Wasser, am Ufer Holzhäuschen und rundgeschliffene Felsen, wie man sie in Schweden nicht anders erwartet…

Stockholm, Gamla Stan

Ich biege ab in die Gamla Stan, die Altstadt.
Kopfsteinpflastergassen und alte Häuser. Das gibt’s auch in Deutschland, aber… Moment! Dies ist kein verschnarchtes Dinkelsbühl, ich befinde mich in einer Großstadt, einer Hauptstadt, einer Metropole, die im in einer Großstadt, die im Krieg nicht bombardiert wurde. Hier gibt es enge Gassen, Kirchen, Cafes, Kneipen, Läden, Restaurants, Touristen, und jede Menge Fotogelegenheiten, mit Weitwinkel und hochkant.

Angekommen in Stockholm

Was ist Stockholm? Erste Eindrücke: Ein großer, belebter Bahnhof, sauber, ordentlich, alles funktioniert.
Ankunft aus dem hohen Norden, morgens um halb zehn: Die Sonne scheint. Eine breite Straße, großzügige Gebäude, Cafes…. das könnte auch Italien sein, oder? Erst später wird mir bewusst: der Verkehr ist angenehm ruhig – für Großstadtverhältnisse – weniger Lärm und Gestank. Die Café- und Hamburger-Ketten sehen aus wie überall. In einer einheimischen Burger-Kette bestellt man an Terminals auf einem Touchscreen und bezahlt ausschließlich mit Karte.
Auch das Einchecken im Hotel geht vollautomatisch – und funktioniert natürlich nicht, aber es gibt freundliche Menschen, die helfen. Alle sind sie hilfsbereit, von der Kellnerin die mir Kaffee anbietet (obwohl es gar keinen gibt) bis zu dem Menschen an der Hotline.
Für die U-Bahn benötigt man eine Chip-Karte oder man lässt sich das Ticket per SMS aufs Handy schicken. Ich erwerbe eine solche Karte für 20 Kronen, lasse mir ein 24-Stunden-Ticket darauf buchen und jetzt bin ich mobil.
Die U-Bahn Station sieht unten aus wie eine Grotte mit bunt bemalten Felswände. Ich nehme die nächste Bahn, fahre eine Station, trete ins Freie, und… Wow!
Prächtige Gebäude, Grünanlagen mit blühenden Blumen, blauer Himmel, überall Wasser, Brücken und Boote und alles ist wunderbar bunt. Da ist das Parlament, die Oper, das Theater und immer wieder Wasser.
Ein bisschen wie Hamburg, nur größer und prächtiger.

Von Kiruna nach Stockholm: Noch eine lange, lange Bahnfahrt

Pünktlich um vier fährt der Zug in Kiruna los, fährt durch endlose Kiefernwälder unter einem blauweißem Himmel mit freundlicher Polarsommersonne. Ist das jetzt Abend, Mittag oder Nachmittag? Irgendwann, irgendwo überquere ich wohl den Polarkreis wieder in umgekehrte Richtung, dann verziehe ich mich auf einen Kaffee in den gemütlich-plüschigen Speisewagen und schaue mir all die fünfhundert Bilder an, die ich in Norwegen gemacht habe.
Gegen halb acht sind wir in Boden, da musste ich bei der Hinfahrt umsteigen, jetzt wird rangiert. Ein paar Wagons nach Lulea werden abgekoppelt und neue Wagons nach Stuttgart werden angekoppelt. Draußen strahlende Sonne und ein paar Wölkchen… auch um zehn Uhr abends strahlt die Sonne noch, dabei sind wir doch schon deutlich südlich vom Polarkreis, wird es denn auch hier nicht dunkel?
Mit mir im Abteil sind ein Syrer – vielleicht mein Alter – der kein Wort englisch spricht und eine komplett schwarz gekleidete Bosnierin mit Kopftuch, die zwar fließend bosnisch, serbisch, türkisch, albanisch und arabisch spricht – ihr Vater war Syrer – aber ebenfalls so gut wie kein Wort deutsch oder englisch. Wir kommunizieren also mit Händen und Füßen.
In Umea hält der Zug fast einehalbe Stunde lang. Gelegenheit um auszusteigen und ein wenig auf dem Bahnsteig auf und ab zu gehen. Meine beiden Abteilgenossen rauchen eine Zigarette. Es ist ein bisschen abenddämmerig, aber immer noch nicht dunkel.
Kurz vor Mitternacht geht es weiter. Draußen wird es mit jeder Minute wieder heller, und die beiden unterhalten sich noch lange auf arabisch während ich versuche, zu schlafen.
In Uppsala stehe ich auf. Es ist inzwischen halb neun. Draußen blauer Himmel und strahlend schönstes Sommerwetter. Ab in den Speisewagen und einen Kaffee zum wach werden.

Von Stockholm nach Narvik: Eine lange, lange Eisenbahnfahrt…

In Umea werde ich wach. Es ist etwa viertel vor sieben. Habe wunderbar tief und fest geschlafen im Nachtzug, kein bisschen Hangover oder Übernächtigt. In Umea regnet es. Bleigrauer Himmel und Nieselregen. Ich reibe mir die Augen, stehe auf, trete auf den Bahnsteig hinaus: ein langer, befestigter und überdachter Bahnsteig. Ein Abfertigungsgebäude aus roten Ziegeln. Ein größerer Platz mit einer Art Denkmal drauf, halbrund, davor eine Straße. Ein Halbrund aus vielleicht drei- bis vierstöckigen Gebäuden um diesen Platz herum, in der Mitte unterbrochen durch eine Allee.
Der Zug hält ziemlich lange. Es ist kühl, die Einheimischen und die Reisenden haben Jacken an. Ich ziehe mich noch einmal in mein Schlafwagenbett zurück und schlafe eine Stunde bis zum nächsten Halt um 8 Uhr: Achthundertirgendwas Kilometer von Stockholm, einhundertsechzig Meter Seehöhe. Ich gehe durch den Zug, finde den Speisewagen, wo es nach Kaffee duftet.
Es duftet nach Kaffee. Es gibt abgepackte Sandwiches und Kaffee – ein abgepacktes Kanelbullar und ein Pappbecherkaffee kosten dreißig Kronen. Der Mann hinter dem Tresen kann auf meinen Fünfhundert-Kronen-Schein nicht herausgeben, auf meinen Zehn-Euro-Schein kriege ich dreißig Kronen raus. Auf dem Kassenzettel sehe ich, dass ein Euro wohl acht Kronen wert ist, Öre werden abgerundet.
Ich trinke meinen Kaffee zwischen übernächtigten Gesichtern.
Draußen ist die Wolkendecke längst aufgerissen, die Sonne steht hoch am blauen Himmel über endlosen Birken- und Nadelwäldern und Seen.
Nächster Halt um viertel vor neun: Bastuträsk, 965 KM von Stockholm, 264 Meter über dem Meer. Dahinter noch mehr Wälder, Seen, blauer Himmel und freundlich-weiße Wölkchen. Bin ich schon am Polarkreis?
Ich hole mir einen zweiten Kaffee, man kann sich den Becher nämlich einmal kostenlos wieder auffüllen lassen. Die Dusche im Zug ist blitzsauber und es gibt einen Stapel frischer Handtücher. Ich fühle mich fit und bin wirklich kein bisschen übernächtigt – okay, vielleicht ein ganz kleines bisschen, aber das Adrenalin hält mich wach.
Um elf Uhr muss ich umsteigen. Ich bin erstaunt: Boden ist ja eine richtige Stadt, mit Straßen, Brücken, und mehrstöckigen Wohnhäusern mit verglasten Balkonen.
Der Zug aus Stockholm muss rangieren, die Lokomotive wird umgesetzt.
Der Anschlusszug nach Narvik besteht aus nur drei Wagons. Im mittleren Wagon ist ein Bistro-Schalter. Der Zug ist gut besetzt: Familien mit Kindern, eine Frau mit Hund, ein Grüppchen von Leuten, die sich auf englisch unterhalten, teils mit amerikanischem, teils mit britischem Akzent, es können aber auch Kanadier oder Neuseeländer sein. Sie haben schwere Wanderrucksäcke dabei.
Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger hoch werden die Bäume, zwischendurch finden sich auch Gras- und Strauchflächen. Bei Galiväre sieht man zum ersten Mal großflächige Schneereste auf einem Bergrücken.
Dahinter wird die Landschaft flach bis wellig, zwischendurch sumpfig mit Seen und Schilf am Ufer. Ich schlafe ein, werde wach und hole mir einen weiteren Kaffee. In Kiruna regnet es. Der Zug rangiert zwischen Erzwagons und Abraumhalden. Dahinter kommen Berge, richtige zackige Berge mit Felsen und schneebedeckt. Hier gibt es auch keine dichten Wälder mehr, nur Tundra, Sumpf und lichtes Birkengestrüpp, dann ein langer, langer See.
Nächster Halt Abisko Östra, kaum zu glauben, dass hier irgendwo Menschen leben. Die junge Frau zieht ihre Outdoor-Jacke an, setzt den Rucksack auf und steigt aus. Dann überquert der Zug die Grenze nach Norwegen und dahinter…. einfach nur Wow!
Tief unten taucht das Wasser des Fjordes auf, oben die Berge, unten alles grün, oben Schnee und Wasserfälle stürzen die Felsen herab.
Der Zug schraubt sich langsam hinunter und dann gibt es auch wieder Wald und eine Stunde später bin ich in Narvik.
Angekommen.
Am nördlichsten Bahnhof Europas.