Reise über Wien in die Hohe Tatra und über Prag zurück

Ein Sommertrip in die Berge? Es müssen nicht immer die Alpen sein! Die Hohe Tatra ist das nördlichste, kleinste und womöglich unbekannteste Hochgebirge in Mitteleuropa…

Die Route:

  • Tag 1: Anreise mit dem Zug nach Wien
  • Tag 2: Wien
  • Tag 3: Wien
  • Tag 4: Wien – Bratislava – Poprad Tatry – Tatranska Lomnica
  • Tag 5: Tatranska Lomnica – Strba und zurück
  • Tag 6: Tatranska Lomnica – Kesmarok und zurück
  • Tag 7: Tatranska Lomnica – mit der Standseilbahn von Stary Smokovec hinauf, eine kleine Bergwanderung
  • Tag 8: Tatranska Lomnica – Strbske Plesu, Wanderung, abends nach Poprad Tatry zurück, mit dem Nachtzug nach Prag
  • Tag 9: Prag
  • Tag 10: Prag – abends über Cheb und Nürnberg nach Hause

Februar 2014: Winterreise nach Wien, Triest und Venedig

Februar 2014: Winterreise nach Triest und Venedig

  • Im Winter ans Mittelmeer? War ich noch nie! Triest ist eine wunderschöne Stadt und Venedig im Februar definitiv eine Reise wert. Eine spannende Reise… die vor allem sehr dramatisch angefangen hat

Die Route:

Von Österreich über Deutschland nach Italien

Wien, fünf Uhr in der Früh. Noch vor dem Wecker werde ich wach. Aufstehen, Duschen, Zusammenpacken, Auschecken…. Trolleykoffer über Bürgersteig und wie gestern verklemmen sich ständig kleine Streugutgranulatsteinchen zwischen den Kofferrollen.
Eine türkische Bäckerei hat schon geöffnet, da gibt’s Spinat-Blätterteiggebäck, Sesamkringel und Croissants. Wenige Minuten später bin ich am Bahnhof. Auch hier sind die Bäckereibuden schon geöffnet, ich hole noch mir einen Kaffee und noch ein Marzipancroissant, balanciere meine Provianttüten plus Kaffeebecher zum Bahnsteig, wo der Zug schon bereitsteht.
Menschen drängen in die Wagons, von vorne, von hinten… ich krame meine Fahrkarte heraus, habe zum Glück einen reservierten Platz, was ich normalerweise nie mache, für heute aber war es definitiv eine gute Entscheidung, denn der Zug ist brechend voll. Ich finde meinen Platz, schlürfe meinen Kaffee, schließe die Augen und lehne mich zurück. Der Zug ruckt an. Draußen stockfinstere Nacht, auch in St. Pölten noch und in Linz schaue ich im Dämmerlicht auf eine schmutzige Schneedecke. Nochma. Augen zu bis Salzburg. Da beschließe ich, wach zu werden.
Der Zug, überquert die Salzach – kurzer Blick auf das Altstadtpanorama mit der Festung im Hintergrund – und dann geht es über die Grenze um ein Stück Deutschland zu durchqueren ohne anzuhalten.
Nebel über dem Chiemgau. Die Berge sieht man nicht. Schmutzige Restschneedecke. In Prien liegt kein Schnee mehr. Der Schaffner zwickt meine Fahrkarte und diskutiert mit der jungen Frau schräg gegenüber, die hat nämlich ihr Ticket als SMS aufs Handy bekommen, aber es funktioniert nicht. Ich stehe auf und begebe mich in den Speisewagen. Einen Kaffee bitte. Was für einen Kaffee? Espresso, Verlängerter, Melange oder Cappuccino? Oh, in Österreich darfst Du niemals einfach nur einen Kaffee bestellen, auch wenn ich streng genommen, momentan gar nicht in Österreich bin!
Im Speisewagen sitzen nur noch zwei grauhaariger Herren und tippen auf ihren Handys herum. Es geht durch Waldlandschaft, Nebel, Schneereste, am Simssee entlang, normalerweise sieht man hier Berge, aber momentan sind grad keine da.
In Kufstein überquert der Zug wieder die österreichische Grenze. Ich trinke meinen Kaffee aus und gehe auf meinen Sitzplatz zurück. Pünklich kommen wir kurz vor elf in Innsbruck an. Endstation, meine Damen und Herren, alles aussteigen, bitte rasch aussteigen, damit der Zug jetzt gereinigt werden kann.
Ich habe eine knappe halbe Stunde. Zeit, um einen Kaffee zu trinken?
Ich trete hinaus auf den Bahnhofsplatz. Autos und Straßenbahnen, Laternenmasten, Reklametafeln und Bürohausfassaden wie an jedem beliebigen Bahnhofsvorplatz jeder beliebigen europäischen Großstadt…. aber hinter den Bürohausfassaden funkeln die Berge… Schneebedeckte Berge vor einem kristallklaren blauen Winterhimmel, zum Greifen nah knapp hinter den hässlichen Bürohausfassaden….

Eine ungeplante Nacht in Wien

Alles ist schon bezahlt: das Hotel in Triest morgen Abend, das Hotel in Venedig, die Rückfahrt im Schlafwagen Single-Deluxe-Abteil und vor allem die Hinfahrt mit ebenjenem Zug, der da jetzt vor mir steht und in zwölf Minuten losfahren wird, aber nicht nach Italien.
„Die Rückfahrt können’s sich erstatten lassen, aber nur bis neun Uhr, da müssen’s sich beeilen!“
Also doch mit diesem Zug bis Villach fahren und dann von dort mit dem Bus oder auf anderem Wege weiter?
„Keine Ahnung ob da irgendwas geht! Ich würd‘ nichts drum geben!“
So. Jetzt scharf nachdenken.
Es ist fast neun Uhr abends, es ist Winter, ich bin in Wien und komme hier definitiv nicht mehr weg. Glück im Unglück: hier am Bahnhof gibt es offenes und kostenloses Wlan. Nochmal Glück gehabt: Ich finde ein Hotelzimmer, neununddreißig Euro ohne Frühstück, irgendwo hier in Bahnhofsnähe.
Noch ist das Reisezentrum geöffnet. Vor den Fahrkartenverkaufsschaltern ist eine lange, lange, Schlange und vermutlich werden sie jetzt demnächst irgendwann die Türe abschließen.
Also, Rolltreppe runter, durch die Glastür ins Reisezentrum. Vor den Fahrkartenschaltern sind lange Schlangen. Es gibt einen „Informations“-Schalter, da ist die Schlange kürzer. Vor mir eine Gruppe von drei jungen Amerikanerinnen mit Rucksäcken, die diskutieren lange und der Typ auf der anderen Seite – Lockenmähne, Bart und Nickelbrille – lässt gerne mit sich diskutieren. Hinter mir wird die Schlange minütlich länger. Endlich sind die Amerikanerinnen weg, der Typ drückt mir ein Erstattungsformular in die Hand und sagt mir, dass auch morgen nichts mehr geht und wenn ich einen Riesenumweg fahren will, dann ist das meine Sache und eine Fahrkarte kann er mir sowieso nicht mehr verkaufen weil er erstens nur für Informationen zuständig ist und zweitens sowieso jetzt Feierabend hat. Die Leute in der Schlange hinter mir müssen sich in andere Schlangen einsortieren.
Ich auch. Also reihe ich mich in die nächste Schlange ein.
Vor mir steht ein junger Mann aus Serbien in Begleitung seiner Mama, die einer Dame aus Ungarn erzählt, dass Sohnemann morgen auf eine Hochzeit in die Schweiz soll, aber kein Wort Deutsch spricht.
Nach zwanzig Minuten bin ich kaum einen Meter weit voran gekommen. Jeder hier scheint irgendein kompliziertes Problem zu haben. Vermutlich bin ich nicht der einzige, der aus dem Venedig-Zug herausgeworfen wurde. Wenn es also in diesem Tempo weitergeht…. kurze Kalkulation: drei geöffnete Schalter, vor mir ein knappes Dutzend Leute, die meisten allerdings in zweier- oder Dreiergrüppchen… um einundzwanzig Uhr sechsunddreißig bin ich endlich an der Reihe. Mein Schlafwagenticket kann ich umtauschen. Und morgen früh um sechs Uhr dreißig kann ich über Salzburg, Innsbruck, Bozen und Verona nach Venedig und weiter nach Triest fahren, dann bin ich abends um halb sieben dort. Ich muss natürlich ein neues Ticket bezahlen und das ganze kommt mich dann teurer als…. egal, ich habe keine andere Wahl.
Um kurz nach zehn bin ich wieder draußen im Wiener Nieselregen. Im Glatteismatsch schlittere ich die Straße entlang. Immer wieder verfangen sich kleine Streugutgranulatsplitsteinchen in den Rollen meines Trolleykoffers. Rechts donnern die Autos vierspurig über den Neubaugürtel, links sind grelle Leuchtreklamen: schmierige Kebab- und Pizzabuden, zwielichtige Wettbüros, Cafes und schummerige Kneipen, ab und zu in den Seitenstraßen ein Hotelschild, hier und da auch der eine oder andere Rotlichtschuppen. Ein richtiges Bahnhofsviertel eben. In noch nicht allzu ferner Vergangenheit gingen hier auch die Bordsteinschwalben auf Kundenfang, aber seit einigen Jahren ist der Straßenstrich verschwunden. Ich weiß ungefähr, wo mein Hotel sein müsste, nämlich irgendwo links von mir in einer Seitenstraße…. aber ich finde es nicht. Und blöderweise habe ich mir auch keinen Stadtplan ausgedruckt bzw. abgespeichert.
In der nächsten Dönerbude frage ich nach dem Weg.
Papa Döner weiß es auch nicht, aber tippt in seinem Handy herum.
Sohnemann- Döner schüttelt den Kopf, macht zwei Döner fertig, packt sie in Alufolie und schüttelt erneut den Kopf.
„Kennen wir nicht! Frag doch einen Taxifahrer!“
Papa Döner blickt von seinem Handy auf.
„Eins komma eins Kilometer!“ sagt er stolz, „Hier gegenüber links rein und dann die erste oder zweite Seitenstraße!“
ich folge seinen Anweisungen, aber auch die dritte Seitenstraße hat einen anderen Namen. Immerhin gibt es da ein Hotel. Und da steht kein Name dran.
Von drinnen sieht der Laden erstaunlich ansprechend aus, sauber, modern und schick alles. Natürlich nicht der Laden, den ich gebucht habe.
Aber dasMädel an der Rezeption sucht geduldig auf Google Maps und zeigt mir den Weg auf dem Stadtplan. Ich bedanke mich… gehe um ein paar Ecken…. und der Laden ist erstaunlich ansprechend und sauber, und Wlan gibt’s auch!
Ich lasse mich aufs Bett fallen und gönne mir das Bier, das ich vorhin im Lebensmittelladen am Bahnhof gekauft habe.

Wien Westbahnhof: Es geht kein Zug nach Nirgendwo

Lichter der Stadt. Autoscheinwerfer und Rücklichter, die sich in Regenpfützen spiegeln. Leuchtreklamen, Straßenlaternen, das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt, das Rumpeln von Straßenbahnen und auf den Laufbandanzeigen an den Haltestellen steht: „Achtung Glatteis!“. In den Parks liegen noch Schneereste. Ich ziehe meinen Rollkoffer über Bürgersteiger, Bordstein rauf, Bordstein runter, Klappe den Mantelkragen hoch beim Warten im Nieselregen und esse ein Stück Spinatpizza mit viel Knoblauchsoße, das Ding vorsichtig auf dem Pappteller so balancierend, dass mir die Soße nicht über die Kleidung tropft. Ich habe Zeit. Ich habe viel Zeit. Ich habe noch Zeit für einen Kaffee in meinem Lieblingscafehaus, das liegt direkt an der U-Bahn-Haltestelle, und die Bahn braucht genau neun Minuten. Fünf Minuten bis ich unten am Bahnsteig bin. Fünf Minuten warten. Neun Minuten Fahrt. Fünf Minuten von der U-Bahn zum Zug. Zeit, um in Ruhe auszutrinken und mich dann auf den Weg zu machen
Natürlich bin ich ein bisschen nervös. Natürlich habe ich ein bisschen Herzklopfen, wenn es auf die große Reise geht… eine Reise in einem Nachtzug, Schlafwagen, Einzelabteil. Ich freue mich auf das sanfte Schaukeln, das Rattern der Räder über die Schienen, das gelegentliche Quietschen von Bremsen und die geheimnisvolle Stille, wenn der Zug irgendwo stehenbleibt, vor einem Signal oder in einem Bahnhof – vielleicht noch mit quäkender Lautsprecheransage, dann das Geräusch von Zuschlagenden Türen, eine Trillerpfeife und das Rattern, welches dann wieder anhebt…. und am nächsten Morgen ist man dann, etwas verknittert vielleicht, in einer fremden Stadt, in der man sich erst einmal orientieren muss und es ist wie ein Geschenk, welches man ganz geruhsam auspacken muss.
Ja. Darauf freue ich mich also. Ich trinke meinen Kaffee aus, winke der Bedienung, bezahle, greife Mantel und Koffer und gehe hinaus in den abendlichen Nieselregen…. überquere die Straße zur U-Bahnstation, fahre mit dem Aufzug hinunter in den Untergrund, warte vier Minuten, fahre neun Minuten, steige aus und schwebe auf Rolltreppen allmählich nach oben.
Der Westbahnhof wurde vor wenigen Jahren umgebaut zu einer Art großartigem Einkaufszentrum mit Bahnanschluss und alles wirkt noch neu und sauber und wuselig voller Menschen. Menschen, die in den von brusthohen Marmorwänden abgetrennten Sitzgruppen die in den verschiedenen Fastfood-Outlets gekauften Mahlzeiten verzehren, Menschen die auf Züge warten, Menschen, die gerade angekommen sind…
Ich habe immer noch Zeit.
In dem kleinen Lebensmittelladen reicht die Schlange vor der Kasse bis zurück zum Ausgang, aber es geht erstaunlich schnell. Zwei kleine Fläschchen Bier für einsneununddreißig.
Alles wegstecken, den Geldbeutel auch und dann ohne Hektik zum Bahnsteig: Nachtzug nach Venedig, über Salzburg, Villach und Tarvisio Boscoverde.
Bin ich hier richtig?
Menschen stehen in Grüppchen und diskutieren.
Was gibt’s?
„Nach Venedig fahren wir heute nicht!“ sagt ein Typ, der zwar keine Uniform trägt, aber trotzdem so etwas wie eine offizielle Funktion zu haben scheint.
„Und wie komme ich dahin?“ fragt eine Dame.
Der Typ zuckt mit den Schultern.
„Nach Salzburg können’s fahren. Oder auch bis nach Villach. Da ist aber Feierabend. Morgens um halb fünf. Das macht kaum einer!“
„Wie kommt man von dort aus weiter?“
„Gar nicht. In Italien steht alles unter Wasser. Heut geht gar nichts. Morgen auch nicht. Übermorgen wissen wir nicht!“
Meine sorgfältig geplante Italienreisepläne haben sich soeben in ein Nichts zerschreddert.

Schneematsch in Wien

Im Nieselregen gehe ich durch den Prater, die Hauptallee entlang. Die Temperatur ist knapp über dem Gefrierpunkt, der Schnee schmilzt und das Schmelzwasser friert zu Glatteis. Ich nehme die Straßenbahn zurück in die Stadt und flüchte mich in das Einkaufszentrum im Bahnhof Mitte – alles ist geschlossen, nur die Buchhandlung hat geöffnet. Ich kaufe einen Reiseführer für Venedig und noch einen für Triest, dann gehe ich einen Kaffee trinken…

Ein Stadtheuriger in Wien

Ein Stadtheuriger, irgendwo im ersten Bezirk, einen Steinwurf vom Stefansdom entfernt. Kopfsteinpflastergassen, Gewölbedecken, rustikales Interieur mit groben Holztischen und die Biedienungen tragen Schürzchen und Hütchen mit karierten, betont bäuerlichen Mustern. Es gibt… alles, was es in Heurigenlokalen halt so gibt, also Wein – nicht nur heurigen Wein – in allen Geschmacksrichtungen und Preisklassen, als Glas, Flasche oder Karaffe, und natürlich gibt’s auch Bier und vorne eine Theke, an der man sich das Essen bestellen kann, also deftig-bäuerliche Kost wie Speck und Knödel und Käse und Würste jeder Art. Die Tische sind groß und der Gräuschpegel ist erheblich, so dass man einander fast anschreien muss, will man mit seinem Gegenüber kommunizieren. Weiter gesteigert wird der Lärmpegel dann durch die Musiker, die in Heurigenlokalen leider oft unvermeidlich sind, hier vorhanden in Form eines Geigers, eines Gitarrenzupfers und eines Akordeonspielers. Es wird also gefiedelt, gezupft und gequetscht, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Endlich ein Aufatmen, als sich das Musikantentrio um die Ecke verzogen hat und die Gäste im Nebenraum belästigt… äh beglückt, der Lärmpegel sinkt ein wenig und dann…. plötzlich ist es still.
Der Fiedler fiedelt weiter, aber ganz leise und unaufdringlich. Gitarrenzupfer und Quetschkomodenquetscher halten still. Und diese Stimme?
Was ist das für eine Stimme?
Da singt jemand! Aber wie!
Eine Opernarie vom Feinsten!
Ich bin nun wirklich kein Musikexperte und Gesang war noch nie meine Sache und Opernarien schon gar nicht…. aber diese Stimme… einfach genial… himmlisch….. köstlich!
Leute stehen von ihren Tischen auf und drängen sich vor den Torbogen, der den Durchgang zum Nebenraum freigibt. Auch ich stehe auf.
Und dann sehe ich sie: eine bildhübsche junge Frau mit langen, dunklen Haaren und zarten, fast, aber nicht ganz asiatisch wirkenden Gesichtszügen, sitzt da ganz locker an einem Tisch, vor sich ein Glas Bier, ihr gegenüber zwei Männer… und sie singt.
Sie beendet das Lied und als alle Gäste applaudieren, wird sie ein wenig rot. Sie schaut nicht ins Publikum, spricht nur kurz mit den Musikern, die gleich noch ein Stück anspielen, und sie singt weiter…. und noch ein Stück….
Ein Grüppchen von Engländern lässt sich mit ihr fotografieren. Mit einem Ohr kriege ich mit, dass sie aus Südafrika kommt, seit ein paar Monaten in Wien lebt und tatsächlich an der Oper singt.
Später dann ist sie weg. Die Musiker fiedeln weiter und einer der Engländer – ungefähr so um die Sechzig und nicht mehr ganz nüchtern – steigt auf eine Bank und imitiert den Can-Can…

Cafe Hawelka, Wien

Ich war schon lange nicht mehr im Hawelka. Das Kaffeehaus steht in jedem Reiseführer. Es hat eine lange Geschichte und früher einmal trafen sich hier die Revoluzzer und Literaten um Revolutionen zu planen oder darüber zu schreiben. Vor ein paar Jahren noch war die Luft hier zum Schneiden und dicke Tabaksqualmwolken waberten durch den Raum, über die abgeschabten Polstermöbel hinweg, an den mit Plakaten beklebten Säulen vorbei, zwischen den befrackten Kellnern hindurch…. und nichts entging den Augen der betagten Seniorchefin, die auch mit fast neunzig Jahren noch das Regiment führte und hereinkommende Gäste zu freien Tischen dirigierte.
Jetzt ist sie nicht mehr da. Dahin gegangen, wo man mit über neunzig Jahren gehen darf. Aber immer noch gibt es jeden Abend um zehn Uhr frische Buchteln.
Mein Bier kommt auf einem kleinen Silbertablett.
Keine zwei Minuten, nachdem ich Platz genommen habe, schlurft ein Typ an meinen Tisch: Anfang Zwanzig, fettiges Haar, speckiger Anorak.
Er sei Straßendichter, sagt er, und will mir ein Gedicht verkaufen, in Form eines handgeschriebenen, fotokopierten Blattes.
Zwanzig Cent soll es kosten, oder gerne auch mehr, wenn ich ihn bei seiner geplanten Karriere unterstützen möchte. Ich gebe ihm einen Euro, und erst als er schon weg ist fällt mir ein, dass ich mir ja eigentlich das Blatt von ihm hätte signieren lassen sollen, denn wer weiß, vielleicht wird er ja wirklich noch einmal berühmt.

Café Griensteidl, Wien

Der Michaelerplatz hat in der Mitte ein Loch, so eine Art archäologische Baugrube. Auf dem Boden finden sich Mauerreste, die stammen teils aus der Römerzeit, teils aus dem Mittelalter, teils erst aus dem 19. Jahrhundert. An der Westseite des Platzes ist das Michaelertor, der Eingang zur Hofburg. Die Kuppel hat eine legendär tolle Akustik, weswegen sie oft von Straßenmusikern aufgesucht wird, was aber vermutlich längst verboten ist.
Auf der anderen Seite des Platzes ist das Café Griensteidl. Früher haben sich hier – wie in allen traditionsreichen Kaffeehäusern – die Revoluzzer und Künstler getroffen, aber dann hat man das Ding abgerissen, ein neues Gebäude hingesetzt und hundert Jahre später auch wieder ein Café eröffnet. Ich trete ein. Parkettboden, rote Plüschbänke, Stühle aus dunklem Holz, ebenfalls mit rotem Plüsch überzogen, kleine Marmortischchen, Spiegel und dunkles Holz und schwere rote Samtvorhänge. Kein Zigarettenrauch, kein Wlan.
Ich bestelle einen Kleinen Braunen und belausche die Damen am Nebentisch.
„Energetisch ist unser Gespräch jetzt zu Ende!‟, sagt die Eine und dann schweigen sie sich noch eine halbe Stunde lang an.