August 2013: Toscana in der Hochsaison

August 2013: Sommer in der Toscana

  • Nach Italien in der Hochsaison? Geht doch, ganz ohne überlaufene Strände!

Die Route:

  • Tag 1: Über das Tannheimer Tal, Hahntennjoch und Oberinntal nach Pfunds
  • Tag 2: Über Reschenpass und Stilfser Joch zum Iseo-See, in Brescia auf die Autostrada und bis Montecatini Terme
  • Tag 3: Montecatini Terme, Montecatini Alto
  • Tag 4: Montecatini Terme, Vinci, Montespertoli
  • Tag 5: Certoli, San Gimignano, Voltera, abends zurück nach Montespertoli
  • Tag 6: Montespertoli, Colle Val d‘ Elsa, Siena
  • Tag 7: Siena, Arezzo, Certola, Lago Trasimeno
  • Tag 8: Perugia, abends zurück zum Lago Trasimeno
  • Tag 9: Vom Lago Trasimeno über Pitigiano nach Massa Marittima
  • Tag 10: Ruhiger Tag in Massa Marittima
  • Tag 11: Massa Marittima, Piombino, San Giuliano Terme
  • Tag 12: Lucca, dann langsam auf Nebenstraßen den Apennin überquert, abends bei Parma auf die Autostrada bis Brescia zum Iseo-See
  • Tag 13: am Iseo-See
  • Tag 14: Vom Iseo-See am Gardasee entlang über Trient, Nonstal und Meran zum Timmelsjoch, Übernachtung in Sölden im Ötztal
  • Tag 15: Sölden im Ötztal
  • Tag 16: Von Sölden übers Hahntennjoch und Lechtal zurück nach Hause.

Pitigiano, Toscana

Über kurvige Straßen erreiche ich Pitigiano. Was ist denn hier Besonderes?
Im deutschen Reiseführer war es eher am Rande erwähnt, im englischen „Lonely Planet“ gilt es als eines der Highlights der Toscana. Aber was es hier zu sehen geben soll, weiß ich nicht. Also parke ich an einem ganz normalen Parkplatz in einem langweiligen Stadtviertel und folge zu Fuß den Schildern zum historischen Zentrum.
Was mich dann erwartet, ist in der Tat spektakulär: Eine Felsnase aus gelbrotem Tuffstein, die zu drei Seiten hin steil abfällt und oben drauf ist die Stadt, die Häuser scheinen aus dem Stein herauszuwachsen. Die Hauptstraße verläuft oben auf dem Kamm entlang und von dort führen enge Gässchen hinunter zum Abhang, durch Torbögen schaut man hinunter in die Schlucht, es gibt versteckte Höfe und Balkone. Es gibt sogar eine alte Synagoge
Von irgendwoher klingt Musik, jemand übt auf einem Instrument. Aus der Ferne grollt ein Donner, über der Stadt hängen tiefe, dunkle Wolken, aber das Gewitter kommt nicht.

Schlaflos in Siena

Es ist ein wunderschöner, milder Sommerabend. Gut gekleidete Menschen flanieren durch die Stadt. Ich habe mir ein frisches Hemd angezogen und flaniere mit. Trotzdem bin ich an meinem Rucksack unschwer als Tourist zu erkennen, was aber nicht schlimm ist, da es hier von Touristen wimmelt.
Nicht alle Touristen tragen Shorts und nicht alle laufen in abgerissenen Klamotten herum. Die Lokale rund um Piazza del Campo sind gut besetzt.
Es handelt sich fast ausnahmslos um Restaurants. Die gibt’s hier an jeder Ecke. Gemütliche kleine Restaurants, Pizzerien, edle Läden und einfache Lokale, nur Schnellimbissbuden gibt’s kaum, die Fleischklops- und Frittenbräterketten hat man aus der Altstadt verbannt. Ich habe keinen Hunger. Ich will nichts essen, außerdem ist es langweilig, sich allein in ein Restaurant zu setzen. Es macht auch keiner. wirklich keiner. Nirgendwo sehe ich jemanden alleine an einem Tisch sitzen.
Also gut, ich will irgendwo ein Bier oder einen Kaffee trinken. Gar nicht so einfach.
Die meisten Cafés sind schon geschlossen. Hier und kriegt man noch einen Espresso im Stehen. Rein theoretisch könnte man sich auch an einen der zwei oder drei kleinen Tischchen davor setzen. Ist aber unüblich und man hat das Gefühl, dass der Inhaber jede Minute darauf wartet, den Laden zu schließen. In einem der Restaurants „nur auf ein Getränk“ einzukehren ist ebensowenig üblich. Bleibt die Frage: Wohin gehen die Leute, wenn nicht ins Restaurant?
Die Antwort ist wohl: sie flanieren durch die Straßen.
Zwischendurch kann man ein Eis essen und sich auf die Mauern setzen, etwa rings um die Piazza del Doumo.
Und was macht man, wenn man alleine ist?
Man kann auch alleine flanieren. Ich sehe Leute alleine flanieren.
Korrigiere: ich sehe einzelne Leute zu Fuß unterwegs. Manchmal gut gekleidet. Auf dem Weg zu einem Date, zu einem Abendessen mit Freunden oder Familie?
Nur einmal, ein einziges Mal sehe ich tatsächlich einen jungen Touristen alleine an einem Tisch in einer Pizzeria. Und einmal eine junge Frau, sie sieht einheimisch aus. Vermutlich warten sie auf ihre Partner, die gerade auf Toilette sind oder später kommen.
Einzelgänger erkennt man normalerweise daran, dass sie irgendwas dabei haben, ein Buch, eine Zeitung ein Ipad oder einen E-Book-Reader. Rein theoretisch auch ein Laptop, aber das ist sehr selten.

Colle Val d‘ Elsa, Toscana

Ein Ort mit einem sperrigen Namen, dessen Bestandteile irgendwie nicht so richtig zusammen zu passen scheinen. Was für deutsche Ohren wie ein weiblicher Vorname klingt, ist ein Fluss. Und die beiden Attribute scheinen etwas mit Tal und Hügel zu tun zu haben….
Nun. Es ist eine Altstadt oben auf einer Hügelkuppe oder besser gesagt eine Altstdt, die aus einer langgezogenen Hauptstraße besteht, welche oben auf dem Kamm eines Hügels liegt. Wieder einmal eine Stadt auf einem Hügel. Wieder einmal enge Gassen, Kirchen, pittoreske Mauern, Fensterläden aus hölzernen Lamellen… Habe ich inzwischen genug solche Städte gesehen?
Es ist eine bislang ungewohnte Art zu reisen…. Gestern habe ich drei malerische toskanische Städtchen gesehen, heute kommen noch mindestens zwei dazu.

San Gimignano

Die Menschen besetzen jedes schattige Plätzchen in diesem mittelalterlichen Gewölbe an der Piazza mit dem Rathaus. Man sitzt hier und mampft Takeaway-Pizza aus dem Karton, oder toskanisch-belegten Semmeln oder Eis und nuckelt dazu an der Minieralwasserflasche. Familien oder Freundesgruppen teilen sich Kartons in Mega-Größe.
Es gibt Kunstgalerien, in denen dieselben Motive dutzendfach als echtes einzigartiges Original angeboten werden: San-Giminiano-Skyline als Aquarell, Stich, Lithographie, Photo oder Ölgemälde, gar nicht mal so teuer. Und auch gar nicht mal so schlecht.
Direkt hier an der Piazza gibt es einen Fotografen, der in einem winzigen Laden seine Bilder verkauft. In Postkarten- oder Postergröße, mit oder ohne Rahmen. Die Bilder sind genial. Wenn man die gesehen hat, will man keine Handy-Schnappschüsse mehr sehen. Immerhin ist der Mann angeblich hier geboren und lebt immer noch hier.
Man kann mitten im Trubel Bilder machen, auf denen kein Mensch zu sehen ist. Man muss die Kamera nur hoch genug halten. Dann knipst man ausschließlich mittelalterliche Mauern. Man kann auch einfach ein paar Gassen weiter gehen, schon wenige Meter von der breiten Hauptstraße (so breit wie jede ordentliche Innenstadtfußgängerzone) entfernt trifft man kaum mehr einen Menschen.
Dennoch: Der Ort ist ein Scheinriese.
Den eindrucksvollsten Anblick bieten die Türme und Mauern aus der Entfernung.

Montecatini Terme

Mitten in der Nacht bin ich angekommen und heute, als ich es endlich geschafft habe, die dicken Vorhänge und die Holzladen des Hotelzimmers beiseite zu schieben, schlagen mir Sonne und Sommerhitze entgegen. Wo bin ich hier?
In halbwegs stadtfein-zivilisierten Klamotten breche ich auf zur Erkundungstour.
Eine schöne, schattige Allee. Was für Bäume sind das? Platanen? Links und rechts ist ein Hotel neben dem Anderen, alle haben sie vier Sterne, was aber gar nichts zu bedeuten hat.
Ein paar Meter weiter beginnt ein Park. Schattige Kiefern. Vom Hotelfenster aus habe ich auf einen bewaldeten Hügel schauen können. Es gibt einen Kurpark und sehenswerte Kur-Anlagen, außerdem ein Nebel-Tal und Montecatini Alto, das Dörfchen auf einem Berg, welches mit einer Standseilbahn zu erreichen ist. Aber wo genau befinde ich mich?
Ich versuche, mich nach dem Sonnenstand zu orientieren. Wo ist Norden, in welche Richtung liegt Florenz und wo geht’s zum Meer? Um mich herum ist nur Park und Bäume. Das Bergdorf liegt im Norden die Flußebene des Arno im Süden und die Sonne müsste jetzt irgendwo im Südosten stehen.
Im Zentrum gibt es eine Piazza mit einer hässlichen modernen Kirche und eine kurze Fußgängerzone, die direkt auf das Bergdorf zuführt.
Der Fußweg nach oben nennt sich „Via Amore‟ und oben gibt’s eine Menge romantischer Fotomotive. Dummerweise ist mir gerade nicht nach Romantik.
Später gönne ich mir ein Bier auf der Hotelterrasse. Um halb zwölf bin ich alleine, es regnet ein paar Tropfen und die Luft ist angenehm frisch.